Review: Low

LOW_OnesSixes_coverLow – Ones And Sixes

Es gibt eine Gefahr bei Low – okay, es ist keine Gefahr im Sinne von „man kann sich das Genick dabei brechen“, es ist mehr eine Gefahr a la „man kann echt was verpassen“ – es gibt eine Gefahr bei Low, und die ist, dass man sie für selbstverständlich nimmt.

Das ist ein Fehler, den ich selbst schon gemacht habe. Das US-Trio aus dem Ehepaar Alan Spearhawk und Mimi Parker sowie ihrem jeweiliger Bassisten (seit 2008 ist der Job in den Händen von Steve Garrington) macht nun mal schon so lange Musik, in einem Stil, den sie selbst für sich ganz alleine definieren, und sie haben noch nie ein mieses Album abgeliefert. Da beginnt man, das Ganze für normal zu halten. Alle zwei, drei Jahre wird eben ein Album von Low erscheinen, es wird eine Variante der von ihnen erfundenen Zeitlupenmusik abliefern, es wird sehr fein sein, und wenn man sich „low“ fühlt oder wenn man einen Zen-Moment sucht, ein bisschen runterkommen will, dann kann man die Platte einlegen und ein bisschen schweben. Zwei, drei Jahre danach kommt wieder eine neue. Low sind eben Low sind Low.

Ich habe selbst den Überblick verloren. Wenn man mir einen ihrer Songs vorspielt, ich werde nicht mehr sagen können: War der wohl von „Things We Lost In The Fire“ (2001)? Oder auf „The Great Destroyer“ (2005) oder auf „Secret Name“ (1999)? Okay, die ersten drei Alben (von 94-96) klingen schon anders as die letzten drei, es gibt sehr wohl einen stetigen Wandel. Grob einordnen könnte man die Lieder schon in bestimmte Phasen der Gruppe, dennoch: Low sind für mich mehr ein Sound, eine Atmosphäre, ein Gefühl, als ihre einzelnen Songs.

Was der Sache nicht wirklich gerecht wird. Denn auch die individuellen Lieder stehen durchaus für sich und in den einzelnen Songs ist es, wo Low auch von Album zu Album etwas Neues probieren. Auf dieser Platte zum Beispiel verwenden sie – und jetzt erschreckt nicht – ein bisschen Technologie. Laptopsounds. Ja ja, ich weiss, eigentlich ist das die unoriginellste Idee, seinen Sound aufzupeppen, sogar noch vor „wir kaufen uns ein Banjo“. Aber Low wären ja nicht Low, wenn sie’s genau so machen würden wie die Anderen.

LowBloß weil „Gentle“ also gleich mal mit digitalen „Ksch“ und „Fump“ und „Trk“ – Geräuschen beginnt, ist das dennoch nicht ansatzweise in der Nähe von Dance Music und auch nicht in der Nähe von (Schüttelfrost! Grusel!) Ambient. Mimi Parker würde genau so trommeln, wenn sie es selbst täte, mit ihren Pinseln und Paukenschlägeln. Aber es sind halt mal etwas andere Geräusche, als die, die sie ihren Pauken und Gongs entlocken würde, und das bringt die kleine Prise Variation in die Welt von Low, mit der sie sich Album für Album vorwärts bewegen wie ein Gletscher.

„Gentle“ ist ein himmlischer Song, übrigens. Sanft stampft er vorwärts wie durch nächtlichen Schnee, entwickelt zu halligem Piano und einem dissonant-sägenden undefinierbaren Noise-Sound (Gitarrenfeedback?) eine schiebende Dynamik. Dazu verschmelzen die Stimmen von Spearhawk und Parker so, wie wir’s kennen und lieben.

Es folgt „No Comprende“, für Low-Verhältnisse fast ein Rocker. Das DJ-Programm auf meinem Rechner behauptet sogar, der Song hätte 150 bpm, aber das zählt offenbar alle Achtel als Viertel. Die Art, wie Spearhawk in den Strophen Spannung aufbaut, um sie im Refrain zu entladen, das ist schon starkes Songwriting, das über den typischen Eindruck „Low sind eine Band der Atmosphären“ weit hinaus weist.

Es gibt weitere so herausragende Songs, wie das von Mimi Parker gesäuselte „Congregation“, gleich drei fast-schon-Indiepopsong-Ohrwürmer („Kid In The Corner“, „No End“ und „What Part Of Me“) und auch das wuchtig- schleppende „The Innocents“ ist bemerkenswert. Tracks wie „Spanish Translation“ und „DJ“ stehen dafür wieder mehr im Zeichen des Low’schen Schaffens von Stimmungen. Das gilt natürlich umso mehr fürs fast zehnminütige „Landslide“ – für manche wird diese ausufernde Expedition eines Songs mit ihren Noise- und Silence-Ausbrüchen der Höhepunkt der Platte sein. Für mich elendigen Popper ist es der eine Moment, an dem die drei den Rotstift hätten ansetzen und sich ein wenig fokussieren sollen.

Wie auch immer – „Ones And Sixes“ ist mal wieder ein ganz himmlisches Low-Album geworden. Ein Karrierehöhepunkt, wäre man geneigt zu sagen, wenn diese Band ziemlich famose Platten nicht eh stetig und grundsätzlich abliefern würde. Und damit sind wir am Ausgangspunkt meines Textes angekommen: Die Low-Karriere ist wie ein Gebirgszug, ein Gipfel neben dem nächsten, da wirkt die relative Höhe der einzelnen Spitzen manchmal nicht mehr so beeindruckend. Das darf uns nicht täuschen. Wir müssen zu schätzen wissen, was Spearhawk und Parker seit „I Could Live In Hope“ leisten.

Low Wertung

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