Vinterview: The Fratellis

fratellis vinterview

2010 begann ich mit dem Bloggen, damals unter der Webadresse hennissey.piranha.tv. Doch letzten Sommer wurde mein Blog leider gelöscht.

Ich werde die dabei verlorenen gegangenen Interviews hier nun nach und nach wieder online stellen. Diese “vintage Interviews” (Hüstel!) nenne ich “Vinterviews”.

In diesen Tagen erschien das vierte Album von The Fratellis, einer Band, die schon ein ziemliches Auf und Ab erlebt hat. Ich sprach Sänger/Songwriter Jon Fratelli vor zwei Jahren zu ihrem dritten Album „We Need Medicine“.

Hi. Wie geht’s?

Gut, Danke. Dir?

Auch gut, danke.

„The Comeback King on his way back from hell“

Haha. Du hast aber gut aufgepasst. Naja, das ist durchaus die halbe Wahrheit.

Es ist eine sehr auffällige Zeile, sehr früh im Album. Da fragt man sich schon: Ist es das, was uns der Künstler sagen möchte?

Also, hmm. Naja, der Song ist einer von vielleicht zwei, die auch ein bisschen autobiografisch sind. Vorher wollte ich so was nie schreiben. Auch heute würde ich es damit nicht übertreiben wollen. Ich habe nicht das Bedürfnis, mein Herz der Öffentlichkeit auszuschütten. Aber manchmal muss man sich auch erlauben, solche Lieder zu schreiben – und dieser Song im Speziellen behandelt zweifelsfrei jemanden, der gerade keine gute Zeit durchmachte.

Ja, du schreibst „back from hell“. Waren die Jahre, in denen es keine Fratellis gab, also die Hölle?

Nein, ganz so war’s nicht. Aber es war nicht immer alles wunderbar. Aaach. Es fühlte sich an wie der Kater von drei, vier Jahren Achterbahnfahrt. Wir hatten uns ja eine ganze Menge Erfolg erarbeitet, und das war super, denn das ist doch, was man sich als Musiker wünscht. Aber dafür muss man einen Preis zahlen, nämlich, dass es eben auch harte Arbeit ist. So gehört es sich aber auch. Heute verstehe ich das. Es ist harte Arbeit, und heute freue ich mich drauf, auf die harte Arbeit. Und die Jahre, in denen wir nicht gemeinsam spielten, die waren der Kater. Von… zu viel, das sich aufgehäuft hatte.

Ich möchte natürlich hier auch nicht auf den schlechten Zeiten herumreiten. Ihr seid wieder zusammen, und es herrscht doch sicher wieder Aufbruchsstimmung.

Ja, seit den letzten zehn Monaten, seit denen wir wieder spielen. Wir teilen die Einstellung, dass wir das jetzt alles nicht mehr so bierernst nehmen. Dafür arbeiten wir jetzt trotzdem viel härter als früher. Ich denke, wir haben alles für selbstverständlich gehalten. Ein Publikum zu haben, vor dem man spielen kann – das ist etwas, das ich zweifellos unterschätzt hatte. Dieses Glück, das wir hatten, ein Publikum zu haben! Ich weiss gar nicht, wie uns das passieren konnte. Alles, was man als Musiker doch will, ist ein Publikum, das einem zuhört. Wie ich das so schnell vergessen hatte, das kann ich heute gar nicht glauben. Ich hatte wohl den Eindruck, dass ein Publikum leicht zu kriegen ist. Aber das ist nicht so. Wir hatten uns unseres erspielt, durch viel Touren. Jetzt fühle ich mich umso glücklicher, dass wir letztes Jahr ein paar Shows buchten und dass wirklich so viele Leute kamen und uns sehen wollten. So dass wir ein paar mehr Shows buchen konnten und wieder mehr Leute kamen, um uns zu sehen. Deswegen bin ich jetzt an dem Punkt, wo ich versuche, alles so simpel wie möglich zu halten. Platten aufnehmen, die uns gefallen. Die uns einfach nur gefallen, nicht mehr. Und dann losziehen und spielen, spielen, spielen, und hoffen, dass die Leute die Songs ebenfalls mögen. Das ist doch alles, was wir tun können!

Du sagtest „Achterbahnfahrt“. Bei euch war es ja wirklich extrem, wie schnell die erste Platte weltweit durch die Decke ging. Wie schnell es mit der zweiten Platte wieder abwärts ging, aber auch. Auch wenn viele Bands sich schwer tun, nach einem erfolgreichen Debüt nachzulegen, war die Diskrepanz bei euch besonders eklatant.

Stimmt, es war krass. Heute erkenne ich das. Wir machten zwei Alben – und sie hätten nicht unterschiedlicher angenommen werden können. Die Reaktionen waren so extrem unterschiedlich! Ich verstehe heute, warum. Denn es gibt nicht viele Songs von der zweiten Platte, auf die wir selbst Bock haben, sie live zu spielen. Drei gibt’s, vielleicht. Es gibt einen, den wir alle wirklich richtig mögen, aber insgesamt sind’s bestenfalls drei. Deswegen war uns auch wichtig, für die neue Platte Songs zu schreiben, die wir auch in fünf, zehn Jahren noch mögen werden, und auf die wir noch Lust haben werden, sie zu spielen. Das war definitiv ein Grundgedanke beim Schreiben der neuen Songs, und ich glaube, es hat geklappt. Ich glaube, wir haben hier eine Platte, von der wir jeden Song gerne spielen werden. Momentan läuft es. Es fällt uns leicht, diese Lieder zu spielen, und wir haben Spaß daran, sie einzuüben und zu performen. Manchmal ist ein Song ja leicht aufzunehmen, aber schwer live wiederzugeben. So einen haben wir nicht dabei. Dies sind elf Lieder, die man prima spielen kann, allesamt, Nacht für Nacht, und man behält seine Freude an ihnen.

Denkst du, die zweite Platte kam zu schnell nach der ersten?

…nein. Ich glaube, sie kam, als sie kommen musste. Aber ich glaube auch, dass ich nicht in der richtigen Verfassung war, um die Platte zu dieser Zeit zu machen. Ich hatte einfach die völlige falsche Stimmung. Mir ging’s scheisse, verstehst du?

Ich meine, es gab euch ja schon eine Zeit vor dem Debüt und einige der Songs existierten schon länger. Nach außen sah es zwar so aus, als hättet ihr sie alle mal eben als neue Lieder fürs Debüt aus dem Ärmel geschüttelt, aber ihr hattet mehr Zeit dafür gehabt. Zwischen dem Debüt und der zweiten Platte lag dann aber nicht mal ein Jahr. 

Stimmt. Ich glaube, ich war ziemlich besessen von der Idee, im Schwung zu bleiben. Aber ich muss auch sagen, dass es einen gewissen Druck von der Plattenfirma gab. Sie waren es, die wollten, dass wir unser zweites Album schon neun Monate nach der ersten Platte – mehr waren es nicht – abliefern. Es kam dann gerade mal ein Jahr später raus. Es gab also diesen Druck. Aber andererseits hätten wir erwachsen genug sein müssen, diesem Druck zu widerstehen. Aufzumucken und zu sagen: „Das klappt so nicht!“

Ich hätte ja eher gedacht, dass ein Label anders herum sagt: „Wir brauchen immer zwei Jahre, um einen Promotion-Kreislauf abzuschließen und einen neuen zu starten.“ Dass sie euch eher bremsen würden.  

Ich denke mal, auch sie wollten von dem Schwung kapitalisieren, der damals um uns herrschte – was ich ja verstehen kann. Aber ich war nun mal nicht in der richtigen Verfassung, um Songs zu schreiben oder sie aufzunehmen.

Ich sagte ja vorhin auch, ich will nicht auf den schlechten Tagen herum reiten…  

Das ist okay, echt.

Das Schöne an der neuen Platte ist: Sie klingt, als hattet ihr so richtig Spaß.

Yeah. Doch, den hatten wir, glaube ich. Also, ich weiss, wir hatten ihn. Echt. Alles, was wir taten, und alles, was ich tun wollte, wie gesagt, war eine Platte zu machen, die uns selbst Spaß macht. Wir haben nur diese elf Songs aufgenommen, nicht mehr. Wir haben von vornherein nur diese elf gepickt, von denen wir uns sicher waren, dass sie funktionieren. Das einzige Auswahlkriterium war: Mögen wir den Song? Das war’s. So einfach. So einfach kann’s sein. Aber bei der ersten Platte war es ja nicht anders! Die Songs, die auf dieser ersten Platte waren, die waren ja schon einige Zeit vorher geschrieben worden, in Glasgow. Die hatten wir ja damals auch nur für uns selbst geschrieben und meistens nur für uns selbst gespielt! So war’s! Aber ich hatte das vergessen! Ich hatte vergessen, dass es okay war so. Ich hatte vergessen, dass man kein Produkt schreibt. Es wird nämlich eins, aber das kommt später. Zu Beginn dagegen, da schreibst du kein Produkt. Da schreibst du etwas, dass du mit dir verbinden kannst. Deswegen haben wir das bei dieser Platte wieder so gehandhabt, und ich hoffe, man merkt es. Und von dem, was ich bisher so von den Leuten höre, ist es so. Die Leute nehmen das mit, von der Platte.

Du hast zwei Soloplatten in der Zwischenzeit gemacht.

(verlegen) Haha, stimmt, ja.

Musstet ihr euch erst mal wieder vertragen, als ihr wieder aufeinander traft?

Hmm. Ich glaube nicht, nein? Ich glaube, wir alle drei hatten uns auf Arten und Weisen zueinander verhalten, die nicht in Ordnung waren. Aber bei uns ist es so, dass nicht immer alles gesagt werden muss. Ich glaube, wir haben es einfach verstanden, dass wir alle zwischenzeitlich mies zueinander waren – dafür musste auch nicht wirklich der eine zum anderen „Entschuldigung“ sagen. Wir konnten einfach ziemlich genau da weiter machen, wo wir aufgehört hatten, in der Beziehung sind wir gut dran. Wir kommen gut miteinander aus, wir haben einen ähnlichen Humor. Und manchmal ist es wohl so, dass man mal eine Zeit der Trennung voneinander braucht, um zu merken, wie sehr man sich mag.

Ach, das ist jetzt voller Andeutungen. Ein Teil von mir möchte dich wirklich darüber aushorchen. Aber ich hatte gesagt: „Lass uns über die Zukunft reden“   

Das passt schon, das passt schon.

War die Stimmung also schlecht in den Fratellis, als ihr euch getrennt habt?

Wir hatten nicht viel Spaß zusammen, zu der Zeit. Da gab es ein paar Sachen, die damals riesig erschienen, unüberwindlich. So, dass das einzig Mögliche zu sein schien, dass wir in unsere verschiedenen Richtungen gehen. Wenn ich heute über diese Dinge nachdenke, da waren sie überhaupt nicht riesig. Es waren Kleinigkeiten, mit denen man hätte klarkommen können. Aber damals… naja, man muss diese Dinge wohl erst mal durchmachen, um aus ihnen lernen zu können. Man lernt ja nur durch die Fehler, die man macht. Wir konnten das alles nur lernen, indem wir diese Fehler machten.

Vielleicht gilt das mit dem Abstand ja manchmal auch fürs Publikum? Ich meine euer Durchbruch kam echt blitzschnell und plötzlich wart ihr omnipräsent. Dann hattet ihr gleich eine Stange Hits – ganz vorne natürlich „Chelsea Dagger“. Da waren die Leute ab einem bestimmten Zeitpunkt übersättigt. Ich weiss, dass ich selbst jedenfalls irgendwann „Chelsea Dagger“ in meinem Indieclub einfach nicht mehr hören wollte.  

Wie wahr. Ginge mir nicht anders.

Was ich meine, ist: Auch das Publikum war übersättigt. Aber mit etwas Abstand kann man sagen: „Mei, aber ich habe den Song doch mal sehr gemocht, und wenn er mit nicht ständig um die Ohren gehauen wird, mag ich ihn wieder.“

Gut möglich. Es gibt natürlich auch Leute, die eine festgefahrene Meinung von dir haben. Die mag falsch sein, aber sie haben diese Meinung und sie werden sie nicht mehr ändern. Es gab auf jeden Fall eine Zeit, wo mich das extrem frustriert hat. Dass wir einfach die Einstellung der Leute zu uns nicht ändern konnten. Ihnen nicht klarmachen konnten, dass wir mehr waren als eine Band, die nur diesen einen Song hatte. Weißt du, wir haben eine Menge Alben verkauft. Aber die haben wir nicht nur wegen diesem einen Song verkauft! Kein Mensch kauft ein ganzes Album wegen nur einem einzigen Song! Das tut niemand! Wer was anderes sagt, mit dem werde ich streiten. Es muss noch mehr auf dem Album sein, damit es sich verkauft. Und deswegen wurde es frustrierend, wenn Leute uns so sehr auf diesen Song reduziert haben. Aber, einmal mehr: auch diesen Fehler muss man erst mal machen, um daraus zu lernen. Die Lehre ist: Es ist zwecklos, sich darüber überhaupt Gedanken zu machen. Wie soll ich denn die festgefahrenen Meinungen von jemandem ändern, den ich nicht direkt ansprechen kann? Das kann ich nur mit der Musik, die wir machen, und selbst dann geht das nur, wenn er sie auch zu hören bekommt. Man hat so wenig Kontrolle darüber – und warum sollte man sich groß Gedanken machen über etwas, das man nicht kontrollieren kann? Das betrifft ja auch diese Platte. Ich würde es lieben, wenn sie den Leuten gefällt. Ich würde es lieben, wenn Leute dafür Geld ausgeben möchten und ihren Spaß mit der Platte haben, aber ich kann sie ja nicht dazu zwingen. Wenn dir das endlich klar wird, ändert das deine komplette Herangehensweise. Du sagtest, es klingt wie eine Platte, die von Leuten gemacht wurde, die ihren Spaß haben. Aber das klappt erst, wenn du all die anderen Sorgen abgeschüttelt hast, die du vorher mit dir rumgetragen hast. Wenn die einzige Sorge, die noch übrig ist, die ist, dass du eine Platte machen willst, die dir selbst gefällt. Über alles, das danach kommt, hast du so wenig Kontrolle, dass es zwecklos ist, sich überhaupt Gedanken zu machen.

Würdest du heute sagen „Chelsea Dagger“ war sowohl ein Fluch als auch ein Segen?

Naja, ich denke, es wäre regelrecht unmoralisch von mir, wenn ich es jemals als einen Fluch bezeichnen würde. Dieses Lied hat mir – und uns – einfach zu viel Gutes gegeben. Ich habe – für die nächste Zeit – finanzielle Freiheit, wegen diesem Song. Was mir wiederum die Freiheit gibt, Musik für mich selbst zu machen. Ich kenne so viele Musiker, die töten würden für eine Platte, die die Leute kennen.

Schon witzig – neulich guckte ich ein Spiel von Bayern München im Fernsehen und die Fans sangen das Lied. Wenn man die Leute in der Kurve fragen würde „Von wem ist das?“…

Die wüssten’s nicht.

Der Song hat ein Eigenleben entwickelt.

Das hat er, wirklich. Ich finde es besonders witzig, dass er so oft im Zusammenhang mit Sport verwendet wird. Vor allem in den Staaten. Da hört man ihn beim Eishockey, beim American Football und weissgottwo. Aber es ist doch ein Trinklied, ein Lied über Ausschweifungen! Das ist doch ziemlich weit weg von Sport? Aber einmal mehr, ich möchte mich nicht beschweren, überhaupt nicht. Dieser Song hat mir Freiheit gegeben.

Hierzulande macht er ja beim Fußball noch Sinn, weil man im Stadion sein Bier dazu trinken darf.  

Haha, bei uns geht das ja nicht. Bei uns ist Biertrinken im Stadion verboten. Bei Euch darf man auch in der Öffentlichkeit trinken. Wir waren gestern auf dem Konzert von Roger Waters. Auf dem Weg dahin, in der U-Bahn, haben alle Bier getrunken – bei uns wird man für so was verhaftet.

Ja, ich vergesse immer, dass das nicht überall normal ist. Neulich unterhielt ich mich mit einer Freundin, die in Australien lebt. Es ging darum, sie vielleicht mal zu besuchen, und ich meinte: Ich stelle mir das so toll vor, abends ein Bierchen am Strand – und sie so: „In der Öffentlichkeit darf man aber nicht trinken!“ 

Wie, in Australien auch?

Offenbar, ja.

Ich dachte, es wäre etwas typisch schottisches, dass man in öffentlichen Plätzen keinen Alkohol trinken darf. Es ist ja nicht mal in England so. Rauchen dürfen wir auch nicht. Man kann uns offenbar nicht trauen, was Alkohol und Zigaretten angeht.

Ich finde ja, die Schotten sind sowas wie Skandinavier ehrenhalber.  

Aaaha. Doch, stimmt. Wir sind wahrscheinlich das, was den Skandinaviern noch am nächsten kommt.

Auch ihr habt die langen dunklen Nächte im Winter. 

Ja, genau, und deswegen trinken wir so viel.

Okay. Du sagtest vorhin, dass man festgefahrene Einstellungen nicht ändern kann. Meine nächste Frage geht über dieses Thema – denn es wird Zyniker geben, wenn die Platte rauskommt. Die schreiben werden: „Ach nee – die wieder! Die bracht keiner mehr.“ 

Oh ja.

Darauf seid ihr vorbereitet, oder?

Das ist einfach nicht meine Welt, weißt du? Ich lese keine Zeitungen und erst recht keine Musikmagazine. Wenn es um das Leben an sich geht, pflege ich meine, naja, Ignoranz. Mein Vater sagte früher immer: Die Medien beeinflussen und verformen einen so sehr, ohne dass man’s merkt. Sie formen deine Einstellungen und dein Verhalten. Ich glaube, das stimmt. Das soll ja keine Kritik sein, es ist halt so. Die einen nehmen Information etwas empfindlicher auf als andere. Ich weiss von mir selbst, dass ich extrem empfindlich bin, was das angeht. Die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, ist  also, Information generell aus dem Weg zu gehen. Da können die Leute dann ruhig das Gemeinste über mich schreiben, über unsere Band, über unsere Musik, aber mich wird es nicht berühren, weil ich es nicht mitbekommen habe. Ich gehe auf keine Websites, ich lese kein Facebook – das brauche ich alles nicht. Es macht mein Leben nicht besser, all das zu wissen, was da steht. Ich bin happy damit, mir meine eigene Existenz abseits von all dem zu schaffen.

Wir sind auch schon wieder beim Negativen angelangt. Also drehen wir’s ins Positive. Es muss doch herzerwärmend sein, zu wissen, dass man einen festen Kern an Fans hat, der nicht so wankelmütig ist wie die Presse. 

Das stimmt. Und dass wir weiterhin die Möglichkeit haben, vor einem Publikum zu spielen, und dass diese Leute weiterhin auch kommen, das ist größer als alle Kritik, die man kriegen könnte. Es ist auch etwas, das nicht jedem passiert. Es ist etwas, dass man zu schätzen wissen muss. Ich sagte schon, ich kenne so viele Musiker – die können zum Teil nicht mal mehr Gigs spielen. Selbst das ist ein Problem für sie, weil es so schwer ist, Leute zum Kommen zu bewegen. Wir haben ein solches Glück, dass wir Shows in Europa klar machen können, und Shows in den USA, und Shows in Japan und im UK – und dass die Leute gerne zu uns kommen. Wir spielen nur für sie.

Jetzt gehe ich mal völlig von dem weg, was wir bisher besprochen haben.

Okay.

Eure Musik, die ist ja sehr klassisch. Ein britischer Rock, eine Mischung aus Glamrock der 70s und Britpop – aber gibt es auf eurer Platte auch etwas, das unzweifelhaft 2013 ist?

Aaah. Naja, das habe ich vorher gemeint, als ich sagte, wir machen das nur für uns. Das bedeutet, dass ich keinerlei Schimmer habe, wie Musik aus dem Jahr 2013 klingen würde. Der Sache mit dem Glam muss ich eh widersprechen. Der Klang von Glam-Platten hat mir nie gefallen. Fan der Songs war ich durchaus. Aber nicht Fan des Sounds. Den fand ich immer befremdlich. Aber 2013 – da bin ich die falsche Person, um das gefragt zu werden. Meine Plattensammlung hat sich nicht mehr geändert, seit ich 16 bin. Und sie bestand immer nur aus Typen, die zu dem Zeitpunkt schon 50 waren. Selbst in der Highschool, als ich so 16 war, als die großen Bands Nirvana und Oasis waren und man entweder auf der einen, oder der anderen Seite stehen musste – da wählte ich keine von beiden. Da wählte ich Pink Floyd. Ich bin der Falsche, um das gefragt zu werden. Ich kenne nichts aktuelles.

Aber eine Sache, die unsere Generation unterscheidet von früheren, ist die, dass man viel leichter in die musikalische Vergangenheit zurück blicken kann. Deswegen blicken ja auch viele Bands auf Vergangenes zurück oder kombinieren Verschiedenes aus der Vergangenheit neu. Der Sound der 70s und 80s war auch davon bestimmt, dass nur bestimmte Sachen leicht zugänglich waren. 

Stimmt schon. Aber selbst die Bands aus den 70s basieren ja auf etwas, das damals 20, 30 alt war. Sagen wir Led Zeppelin – fast alles basierte doch auf dem Blues, oder? Damals wurden sie vermutlich auch kritisiert dafür, dass sie nicht zeitgemäß seien. Bestimmt wurden sie das.

Also, eine typische Sache für Led Zeppelin war doch ihre Verwendung von orientalischen Tonleitern. 

Später ja. Aber die erste und die zweite Platte, da sind sie einfach nur junge Briten, die amerikanische Bluesmusik spielen. das war damals schon alt. Ich weiss nicht, wie da die Regeln aufgestellt werden.

Naja, dieses Interview ist ja auch fürs Classic Rock Magazin Deutschland. Da passt es zu hören, dass du Fan der Bands bist, die bei uns auf dem Cover landen würden.

Bin ich – aber normal würde ich sogar noch weiter in die Vergangenheit gehen. So in die Mitte oder die späten 50s. Diese Ära des Rock‘n‘Roll, die höre ich am meisten, auch um mich zu erinnern, wie leicht es geht und wie leicht es sein sollte, einfach nur einen Popsong zu schreiben. Ein Song, zu dem ich immer wieder zurück kehre, das wäre einer von Dion and the Belmonts: „Runaround Sue“. Immer, wenn ich beim Schreiben eines Songs festhänge, muss ich mich daran erinnern, dass es vermutlich daran liegt, dass ich ihn zu kompliziert mache. Dann höre ich diesen Song noch mal an, ein supereinfacher Vier-Akkorde-Song, wie viele Blues- und Jazzplatten. Da finde ich mehr Inspiration als in klassischem 60s- oder 70s- Rock.

Was ist denn die neueste Platte in deiner Sammlung?

Naja, jede Platte, die Dylan rausbringt werde ich mir besorgen. So viel kaufe ich auch gar nicht. Dieses Jahr habe ich mir die neue Springsteen-Platte und die neue Dylan-Platte gekauft. Das sind auch schon alle Platten, die ich mir dieses Jahr gekauft habe. Ich brauche Platten nicht wirklich. Ich habe nichts dagegen, neue Lieder zu hören, aber ich habe auch kein Bedürfnis danach, nach ihnen zu suchen. Wobei ich sicher Dylans letzte drei, vier Platten erheblich mehr gehört habe als frühen Dylan. Aber ich habe so viel Zeit in meinem Leben damit verbracht, frühen Dylan zu hören, dass es schwieriger für mich wird, darauf zu reagieren. Aber ich kaufe wenige Platten. Zwei pro Jahr, haha.

Hast du einen ipod?

Habe ich, ja. Den liebe ich auch, es ist die beste Erfindung aller Zeiten. Wie groß meine Sammlung darauf ist im Vergleich mit der von Anderen, keine Ahnung. Mir ist sie groß genug.

Es klang eben so, als wärst du ein Vinyl-Sammler.

Ja, aber wenn man sich Vinyl kauft, ist ja heutzutage auch der Downloadcode dabei. Die CD ist mir egal. Seine eigene Platte auf Vinyl in der Hand zu halten, das ist immer das Beste am Veröffentlichen von Alben. Wenn das Vinyl kommt.

Ja, Eure wird sicher cool ausschauen. Dieser Roy Liechtenstein-mäßige Comic macht sich sicher gut.

An den habe ich gar nicht gedacht. Es sollte vor allem comic-mäßig ausschauen. Aber stimmt schon.

Okay, ich komme zum Ende, meine Zeit ist praktisch um. Ich frage zum Abschluss immer gerne nach einer Anekdote. Die Frage ist: Was war der verrückteste Gig, den ihr je gespielt habt? Da gab‘s ja sicher ein paar.

Durchaus, ja. Der Gig, der mir hier als erstes einfällt, war in Monaco. Da findet offenbar ein mal im Jahr so was wie der königliche Ball statt. Wir hätten dort echt nicht sein sollen. Ich kann mir nur vorstellen, dass man uns wahnsinnig viel Geld geboten hat. Wir spielten nur drei Songs, und es war das einzige Mal in unserem Leben, dass wir wirklich die Instrumente zerschlagen haben. Denn nach eineinhalb Songs merkten wir, dass wir für Millionäre und Milliardäre spielten, die gerade ihr Dinner bekamen. Das Klacken des Bestecks und der Gläser war lauter als unsere Musik. Als wir beim letzten Song angekommen waren, haben wir einfach alles zerlegt. Damit haben wir endlich ihre Aufmerksamkeit erregt.

Au, das klingt ja wirklich nicht gut. Immer, wenn ich mal in der feinen Gesellschaft lande, werde ich auch irgendwie wütend. Dieses Gefühl, dass sie sich alle für etwas Besseres halten, dabei wurden sie nur in eine reiche Familie hinein geboren.

Interessant. Also, meine Erfahrung ist, dass die sozialen Aufsteiger schlimmer sind. Leute, die reich geboren sind, haben ja keine andere Wahl. Sie hatten halt einfach ihr ganzes Leben lang Geld, und meistens sind sie angenehme Leute. Die Leute aber, die aufgestiegen sind, sind meistens auch so drauf, dass sie Menschen nach Positionen beurteilen. Das sind diejenigen, die man meiden sollte.

Okay, davon weisst du vermutlich mehr als ich.

Ach, ich gehe nicht oft vor die Tür.

Aber du hattest mit mehr Millionären zu tun als ich.

Naja, einer oder zwei.

So oder so, ich habe meine Zeit leicht überzogen. Vielen Dank, es war sehr nett, und viel Erfolg mit der Platte!

Danke, ich weiss das zu schätzen.

Vielleicht kommt ihr ja bald nach München?

Im Dezember sind wir in Deutschland. Drei Daten, Hamburg ist dabei und Berlin. Das dritte fällt mir nicht ein, Köln, glaube ich.

Na, wir werden sehen! Vielen dank jedenfalls und einen schönen Tag noch!

Cheers, Bye-Bye!

THE FRATELLIS from Mark Barrs on Vimeo.

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