Review: New Order

new-order_music-completeNew Order – „Music Complete“

Die Reaktionen auf diese Platte gehen auseinander. Man liest auf der einen Seite, New Order hätten hier ihre beste Platte seit den 80s gemacht. Eine zweite Fraktion meint dagegen, dies sei ja wohl ein totaler Griff ins Klo und überhaupt, ohne Peter Hook geht schon mal grundsätzlich nix. Und ich? Kann mich mal wieder keiner größeren Gruppe anschließen, als wäre das ein Prinzip meines Seins. Ich find die Platte „so mittel“. Eigentlich ganz ordentlich.

Was erwarten wir denn von New Order? Ihre letzte Platte, auf der sie sich selbst gepusht haben und dabei auch Teile ihrer Fanbase erschreckten, war „Technique“. Und das war vor 28 Jahren. Seitdem verwalten sie auf hohem Level ihr Erbe, und das ist ja auch vollkommen okay so. Das steht ihnen ja zu. Angefangen hat das mit „Republic“ (1993), da reichte es, dass sie das Album mit einer Lead-Single ankerten, die unverwechselbar klang wie ein New Order-Hit. „Regret“ war das. New Order waren damals schon Legenden, wegen ihrer Geschichte.

Diese Geschichte kennt ihr ja: New Order waren 3/4 von Joy Division, bis zum Selbstmord von deren Sänger Ian Curtis im Mai 1980. Ein Ereignis, das den Rest der Band natürlich komplett konsterniert zurück ließ. Aber Gitarrist Bernard Sumner, Bassist Peter Hook und Drummer Steven Morris entschieden sich, weiter zu machen – nur der Sound sollte nichts mehr mit Joy Division zu tun haben. Ein Abend in einem New Yorker Dance Club war dann die Initialzündung. „Wir sollten Musik machen, zu der die Leute auch so tanzen können“ entschied Sumner, der widerwillig zum Frontmann avancierte. Morris Freundin Gillian Gilbert stieg als Keyboarderin ein und seitdem klingen New Order, wie sie klingen: Wie eine Synthpop-Band, die zwar Dancemusic macht, aber in Wirklichkeit aus der dunkelsten Stunde kommt. Mit einem Sänger, der kein Sänger sein wollte, der nie den Mittelpunkt suchte und dem das Texten nur schwer von der Hand geht. Mit einem Bassisten, der seinen Indierock-Background nie ablegte und New Orders Synth-Tracks und Popsongs immer charakteristisch rollende Basslines zugrunde legte, die zu ihrem Markenzeichen wurden. Über die 80s entwickelten sich New Order von einer Band, die mit ihrem neuen Spielzeug, den Synthies, eher kreativ dilettierte, aber die dadurch für den einen oder anderen Geniestreich offen war („Blue Monday“ wurde ein unglaublicher Welthit und ist heute noch ein Klassiker) zu Profis ihres Sounds. Bei ihrem zweitgrößten Hit „True Faith“ (1987) sitzt schon alles wie angegossen, der stampfende Beat, die bollernde Bassline, der radiofreundliche Refrain. 1989 dann die letzte elektrische Zuckung mit dem Album „Technique“: New Order führten zu der Zeit den legendären Manchester-Rave-und-Acid House-Nightclub „Hacienda“ und legten ein Album hin, das House-Anleihen in die Welt des Indierock einführte. Dann machten sie ihre erste längere Pause.

New OrderUnd damit sind wir wieder beim oben angesprochenen „Republic“, New Orders erstem Comeback von 1993. Bei dem Punkt, wo New Order anfingen, sich selbst auf hohem Niveau zu wiederholen. Als Pioniere, die erst einen Weg in unerschlossenes Territorium schlugen, sich aber dann irgendwann nieder gelassen haben und nun ihr Feld bestellen. Niemand würde diese verdiente Vorhut aus ihrer Hütte wieder weiter in die Berge scheuchen wollen, so a la „Entdeckt gefälligst was Neues!“ Wenn sie ab und zu Früchte ihrer Ernte auf den Markt bringen, zollt man Respekt und staunt, wie gut es jedes Mal wieder schmeckt.

Denn es ist ja durchaus so, dass New Order, auch ohne ihren Soundrahmen zu erweitern, immer mal wieder einen Bringer rausgehauen haben. Man denke nur an „Crystal“ von 2001, wohl Platz 3 auf der Liste ihrer Klassiker. Welche andere Band hat einen ihrer definitiven Mega-Hits im 21sten Jahr ihres Bestehens geschrieben?

„Music Complete“ aber jetzt. Die Fakten: Diese Platte erscheint über zehn Jahre nach New Orders letztem Album mit neuem Material („Waiting For The Sirens’ Call“, 2005) – wenn man die Band Bad Lieutenant ausklammert, die ja quasi New Orders Mk II waren, nachdem Peter Hook hat die Band vor acht Jahren im Streit verlassen hat (Hook kommt übrigens rüber wie ein ganz besonders bitterer Griesgram, so wie er weiter nachtritt, seit die Band ohne ihn live spielt.) Bad Lieutenant bestanden aus allen NO-Mitgliedern außer Hook: Also Sumner, Morris, Gitarrist Phil Cunningham (New Order-Mitglied seit 2001), dazu gleich zwei Bassisten: Tom Chapman und Alex James (Blur). Es war schon erstaunlich, wie viel ein Name ausmacht: Bad Lieutenant, die also faktisch New Order waren, bzw ihr Album „Never Cry Another Tear“ (2009) wurden ziemlich übersehen. Was wohl der Grund war, warum man dann doch zum Namen New Order zurück wechselte, als Alex James zu Blur zurück ging und dafür Gillian Gilbert, die sich lange um ihre Kinder gekümmert hatte, wieder bei New Order zurück an Bord kam.

„Music Complete“, die Klänge: Was immer peinlich ist, ist, wenn eine Band, die lange dabei war, zwanghaft hip und aktuell sein will. New Order ist die Nachwelt insofern entgegen gekommen, als seit über einem Jahrzehnt ein 80s-Revival tobt. So können New Order Gäste wie La Roux oder Brandon Flowers (der The Killers bekanntlich nach dem Video zu „Crystal“ benannte) einladen und es ist kein Versuch, mit jungem Blut Hipness zu generieren, viel mehr schließt sich ein Kreis.

Oft wird gesagt, „Music Complete“ sei ein extrem elektronisches Album. Hmmm. Ja, man hört weniger Gitarren als auf allen ihren Alben seit „Republic“. Aber selbst wenn New Order sich hier tanzbarer geben und manchmal sogar fröhlich experimentieren (man höre den Giorgio Moroder-Quatsch „Tutti Frutti“ oder Iggy Pops Gastauftritt als Märchenonkel from Hell in „StrayDog“) oder zum „Rapper’s Delight“-auf-Speed-Bass ein Happy Mondays-Indiehouse-Piano entstauben („People On The High Line“) , sie begeben sich doch nie so weit nach draußen aufs Tech-Eis wie damals auf „Technique“.

neworderWas sage ich zur Absenz von Peter Hook? Nun, Peters Style ist natürlich unverkennbar – aber auch nicht unkopierbar, Viele 80s-Revival-Bands haben sich einen Spaß daraus gemacht, referentielle Hook-Bassläufe in ihre Songs einzubauen – das kann Tom Chapman schon lange! Der spielt schließlich seit Bad Lieutenant mit Bernard Sumner, das sind inzwischen auch 6 Jahre. Da hat viel abgefärbt, der Sound ist ähnlich. Anders als Hook drängt sich Chapman mit seinen Hook-Lines nie so in den Vordergrund. Das macht was aus im Klangbild. Aber es ist nicht der Affront, den manische Hook-Verfechter darin sehen.

Mein Problemchen mit der Platte: Die Songs sind zu lang. 64 Minuten bei 11 Tracks, nur ein einziger Titel unterschreitet die 4-Minuten-Marke. Klar, ein Titel muss sich aufbauen und entfalten dürfen. Aber hätten New Order hier, sagen wir, vier mal das Skalpell angesetzt, hätte das dem Album geholfen. Vier Songs wären auf ihre Essenz runter gebrochen und zu knackigen Popnummern gestutzt worden. Das hätte dann auch wieder bei den uneditierten Nummern die Wirkung verstärkt.

Ansonsten gilt natürlich, was seit „Republic“ gilt: New Order sind New Order sind New Order. Das wissen wir und was anderes wollen wir doch gar nicht von ihnen hören. Es ist Elektronik-affine Gitarrenpopmusik, die aus einer schwarzen Wolke der Melancholie gewachsen ist. Mit Texten, bei denen man sich manchmal so sehr an den Kopf greift, dass lichtere Momente wie Geniestreiche wirken. Mit breit geschichteter Klangmalerei, aber mit Melodien von entwaffnender Simplizität. Und mit Bass-Hooklines, okay, die hier nicht von Hooky kommen. Mit all ihren Stärken und Schwächen sind New Order auf „Music Complete“ aber zuallererst mal: New Order. Und das reicht. Denn (hatte ich das erwähnt?) sie sind New Order.

New Order wert

New Order – Restless (Official Video) from Mute on Vimeo.

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