Interview: The Seasons

Seasons 1Eine der feinsten Neuerscheinungen diese Woche kam von den jungen Franko-Kanadiern The Seasons. Die Brüder Julien und Hubert Chiasson (beide Gitarre, Gesang), Drummer Remi Bélanger und Bassist Samuel Renaud haben mit „Pulp“ ein locker-flockiger Sixties-Pop-Debütalbum hingelegt, bei dem die Gitarren fast immer akustisch bleiben. Hubert Chiasson erzählt uns mehr über seine Band in einem Telefongespräch…

Hallo, Henning hier, aus München.

Hallo, hier ist Hubert!

Eine schöne Platte habt ihr gemacht! 

Danke!

the seasons coverSie klingt sehr relaxt – seid ihr auch als Typen so relaxt, wie das Album klingt?

…? Warum wir so relaxt sind?

Nein, ich fragte, ob ihr so relaxt seid wie eure Musik. Könnte ja auch ansdersrum sein. Dass ihr total unter Strom steht und ihr diese leise Musik macht, um runter zu kommen.

Ja, ich glaube, letzteres trifft es eher. Ich glaube, im richtigen Leben sind wir nicht so relaxt. Ich finde auch, die Platte ist gar nicht unbedingt relaxt. Da gibt’s doch Songs wie „Velvet Wedding“ oder „Ieieo“, in denen definitiv eine Spannung herrscht. Ich glaube, das Schreiben war Therapie für uns. Ich glaube, wir machen diese Musik, um aus der Realität zu flüchten.

Ja ist die Realität denn so schlimm bei euch? Ich habe mir euren Heimatort Beauport im Internet angeschaut – ich fand, es sieht dort so richtig idyllisch aus. Ihr habt einen richtig großen Wasserfall…

Ja klar – im Internet zeigen sie natürlich auch nur die besten Seiten einer Stadt! Die Stadt hat auch ihre schönen Seiten, okay, aber im Großen und Ganzen ist es halt ein ganz normaler Vorort wie jeder andere Vorort in Nordamerika. Alle Häuser sehen gleich aus, es ist nicht der beste Ort zum Leben.

Beauport ist ein Vorort von Quebec, richtig?

Ja, genau.

So nahe an Quebec, dass ihr immer in Quebec abhängt? Oder verbringt ihr doch mehr Zeit in Beauport?

Letzteres. Quebec ist noch mal 20 Minuten weg, Beauport liegt ein bisschen außerhalb. Wir leben in Beauport, sind aber letztlich Teil der Musikszene von Quebec.

Was gibt’s denn so zu erzählen über die Szene von Quebec?

Naja, Quebec ist keine Großstadt, so viele Bands gibt es nicht. Hier werden trotzdem ganz coole Sachen auf die Beine gestellt, aber es ist kein Vergleich zu Montreal. Das ist natürlich eine berühmte Musikmetropole, da gibt’s viel mehr Bands und Labels. Aber in Quebec ist es in Ordnung und wir sind stolz, zu dieser Szene zu gehören. Denn wären wir aus Montreal, würden wir nur am Ende klingen wie alle Montreal-Bands. Die klingen ja alle sehr ähnlich wegen Arcade Fire und ihrem Umfeld. Weil wir aus Quebec sind, haben wir unseren eigenen Sound.

Was ich über Quebec weiss, ist dass es eine Hochburg für die frankophone Seperatistenbewegung ist. 

…Ja?

Was ich fragen wollte ist: Gibt es Leute in Quebec, die sich daran stören, dass ihr auf Englisch singt und nicht auf französisch?

Ja, die gibt es. Das ist ’ne knifflige Frage. Manche Leute sind unglücklich darüber. Aber, naja, das ist eine Debatte, die uralt ist. Junge Leute streiten darüber eigentlich nicht mehr. Ich meine, wir sprechen Französisch und wir tun ja nicht so, als wäre es anders. Aber wir singen auf Englisch, weil wir es halt lieber mögen. Es gibt natürlich auch viele Künstler, die auf Französisch singen. Wir kommen miteinander klar und unterstützen uns, denn am Ende ist es doch nur Musik. Wir sind keine Politiker. Es ist eine Debatte, an der wir nicht teilnehmen wollen.

Na okay. Was mir aufgefallen ist: Ihr benutzt keine Verzerrer. Ihr habt immer die akustische Gitarre unverzerrt am Start.

Och, manchmal verwenden wir schon auch Verzerrer.

Ja, aber selten, im Vergleich zu anderen Bands.

Ja, okay, das Album „Pulp“ steht auf einer akustischen Grundlage, aber als Effekt benutzen wir schon auch gerne andere Sounds. Wir sind schon auch manchmal elektrisch und wir machen auch ganz gerne mal ausgeflipptere Sachen. Okay, das Album jetzt ist mehr akustisch. Aber im Konzert sind wir Rock’n’Roll-iger, und wir wollen uns auch nicht einschränken. Aber klar, wir sind keine Heavy Metal Band.

Seasons 2Mir gefällt es ja, dass ihr so arbeitet. Es gibt euch euren eigenen Sound.

Ja. Und die Künstler, die wir gerne hören, wie die Beatles, die haben schon auch Verzerrer verwendet, aber nicht so viel. Wir möchten halt, dass es locker bleibt – und das ist eine Art, dafür zu sorgen.

Eine Band gibt’s aus der jüngeren Zeit, an die ihr mich erinnert. The Tellers aus Belgien – kennt ihr die?

The Tailors?

Nein, The Tellers. Wie in: To tell something.

Kenne ich nicht, nein. Und die klingen wie wir?

Jetzt nicht gleich zu 100% – aber es ist halt nur die Band, an die eure Platte mich am meisten erinnert hat. Und was ich interessant fand, war, dass die Tellers als Wallonen doch auch Französisch als Muttersprache haben. Und da dachte ich mir: Vielleicht ist letztlich in Eurem Sound ja doch auch was typisch Französisches. 

Also ich glaube das nicht, ich weiss nicht. Hmm. Die Tellers werde ich mir mal anhören. Ist das eine Folkband?

Ich glaube, sie waren mehr beeinflusst von Britpop-Bands. Aber sie spielten halt auch auf akustischen Gitarren und ihr Gesangsstil war ähnlich. 

Die höre ich mir an. Aber ich glaube trotzdem, dass es keine Verbindung zwischen unserem Sound und unserer französischen Muttersprache gibt.

Hätte ja sein können, dass auch französische Sixties-Musik zu euren Einflüssen gehört…

Also klar, wir lieben auch französische Musik. Klar haben wir auch immer gerne Jaques Brel oder so jemanden gehört. Klar, wir können sagen: Das ist ein guter Gitarrensound, und wir übernehmen ihn in einem englischen Song. Ja, vielleicht kommt’s tatsächlich da her.

Ich habe mir eure Texte angeschaut – und aufgefallen ist mir aus „Kitsch Trick“ gleich mal die Zeile „Don’t let Halle Berry drive your car.“ Warum denn nicht?

Na, weil sie mal einen Unfall gebaut hat! Ist länger her. Ich kenne die Story gar nicht genau, war sie nicht sogar betrunken? Wir haben davon gehört, und wir fanden’s einfach witzig, das in den Song einzubauen. Halle Berry ist halt eine schlechte Fahrerin, sie ist gefährlich. In dem Song geht es um amerikanische Popkultur, drum fanden wir es witzig, das einzubauen.

Ach guck, ich wusste das nicht mit dem Unfall.

Ich wollte auch über eure Bandfotos sprechen, denn ihr tragt sehr auffällige 60s/70s-Klamotten. Zieht ihr die für Fotos und Videos an, oder würdet ihr das auch tragen, wenn man euch an einem normalen Tag in Beauport träfe?

Das Zweite. Wir ziehen uns im richtigen Leben genau so an wie auf der Bühne. Klar, ein bisschen exzentrischer snid die Sachen vielleicht, die wir auf der Bühne tragen. Aber grundsätzlich, auch in einer Bar oder auf der Straße in Quebec kleiden wir us auch so auffällig, das ist einfach unser Stil. Das ist kein Kostüm, das wir ausnahmsweise tragen. Dies sind die Kleider, die wir auch sonst immer anhaben.

Euer Geschmack geht halt in die Richtung der 60s und 70s, bei Klamotten genauso wie bei der Musik. 

Oh ja. Wir lieben Klamotten und wir ziehen uns gerne gut an.

Seasons 22Wo, denkst du, kommt eure Vorliebe für die Vergangenheit her?

Meinst du jetzt die Musik?

Nein, generell – das ist ja übergreifend.

Ja, verstehe. Ich denke, das kommt daher… ich denke, wie lieben die 60s und 70s so sehr, weil wir sie nie erlebt haben. Weil wir alle in den 90ern geboren sind -wir sind nicht mal nahe dran. Es ist eine Ära, die unsere Köpfe nie miterlebt haben, es ist genauso, als hätte es sie gar nicht gegeben. Wir romantisieren die Ära natürlich, keine Frage. Wir träumen darüber, deswegen mögen wir’s. Eine Band aus den 90ern könnten wir nie so lieben. Denn das ist für uns einfach Musik, die für uns out ist und eine 90s-Band könnte nie so unerreichbar sein wie eine 60s-Band. Ein Bowie, ein Dylan dagegen, Steely Dan, das sind dafür Superhelden für uns. Entsprechend lieben wir alles, was vintage ist, Vintage Gitarren, vintage Klamotten – denn auch sie transportieren diese Nostalgie. Wenn du dir ein Vintage-Hemd aus den 70s anschaust, dann steckt in dem Hemd schon ein Gefühl von Nostalgie. Und genau dieses Gefühl möchten wir mit unserer Musik auslösen.

Es gibt ja die These, wonach auch Objekte Erinnerungen speichern können. Vielleicht stecken in einem Hemd aus den 70s ja auch die Erinnerungen der Person, der es mal gehört hat. Wenn man mal hippie-esk herum schwafeln will…

Jetzt habe ich deine Frage nicht verstanden.

Nein, das war keine Frage – es war diese philosophische Idee. Es gibt eine Theorie, wonach selbst unbelebte Objekte sich mit Erinnerungen aufladen können. Klar, das ist Gerede von Hippies und keine Wissenschaft. 

Scheint so.

Andererseits, irgendwo verstehe ich’s auf einem emotionalen Level. Wieso kann ich zum Beispiel ein Geschenk einer Ex-Freundin nicht wegschmeissen? Weil Erinnerungen drin stecken! Dieses Objekt ist jetzt tatsächlich mit einer Information angefüllt.

Ah, jetzt verstehe ich, was du meinst. Es ist nicht nur ein Stück Kleidung, sondern mehr. Übrigens, noch was: Wenn du ein originales Kleidungsstück hast, dass nach all den Jahren immer noch gut ist, dann ist es auch wirklich beste Qualität. Das ist eine Art natürlicher Auslese. Die schlechten oder hässlichen Klamotten sind mit der Zeit weggeworfen worden, aber das gute Zeug, das hat überdauert. Die Zeit hat die Auslese getroffen.

Mit Musik ist es ja nicht anders – auch damals gab es bestimmt viele Bands, die heute vergessen sind… 

Yeah!

.. ein paar davon wurden vielleicht zu Unrecht vergessen. Aber andere vermutlich völlig zu Recht.

Richtig, es gab sicher eine Menge Mist in den 60s und 70s, aber die kennt man nicht mehr, weil man sich an die Guten erinnert!

Wir haben so viel über die Vergangenheit geredet – deswegen die Frage: Was an eurer Musik kommt zweifellos aus dem Jahr 2015 und hätte aus keinem anderen Jahr kommen können?

Ich denke, unsere Musik ist deshalb 2015, weil wir jung sind. Wir lieben die Vergangenheit, aber wir wollen sie ja nicht replizieren. Wir nutzen diese Einflüsse, aber unsere Denkweise, die kommt aus dem Jahr 2015. Für mich ist es sogar moderne Musik, keine alte. Die Themen, die wir besingen, sind ja auch aus dem Jahr 2015. Die kommen aus der Gegenwart.

Gute Antwort.

Gestern habe ich von einer Band gelesen, deren Sänger sagte: Ich habe seit 8 Jahren kein Internet mehr, denn das lenkt mich zu sehr vom Schreiben ab.

Hahaha!

Ich fand das interessant. Ich könnte mir nicht vorstellen, ohne Netz zu leben. Könntest du dir vorstellen, dein Internet abzustellen? Und welche Ablenkungen gibt es, die du versuchst, auszuschalten?

Nein, das könnte ich mir nicht vorstellen. Wir beziehen uns ja auf viele andere Musik, alleine dafür brauchen wir das Internet. Was uns am ehesten ablenkt beim Schreiben, das ist vielleicht das Musikbusiness an sich. Wenn wir einen Song schreiben, wollen wir nichts hören davon, wie viel Platten wir verkauft haben, welche Konzerte für uns gebucht wurden – all diese Dinge, die zum Geschäft gehören. Die versuchen wir auszuschalten, denn wir wollen Musik wirklich nur der Musik wegen machen. Wir wollen uns nicht mal vorstellen: „Okay, und beim Konzert machen wir das dann so oder so…“ Wir wollen beim Schreiben der Songs nicht mal an die Band denken – nur an die Songs.

Das klingt doch nach einer guten Arbeitsweise.

Aber es gibt natürlich 100 Arten, bestimmt mehr, um einen Song zu schreiben.

In Kanada lief’s ziemlich gut für euch, oder? Euer Album kam bis auf Platz 5 der Charts.

Ja, das stimmt.

Kanada ist riesig. Was war denn der abgelegenste Ort, an dem ihr gespielt habt?

Naja, noch spielen wir meistens in Quebec und Umgebung. Aber in Winnipeg haben wir schon ein mal gespielt. Das war aber okay, da konnten wir hin fliegen. Ein anders Mal haben wir in einer Stadt gespielt, die war noch mal drei Stunden von Toronto entfernt. Wir sind am Morgen also 12 Stunden gefahren, um dort hin zu kommen, sind extra früh los gefahren. Am nächsten Tag durften wir dann wieder 12 Stunden zurück fahren, weil wir am Abend wieder eine Show in Quebec hatten. Das war unsere stressigste Fahrt bisher. Aber demnächst haben wir eine Show in Berlin und am nächsten Tag geht’s nach Paris. Das sind dann auch 10 Stunden Fahrt.

Wenn ihr keine Musik macht, was macht ihr dann? Studiert ihr, oder habt ihr Nebenjobs?

Haben wir nicht, wir machen die Band zu 100%. Das nimmt unsere ganze Zeit in Anspruch, das Touren, das Songwriting… unsere Jobs haben wir an den Nagel gehängt, um dies hier mit Haut und Haaren zu betreiben.

Mutig aber. Nur noch wenige Musiker können von ihrer Musik leben, auch viele Chartbands müssen sich mit Nebenjobs herum schlagen.

Ja, so einige Künstler können sich mit ihrer Kunst nicht über Wasser halten. Aber für uns läuft es gerade ganz gut. Irgendwie kommt man immer über die Runden. Ich rede hier aber nur über mich und Julien, die anderen in der Band studieren – aber wir haben die Schule früh geschmissen. Wir haben nichts gelernt und nichts wirkliches gearbeitet, die Band kam gleich nach der Schule.

Wie sind eure nächsten Pläne? In Kanada kommt schon eure neue Single?

Stimmt, ihr Europa sind wir etwa ein Jahr später dran mit allem.

Ist die zweite Platte schon geschrieben und aufgenommen?

Geschrieben ja, zu 90% etwa. Aber noch nicht aufgenommen. Aber jetzt fokussieren wir uns erst mal auf Europa, wir versuchen, hier zu touren und die Musik zu verbreiten. Die Lieder sind praktisch geschrieben, aber wann die zweite Platte erscheint, lässt sich nicht absehen.  Denn wenn wir in drei Wochen zurück in Kanada sind, stehen wir auch wieder vor einer langen Tour, den ganzen Herbst und Winter. Wir hoffen aber, dass wir die Aufnahmen dann bald einrichten können, denn wir lieben die neuen Songs. Die zweite Platte wird wirklich gut werden!

Okay, ich bin damit fertig! Da bedanke ich mich, und wünsche viel Erfolg mit eurer Platte!

Vielen Dank! Bye!

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