Review: Spector

SPECTOR Moth BoysSpector – „Moth Boys“

So. Ich lehne mich mal wieder aus dem Fenster. Ich sage: Wenn eine Platte den Britpop zurück holen kann, dann ist es diese. Denn Spectors zweites Album „Moth Boys“ ist eine wirklich clevere Platte, die etwas übers Leben im Jahr 2015 zu sagen hat. Aber sie ist auch zugänglich, verständlich, so sehr, dass man ihr fast Populismus unterstellen darf. Das Ergebnis ist: Leute, die Pulp, Suede und Blur ca „The Great Escape“ mochten, können hier einiges wieder finden. Aber auch die Killers-Fans von heute werden hier abgeholt.

Spector haben immer angedroht, dass sie das drauf haben. Schon die ersten Singles der Londoner waren große Statements („Never Fade Away“ und „What You Wanted“, 2011). Ihr Sänger Fred MacPherson war damals schon eine echte Type – die Mischung aus Großmaul und Denker, die manche Leute auch auf die Palme bringt. Immer gut, diese Qualität zu haben. Spector waren Favoriten für den großen UK-Durchbruch im Jahr 2012. 

Aber als ihr Debütalbum „Enjoy It While It Lasts“ dann endlich kam, war es vielleicht doch zu bemüht und nicht alle Songs waren auf dem gleichen Level. Die Platte wurde kein Hit. Immerhin: Auf der Insel kriegte sie ordentliche Aufmerksamkeit und die Band konnte sich eine Fanbase erspielen, die an die Band glaubt und ihr die Treue hält.

Drei Jahre sind ins Land gezogen seit dem Debüt und einiges hat sich getan. Musikalisch passierte folgendes: Gitarrist Christopher Burman hat die Band verlassen und ist nicht ersetzt worden. Das bedeutet für „Moth Boys“: Weniger Gitarren, klar. Dafür: Mehr Synthies. Auch haben Spector inzwischen mit ein paar Produzenten gearbeitet, die man bisher nicht unbedingt mit ihrem Neo-Britpop in Verbindung gebracht hätte, zum Beispiel Dev Hynes (Blood Orange). Für Spectors Songwriting und Arrangements bedeutet das, dass sie sich von der Gitarren-Indie-Schablone entfernen und ihre neuen Lieder kreativer, experimenteller umsetzen.

Aber es gibt natürlich auch eine Entwicklung abseits der Musik – die Entwicklung der Persönlichkeit einer Band. Und Spector haben heute einen neue Zielstrebigkeit und vertiefte Aussagekraft.

Bei „Enjoy It While It Lasts“, da waren Fred und Co zuallererst mal Poseure. Das ist nicht negativ gemeint – ich mag das. Die große Geste gehört zum Britpop, dafür stehen exemplarisch Brett Anderson, Jarvis Cocker, Morrissey, aber auch schon Bryan Ferry. Spector hatten damals schon ein klares Bild davon, was sie darstellen wollten, und sie waren ambitionierte Darsteller.

Wie ambitioniert MacPherson war, sieht man schon daran, dass Spector schon sein dritter Versuch auf den großen Wurf waren. Zwei Bands namens Les Incompetents bzw. Ox.Eagle.Lion.Man. hatte Fred nach ein paar Singles wieder getrennt, obwohl sie durchaus Wellen machten in London und der UK-Presse. Aber als sie zu stagnieren schienen, zog er lieber zur nächsten Band weiter. Ich habe deswegen auch ein wenig befürchtet, dass er auch Spector wieder einstampfen würde, nachdem das Debüt letztlich nicht der Hit wurde, den er sich wohl vorgestellt hatte. Aber dass er diesmal an der Band festhielt und das zweite Album durchzog, das ist für mich daher auch Ausdruck einer neuen Determination in der Band. Es geht jetzt nicht mehr nur ums Darstellen. Es geht jetzt um die Inhalte. Um Songs, die wirklich was zu sagen haben.

SpectorAber jetzt zum Album. Wir haben schon festgehalten, dass es diesmal weniger gitarrig zugeht.

Was nun die einzelnen Songs angeht: Es geht sofort mit dem Höhepunkt des Albums los. „All The Sad Young Men“ erschien schon im Winter als Single, aber man hat sich seitdem nicht satt gehört daran. Es geht um Desillusion in dem Lied, es geht darum, nicht mehr an Vorbilder zu glauben. Die Zeilen sind Tiefschläge. Trotzdem klingt der Song triumphal, trotzig. Seien wir ehrlich, der Song ist nahe dran an „All These Things That I’ve Done“ von den Killers, leicht umgeschrieben. Statt dem beknacktem „I’ve got soul, but I’m not a soldier“ kann man jetzt etwas mitschmettern, das Sinn macht: „I don’t wanna make love, I don’t wanna make plans – I don’t want anyone to hold my hand“ zum Beispiel, oder „It’s as meaningless now than as it was meaningless then, all the miserable girls, all the sad young men“.

Richtig, richtig gute Textzeilen, das ist etwas, das sich durchzieht auf der Platte. Und auch wenn ich gesagt habe, „All The Sad Young Men“ sei der Höhepunkt gewesen – von den folgenden Songs sind viele fast gleich gut. „Stay High“ zum Beispiel bringt die letzten Wochen einer Beziehung auf den Punkt, die sich auflöst und bei der man nicht mehr weiß, warum man noch zusammen ist. „In a world that doesn’t add up we are equal, bonding over hating people…“

In quasi jedem Song kann man solche Lieblingszeilen finden. In „Believe“ zum Beispiel: „Highrise fantasies on your fourth floor balcony. It’s so hard to see real moonlight these days, I’m sorry“. Die Suche nach etwas Wahrem einer der Natur entzogenen Welt – Fred projiziert das Wahre auf die Liebste: „I believe in everything you do“ deklariert Fred, „Believe in me, too!“ fleht er. Aber natürlich, der Schlag in de Magengrube, er folgt. „I thought I had the capacity to make you happy – I’m sorry.“

Als nächstes gibt’s verzweifelte Eifersucht in „Don’t Make Me Try“. „You’re lying in your bedroom in my mind, and he’s probably switching off the light.“ Lieblingszeile: „I meant every single word I didn’t say.“

Uh-oh, das ist alles ganz schön trostlos. Es ist keine schöne Welt, von der Fred da singt. Sie ist regelrecht hoffnungslos. Beziehungen sind zum Scheitern verurteilt, wir sind regiert von unseren Handy-Displays und den Erwartungen der anderen an uns, die wir nicht erfüllen können. („When you put it to the test, everything seems second-best to the image in your head“ – „Bad Boyfriend“)

spector 2Aber wie gesagt, die Hoffnung, sie kommt für mich von der Musik. Obwohl die Texte so desillusioniert sind, haben die Sounds für mich etwas… Erhebendes. In dem Sinne, dass es sich nicht unterkriegen lässt. Es ist bombastischer, positivistischer Synthie-Britpop, der der grauen Düsternis der Texte ein metallic-lackiertes Gegengewicht gibt.

Auf den Punkt bringen sie das selbst: „It’s been a decade of decay, with nothing going your way. So you sing a beautiful song, getting the words all wrong.“ – So beginnt „Decade Of Decay“, der flotteste Song hier. In einer Welt, in der es das Atomic noch gibt, ist es ein unbedingter Dancefloor-Knüller. „Meet a pretty girl, try to take her home – but it’s wrong. All we ever wanted was someone to go home with us.“ 

Bis zum letzten Song folgen noch so manche Lieblingszeilen (das eben fies hingeworfene „You call your friends – they’re not your friends“ aus „West End“ zum Beispiel) und zahlreiche gute musikalische Ideen. Denn auch wenn ich vorhin Britpop sagte, heisst das nicht, dass Spector dem Klischee folgen. Die Art, wie sie hier arrangieren, welche Sounds sie picken und wie sie diese punktuell setzen, ist wirklich ideenreich und clever.

Fazit also: Das, was man sich von ihnen versprach, als sie vor vier Jahren in der UK-Szene auftauchten, erfüllen Spector jetzt tatsächlich auf ihrem zweiten Album. Die Platte ist hinterfotzig schlau im Text und smart und versiert in ihrer musikalischen Umsetzung. Sie ist gewitzt genug für den Underground und drall genug für die Massen.

Ein Problem, das Spector haben könnten, ist das, dass sie nach dem Debüt, das nicht die Erwartungen erfüllen konnte, schon in der „failure“-Schublade abgelegt wurden. So stark „Moth Boys“ ist, ist es doch keine Garantie, dass sie sich damit auch aus dieser Schublade heraus kämpfen können, zumal in der immer noch Indiepop-feindlichen Atmosphäre auf der Insel. Aber auch wenn der Erfolg für „Moth Boys“ ausbleiben sollte, ist es für Spector immer noch ein künstlerischer Triumph und dann wird es hoffentlich wenigstens ein Kult-Album.

Spector wert

Übrigens: Ein neues Interview mit Fred MacPherson stelle ich hier demnächst online, es muss noch komplett abgetippt werden. Zum Debüt hatte ich ja schon mal eins, das findet ihr als „Vinterview“ hier.

Nicht einbetten, aber wenigstens verlinken kann ich auf: Die Videos zu „All The Sad Young Men“, „Reeperbahn“, „Stay High“ und „Cocktail Party / Heads Interlude“

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