Review: CHVRCHES

chvrches_everyopeneye.jpg - CMS SourceCHVRCHES – „Every Open Eye“

In der siebten Klasse hatte ich mal Diskussionen mit meinem Mathelehrer. In einer Ex kriegte ich auf eine Aufgabe 0 Punkte, was ja wohl nicht stimmen konnte, schließlich war mein Endergebnis korrekt. Allerdings war ich, wie mein Lehrer mich zurecht wies, zu diesem Ergebnis auf völlig verkehrtem Weg gekommen. Ich hatte Regeln falsch angewendet und den einen oder anderen Fehler eingebaut. Dass das Endergebnis stimmte, war letztlich ein reiner, ziemlich unglaublicher Zufall.
Aber was hat diese Anekdote aus deinem Leben mit den CHVRCHES zu tun, Henning?

Ich musste daran denken, weil auch bei den CHVRCHES das Ergebnis stimmt, dabei sieht die Rechnung eigentlich komplett katastrophal aus. Ich meine, die zwei Typen (Iain Cook und Martin Doherty) waren vorher in schottischen Emo-Bands wie Aerogramme und The Twilight Sad. Habt ihr mal Schotten-Emo gehört? Bierernster, schweiß- und-tränen-getränktes-Hemd-auswringender geht’s gar nicht! Dagegen sind U2-kopierende Iren ein Kindergeburtstag mit Stripperin! Oh Gott, mit Aerogramme konnte man mich um den Block jagen!
Sängerin Lauren Mayberry wiederum, vorher Journalistin, verfasst regelmäßig Pamphlete über den Sexismus in der Musikbranche. Lauren ist eloquent und hat Hirn, richtig, und es zeichnet sie erst recht aus, dass sie eben NICHT die typische aufblasbare Hupfdohle vor gesichtslosen Producern ist, wie man’s bei anderen Pop-Projekten kennt. Aber wir reden ja hier vom äußeren Eindruck, und von außen wirkt schon alleine das Schlagwort Feminismus erst mal extrem spaßbremsig.
Dann das Songwriting. CHVRCHES brechen gerne mal komplett mit den Regeln, ist euch das mal aufgefallen? Üblicherweise haben Songs das Schema Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Middle Eight-Strophe-Refrain, auch bekannt als ABABCAB. Wenn sie besonders kreativ sind, bauen Songwriter vielleicht noch Bridges vor die Refrains. Der CHVRCHES-Hit „Gun“ vom letzten Album geht statt dessen ABCDABCDE. Nach der Strophe kommt hier der Refrain, und dann noch einer, und dann noch einer! (Oder waren B und C nur Bridges? Das verwirrt ja! Aber diese Eigenart ist eine ihrer Stärken.)
Ich fasse noch mal zusammen: Zwei humorlose Ex-Emos, eine humorlose Hippe und unverhohlene Missachtung eherner Popregeln – unter diesen Voraussetzungen soll peppige Popmusik entstehen?

chvrches klein 1Genau das aber ist passiert, auf „The Bones Of What We Believe“, dem Debüt der CHVRCHES vor zwei Jahren. Das war knackigstmöglicher Pop, der so richtig reinfuhr, in die Knochen, den Bauch, den Kopf. Irgendwie hatte die falsche Rechnung das richtige Ergebnis gegeben. Wie das? Vielleicht, weil wir durch unsere Enkulturation darauf konditioniert sind, so satte Synthies, wie CHVRCHES sie verwenden, automatisch als zugänglichen Pop zu begreifen, weil sie sofort Yazoo-, Erasure- und Depeche Mode-Erinnerungen triggern? Sehr großen Anteil an der Wirkung der CHVRCHES hat zweifellos auch Lauren Mayberrys Stimme. Denn die Frontlady klingt zwar schon auch wie ein Teenie-Mädchen – aber wie eins, das kurz vom Explodieren ist und Luzie aus der Siebten gleich die Augen auskratzen wird. In ihrer Stimme schwingt immer eine latente Spannung und eine emotionale Labilität, die zwingt, mitzufühlen. Ich habe oben angesprochen, dass Mayberry eigentlich Journalistin ist. Sie hat also ein Mitteilungsbedürfnis, und sie kann sich artikulieren. Für jemanden, der singt, sind das ideale Voraussetzungen.

Übrigens, noch was: Die drei sind überhaupt nicht humorlos. Die haben Spaß mit dieser Band. Das haben sie auf youtube gezeigt, als sie z.B. das Game Of Thrones-Theme coverten, oder als sie ihren Manager schockten, indem sie ihm totalen Käse als angebliches neues Material vorspielten.

chvrches klein 2Jetzt habe ich mich wieder ewig mit der Exposition aufgehalten. Ich sollte mal so langsam zum zweiten Album kommen. Aber das ist ja das Schöne an diesem Blog: Ich muss nicht darauf achten, mich kurz zu halten. Ich wollte eben erst mal vorausschicken, was CHVRCHES für mich bisher auszeichnete, um jetzt an diesem Maßstab das zweite Album zu messen.

Dieses geht super los. „Never Ending Circles“ und „Leave A Trace“ spinnen den Faden des ersten Albums weiter, sind melancholische Midtempo-Stampfer, so a la „Recover“, satt und saftig und prima. „Keep You On My Side“ ist der dann erste Ausbruch aus dem Schema als bisher flotteste, unverschämteste Popnummer der CHVRCHES – hiermit könnten die drei den Sprung auf Radio NRJ schaffen und wie Robyn deren Programm mit versteckter Spitzenqualität unterminieren. Das könnte sogar eine gute Sache sein.

Dachte ich, da kommt „Make Them Gold“ und überpoppt das Ganze noch mal weiter und überzieht’s mit Zuckerglasur. Das ist fast schon Musik, wie Norweger und Schweden sie beim Grand Prix D’Eurovision einreichen. Hmm. Da bin ich jetzt nicht so überzeugt.

Dafür folgt „Clearest Blue“, das wieder großartig ist. Das sind die CHVRCHES, wie wir sie kennen, aber jemand hat die Geschwindigkeit hochgefahren und einen Regen aus Glitzerpulver über sie gepustet. Auch hier sind CHVRCHES wieder extrem poppig, aber halten sich weit genug weg von dem Grat, ab dem es gefällig wird.

Jetzt aber nähern sich zwei Tiefpunkte. „High Enough To Carry You Over“ erfüllt immerhin einen Sinn: Er zeigt uns, wie wichtig Laurens angst- und frustrations-angefüllter Gesang für diese Band ist. Denn hier nölt mal wieder zur Abwechslung Martin Doherty – und Sorry, aber seine Stimme bringt einfach nichts rüber. Man hört den Refrain und stellt sich vor, dass das eine völlig okaye Nummer wäre, wenn nur Lauren sänge. So aber klingt’s wie Rick Astleys „Never Gonna Give You Up“, echt jetzt. Interessant eigentlich, wenn man’s mal so hört. Wie extrem nah CHVRCHES doch an banalster Brühe dran sein können – und was für einen Impact Laurens Stimme hat, das zu überlagern!

„Empty Threat“ ist auch wieder so ein Spezialfall. Hier wird Lauren so entsetzlich hochgepitcht, dass sie wie das Schlumpfinchen klingt. Schon ist die Wirkung ihrer Stimme verflogen. Schon geht diese Nummer brutal auf die Nerven und kommt in die Tonne.

„Down Side Of Me“ bremst wieder ab, fast auf Balladentempo. Nicht unbedingt die Stärke der drei, zu harmlos, zahnlos klingen sie hier.

chvrches klein 3Da freut man sich über „Playing Dead“, denn hier haben wir die CHVRCHES von „The Mother We Share“ zurück. So sehr sogar, dass man die beiden Songs wohl problemlos übereinander legen könnte und keinen Unterschied hören würde. Hmmm. Das ist auch kein Lob, oder?

„Bury It“ ist dann endlich wieder ein Bringer, der all genau das auf den Punkt bringt, was wie an CHVRCHES mögen. Ein zackiges Stakkato-Keyboardriff, ein stampfender Beat, Bass-synths mit der Power von Straßenwalzen, Computerbeats wie Lichtblitze. Yeah! So soll das sein!

Den Abschluss gibt schließlich „Afterglow“. Der Schleicher. Er klingt wie ein Weihnachtslied, so lieblich. Klar, für die Abwechslung auf einem Album ist es wichtig, auch ne Ballade zu haben. Aber solches Saccharin ist definitiv nicht das, was ich von CHVRCHES hören will.

Tja. Wie fassen wir das zusammen? CHVRCHES standen vor der schweren Aufgabe, ein sehr erfolgreiches Album zu bestätigen und sich dabei auch vorwärts zu entwickeln. Manch andere Band, die im Underground ihre Wurzeln hat, hätte sich ins Schneckenhaus zurück gezogen und ein sperrigeres, schwierigeres zweites Album vorgelegt. Das haben die drei nicht getan, sie gehen offen auf den Mainstream zu und begreifen Pop-Appeal auch als Chance. Auf etwa der Hälfte der Tracks dieses Albums geht dieses Rezept dann auch famos auf. Auf den anderen Songs schießen CHVRCHES meiner Meinung nach übers Ziel hinaus und verlieren die Kanten und Dornen, die sie auszeichnen sollten.

chvrches wert

CHVRCHES – Leave a Trace from Nick Jourdan on Vimeo.

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