Review: Baio

Baio cover_cov_lgBaio – „The Names“

Auf eine Solo-Platte des Vampire Weekend-Gitarristen habe ich echt nicht gewartet. Warum? Weil Rostam Batmanglij, ihr Keyboarder, vor ein paar Jahren ein Nebenprojekt namens Discovery mit Wesley Miles, dem Sänger von Ra Ra Riot, am Laufen hatte. Ich dachte damals: „Wow, Ra Ra Riot UND Vampire Weekend, gleich zwei Spitzenbands, gemeinsam! Das wird super!“ Wurde es aber nicht. Ich weiss nicht mal mehr, wie’s klang, nur, dass ich es enttäuscht, genervt und gelangweilt aus dem Player warf.

Was ja eigentlich nichts mit Chris Baio zu tun haben sollte. Schließlich hatte der Gitarrist nix zu tun mit Discovery. Trotzdem, das Hirn speichert ab: Vampire Weekend-Nebenprojekt = überflüssig. Deswegen habe ich „The Names“, das Solo-Debüt von Baio, erst eine Zeit lang ignoriert, bevor ich sie dann doch mal missmutig in den Player schob.

Nun, die Platte ist nicht überflüssig. Sie ist durchaus bemerkenswert. Und: Einer der Hits des Jahres ist drauf.

Zuerst mal fällt auf: Das Ganze ist erstaunlich digital. Die Beats sind straighte 4/4-Rhythmen aus dem Rechner. Darüber legt Baio analoge Loops. Bassläufe, Gitarrenlinien, one-Note-Piano-Achtel, manchmal auch Synthieflächen. Ich bin mir dabei zwar ziemlich sicher, dass ein Sich-total-im-Dance-Auskenner  (ich bin keiner) Baios Beats als ziemlich dilettantisch abkanzeln würde. Der state-of-the-art entsprechen sie nicht. Aber sie entsprechen auch nicht der state-of-the-art von vor fünf oder zehn oder zwanzig Jahren – es ist auch kein 80s-Revival-Dings. Baio nähert sich der Sache hörbar von einem ganz anderen Standpunkt, aus seiner Vampire Weekend-Welt. Dadurch klingt’s wie was, das man so noch nicht gehört hat, tatsächlich.

Was hören wir, das wir von Vampire Weekend kennen? Nun, VW haben ja eine gewisse… ich will’s nicht Primitivität nennen, nennen wir’s Simplizität. Sie haben die Fähigkeit, Melodien zu basteln, die sich dem Hörer mit der Insistenz eines Kinderreims ins Hirn fräsen, ob es da um Strophen geht, Refrains oder um Intros (z.B. das Gefiedel von „M79“). Diese Vampire Weekend’sche Begabung hat Chris Baio auf sein Soloalbum übertragen können. Man kann ganz zweifellos Überschneidungen von einem VW-Song wie „Giving Up The Gun“ und einer Baio-Nummer wie dem Titelsong „The Names“ ausmachen.

baio smallKommen wir zu diesen einzelnen Nummern. Neun Stück sind auf dem Album. Ein paar kann man komplett skippen, ein paar sind richtig super. Skippen zum Beispiel kann man gleich mal Track 1. „Brainwash Yyrr Face“ versucht, mit Soullady-Vocals, Hot Chippigen Indiegroove zu basteln, stolpert aber und fliegt auf die Nase. In die Tonne kann auch „I Was Born In A Marathon“, weil es Kombi „superprimitive Gitarrenlinie und Laptopbeats“ an einen Punkt führt, an dem man an all die Horror-Discounter-Musik von Milky Chance, Alle Farben, Robin Schulz und Co erinnert wird. (AAARGH! EINE AXT! EINE AXT! JETZT!!!)

Aber, aber: Es gibt ja auch die Highlights. Zuallererst: „Sister Of Pearl“. Die Nummer meinte ich, als ich oben von einem der Songs des Jahres sprach. Mann, was für ein knalliger, origineller Pophit! Gehen da mal Intro und Refrain sofort ins Ohr?! Auch „Matter“ und „The Names“ sind Songs, die man sich leicht verändert auch als Vampire Weekend-Albumtracks vorstellen kann. Unerwarteterweise ist auch das siebenminütige Instrumental „All The Idiots“ ein Höhepunkt. Es klingt, als hätten The Whip (wer erinnert sich?) ein Lied für einen Kindergeburtstag aufgenommen.

So. Am Ende steht ein kurzes Album (9 Songs, 38 Minuten), das in seiner Qualität durchaus schwankt und dessen roter Faden hie und da verloren geht, das dafür aber in seiner prägnanten Kürze bunt unterhält. Es ist erkennbar ein Nebenprojekt, kein ausgefeilter Seelenstriptease, das gibt ihm spielerischen Charme und so muss man auch über den zwei, drei kleinen Aussetzern keine übermäßige Bedeutung aufladen. Nette Platte.

Baio Wrt

B A I O ‚Sister of Pearl‘ from ApK on Vimeo.

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