Review: The Fratellis

FRATELLISThe Fratellis – Eyes Wide, Tongue Tied

Ja, die gibt’s auch noch. Aber jetzt echt: Warum sollten sie aufhören? Ja, das Problem einer Band, die schon mal ganz weit oben stand und heute kleinere Brötchen backen muss, ist, dass man ihr immer mit Zynismus begegnen wird. So nach dem Motto: „Die wissen’s wohl nicht besser, warum geben die nicht auf?“ Aber: Warum sollte man sich als Band von diesem Zynismus anstecken lassen, wenn man selbst noch Spaß an der Sache hat?

Der Erfolg von „Chelsea Dagger“ (2006), das noch lange in den Fußball-Arenen gegrölt werden wird, sorgt dafür, dass die drei Schotten The Fratellis weiterhin davon leben können, um die Welt zu reisen und Shows zu spielen. Zu Aktivität einer Band gehört dann auch, dass man weiter Songs schreibt und Platten aufnimmt. Platten, die zwar von den Besserwissern aus Prinzip belächelt werden, die den Fratellis selbst aber das Gefühl geben dürfen, schon noch eine richtige Band zu sein und nicht nur ein Nostalgie-Wanderzirkus.

Das war unnötig gemein. Es gibt mehr Gründe, warum die Fratellis weiterhin Platten aufnehmen. Zum Beispiel, dass sie es gerne tun und dass Jon Fratelli richtig gute Songs schreiben kann.

Sehen wir’s doch mal positiv. 2006/2007, da waren The Fratellis überall. ÜBERALL. Nicht nur „Chelsea Dagger“ war ein Hit. Auch „Henrietta“, „Creeping Up The Backstairs“, „Baby Fratelli“ oder „Flathead“ liefen damals permanent im Atomic Café und die Leute TOBTEN. Und zwar weshalb? Weil’s eben knallige HITS waren! „Costello Music“, ihr Debütalbum, hatte, wenn man das mal vergleicht, einen echt irren Quotienten. Sieben Singles!

Aber wie’s halt so läuft: Erstens hatte man sich am „Döp-Dödödöp-Dödödöp-Dödedödedöde-Döp!“ von „Chelsea Dagger“ schnell satt gehört, zweitens rauschte Indie ins Coolness-Abseits (das ewige Schlagwort „Indie Landfill“ muss hier fallen). So wurde schon das zweite Fratellis-Album „Here We Stand“ (2008) ein böser Flop. Wobei dazu gesagt werden muss, dass hier auch kein vergleichbarer Hit drauf war. The Fratellis trennten sich, Jon versuchte es mit einer Soloplatte als Codeine Velvet Club, die total unterging. Was die anderen zwei machten, weiss kein Mensch.

Fratellis picFünf Jahre später hatten die drei sich wieder zusammen gerauft und mit einem Leben als mittelgroße Band angefreundet. (In der Zeit konnte ich Jon interviewen – das Gespräch werde ich hier in Kürze als Vinterview rauskramen!) „Besser kleinere Gigs spielen als gar keine – so lange die Leute uns sehen wollen, sollten wir uns drüber freuen!“ war ihr Motto, durchaus sympathisch und realistisch.  Zudem legten sie mit „We Need Medicine“ ein Album vor, das echt in Ordnung war – und viel enthusiastischer, als es man es von einer Band, die schon mal so komplett durch die Mangel der Musikindustrie gedreht worden war, erwarten durfte.

Als Außenstehender würde man The Fratellis bei ihrem vierten Album „Eyes Wide, Tongue Tied“ trotzdem wohl eine Rolle als Überlebenskünstler zuweisen. Als wettergegerbte Veteranen, die nach Aufs und Abs durchgehalten haben, eisern ihre neuen Songs ins Presswerk schleppen und von früher erzählen.

So fühlt sich die Platte aber zum Glück nicht an. Zwar sind sie unverbesserlich, die Fratellis, und ziehen ohne Kompromisse an den Zeitgeist ihr Britpop-mäßiges Indiegitarrending durch (das sie selbst eh viel näher am 70s-Rock verorten). Aber das hat inzwischen was Konsequentes. Sie wollen sich keinen Moden mehr anbiedern, sie wissen, dass sie bei den Trendies eh unten durch sind und das ist ihnen egal. Sie mögen das, was sie tun. Punkt.

Und da darf man schon auch mal eine Lanze für Jon Fratellis Songwriting brechen. Alle lieben Supergrass, Supergrass sind ewige Kritikerlieblinge. Aber wenn Jon Fratelli in Topform ist, dann ist das, was seine Band spielt, gar nicht so weit weg von „In It For The Money“.

„Eyes Wide, Tongue Tied“ ist Britpop in vielerlei Variation. Songs, die gerne mal Haken schlagen, aber auch den geradlinigen Weg gehen, wenn es der richtige ist. „Me And The Devil“ ist ein fast sechsminütiger  Stampfer, „Imposters“ ist eine nette Mitschnips-Nummer, auf die Dodgy stolz gewesen wären (und alleine, wenn man mal wieder an Dodgy erinnert, hat man doch schon was erreicht). Mein persönlicher Favorit ist sas stop-start-riffige „Rosanna“. Das quo-eske „Too Much Wine“ klingt wie eine originale Glamrock-Performance von einer Top-Of-The-Pops – Wiederholung aus den Seventies. Die elf Songs des Albums laufen unterhaltsam durch und immer wieder gibt es Momente, bei denen man sagt: „Hey – das ist echt gut!“

Von The Fratellis zu erwarten, dass sie das Rad oder gar sich selbst neu erfinden, wäre Quatsch. Sie tun das, was sie können – aber das ist mehr, als ihnen oft zugestanden wird. Dies ist nicht nur (aber auch) solider Hauruck-Britpop. The Fratellis können subtiler sein, als man denkt – und Hits schreiben können sie sowieso.

 

Fratellis Wertung

 

p.s. Update – ich hatte bei meiner Wertungsgrafik der einzelnen Tracks aus Versehen die Noten für Spector stehen lassen. The Fratellis sind besser, als viele uns glauben machen wollen, aber doch auch nicht so gut, dass sie 2 x Genius und 4 x Great von mir kriegen…

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