Wer seid das, Indie?

Nicht nur Interviews sind verloren gegangen, als letztes Jahr mein alter Blog vom Netz ging. Anfang 2014 schrieb ich zum Beispiel einen Aufsatz zum Indie-DJ-Dasein an sich. Eine Art Manifest meines Indie-Glaubens. Ich bin wieder auf diesen Text gestoßen und finde, der gilt auch im Spätsommer 2015. Nicht zuletzt, weil ich – so sieht’s jedenfalls aus – wohl bald wieder hinters DJ-Pult zurück kehre, macht es auch Sinn, noch mal meine Indie-Definition zu umreißen.

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Im Jahr 2014* noch Indie-DJ zu sein und sich auch als Indie zu definieren – was bringt das noch?

Hier eine Antwort. Meine.

Eklektizismus wird heute überall groß geschrieben. Einen bestimmten Sound zu picken und sich darauf zu konzentrieren, gilt als kleingeistig. Erst neulich wieder schrieb eine meiner aktuellen Lieblingsbands, Alpine nämlich, auf facebook, ohne erkennbaren Anlass: „Never restrict yourself to one genre of music“. Damit haben sie unbestritten Recht. Engstirnigkeit, Verbohrtheit, können nie was Gutes bedeuten.

Trotzdem hat mich das mal wieder zum Nachdenken gebracht. Denn es gibt ja auch eine Kehrseite des Ganzen. Und das ist die Beliebigkeit, die – meiner Meinung nach – oft mit dieser als Offenheit präsentierten Haltung mitgeliefert wird. Will sagen: Ist ja schön und gut, dass heute jeder stolz „Ich mag alles!“ auf seinem Schild trägt. Aber es ist schon sehr sehr wichtig für die Definition des Selbst und der eigenen Persönlichkeit, so einige Dinge NICHT zu mögen. Dinge auch mal vehement abzulehnen. Sie scheisse zu finden. Und dazu zu stehen.

Jetzt hole ich erst mal wieder aus. Ich bin, wie ihr wisst, nicht mehr brandneu im Geschäft. Ich habe mein Abi im Jahr 1990 gemacht. Heute habe ich Leute in meinem Freundeskreis, die da noch nicht geboren waren. Klar, dass die Zeiten heute andere sind.

Aber lasst euch von Onkel Henning trotzdem eben in die Vergangenheit mitnehmen.

Zuerst mal: In meiner Zeit hat „Indie“ etwas Anderes bedeutet. Wenn man mich fragte: „Was hörst du für Musik?“ und ich sagte „Indie“, dann erntete ich fast immer verwirrte Blicke. Eine häufige Gegenfrage war: „Wie jetzt, indische Musik?“ „Indie“ musste man erst mal erklären. Ich tat es es immer folgendermaßen: „Okay. Als Kind hatte ich mehrere Kisten für mein Spielzeug. In der einen war Lego. In der zweiten Kiste war mein Playmobil, in der dritten meine elektrische Eisenbahn. Aber es gab auch eine Kiste, in der war all das Zeug, das weder Lego war, noch Playmobil, noch Eisenbahn. Das Zeug passte nicht unbedingt zusammen, aber irgendwo musste man es ja hin räumen. Diese Kiste ist im Plattenladen das ‚Indie‘-Fach.“

Hier standen in den späten 80s dann auch Industrial, Grunge, die Smiths und Co, atonales Zeug, New Order etc, Punk, Goth und alles friedlich beieinander. Nicht, dass alles meinem Geschmack entsprochen hätte, klar. Gemeinsam hatten diese Bands aber eben, dass sie nicht in die anderen Fächer passten. Nicht in den banalen Pop, nicht in den tumben Metal. Sie verband ein unabhängiger Geist. Der Wille und die Kreativität, es anders zu machen als die Industrie. Von einer LP aus dem Indiefach kriegte man Originalität, Freigeistigkeit, Mut, Frechheit, neue Blickwinkel, neue Ideen, Persönlichkeit, Intelligenz, Kunst. Es war eine Bereicherung für den eigenen Kopf über den Umweg des Plattentellers. Die Smiths trällerten Lieder über Selbstmord und Oscar Wilde. Die Pixies kreischten über Luis Buñuel und Alec Eiffel. Der Gitarrist der Stone Roses malte ihre Cover im Stile Jackson Pollocks. Die Sugarcubes sangen von der Revolution (in der man sie als Verräter erschießen werde) und davon, dass Gott nicht existiert. Worüber My Bloody Valentine nuschelten, das konnte man nur ahnen, aber das machte es erst recht spannend.

Der „Indie“-namensgebende Gedanke, dass diese Unabhängigkeit im Kopf auch an eine unabhängige Plattenfirma gekoppelt zu sein hatte, hatte sich zu dem Zeitpunkt, als ich meine Alben prinzipiell nur noch aus dem „Independent“-Fach zog, bereits erledigt. Mehr und mehr dieser Bands waren kommerziell gefragt genug, dass auch die großen Labels ihnen Verträge gaben -auch wenn sie immer noch meistens auf Indies entdeckt wurden.

Jedenfalls: Indie war zu der Zeit, in der ich darauf geprägt wurde – wir alle werden zwischen 16 und 20 auf unsere Musik und Lebenseinstellung geprägt – weniger ein fest umrissener Sound als eine Geisteshaltung. Deswegen kriegte das „Indie“-Fach in manchen Plattenläden auch einen neuen Namen: „Alternative“. Denn das war es, in der Zeit. Es war eine echte Alternative.

Heute heisst „Alternative“ was Anderes. Wisst ihr ja selbst. Heute ist „Alternative“ der US-Rocksound der 90er bis heute. Mit Nirvana startete der intelligente, oppositionell denkende Rock in den Staaten dermaßen durch, dass selbst Bands wie Alice In Chains, Stone Temple Pilots, Smashing Pumpkins, Pearl Jam und Andere Nummer-Eins-Alben landeten. Die Spielzeugkiste, auf der „Alternative“ stand und in der mal „all der Rest“ drin war, war jetzt so rappelvoll mit diesem Zeug, dass sie zur eigenen Kiste geworden war. Aus dem Erfolg wiederum folgte: Sehr oft war das, was jetzt in die Kiste kam war, null alternativ. „Mallternative“. Schon zählten so totale Kackbands wie The Offspring oder Puddle Of Mudd zu „Alternative“. Bands, die bei keinem meiner oben genannten Erkennungszeichen „Originalität, Freigeistigkeit, Mut, Frechheit, neue Blickwinkel, neue Ideen, Persönlichkeit, Intelligenz, Kunst, Bereicherung für den eigenen Kopf“ ein Häkchen machen.

Nur wenig später spielte sich auf der Insel eine Parallele ab. Hier setzte sich von 1993-1997  mit dem Britpop ein dominierender Sound durch im Indie-Fach. Auch hier ging es los mit schlauen, mitreissenden Bands wie Blur, Verve, Suede oder Oasis oder Supergrass, auch hier erstickte der Sound am Ende an den Überhand nehmenden Mitläuferbands – und auch hier hatte das Wort „Indie“ seine Bedeutung „anders“ verloren. Er bedeutete jetzt:„Schlauberger-Gitarrenpopbands“.

Seitdem kommt Indie immer mal in unregelmäßigen Tiden. Mal herrscht Ebbe, mal herrscht Flut. Kurz nach dem Britpop z.B. herrschte eine solche Ebbe, dass Akustikbands unter dem Motto „Quiet Is The New Loud“ als neuer Trend galten. Dann aber kamen die Strokes, White Stripes, Hives und Co und für ein paar Jahre hieß Indie = „Garagenrock“. 2007 kam die große Welle wieder aus Großbritannien. Auf den Erfolg von Franz Ferdinand, Maximo Park, Bloc Party, Arctic Monkeys und und und folgte letztlich wie bei jedem Trend und einen massiver Burnout.

Seitdem gibt es Leute, die proklamieren „Indie ist tot“.

Und? Ist Indie tot?

(Nebenkriegsschauplatz: Warum wollen Typen, die „Indie ist tot“ schreien, eigentlich an Indie-Abenden auflegen? Sollten die nicht wenigstens andere Abende für sich in Anspruch nehmen?)

Hoppla, nicht ablenken lassen.

Also noch mal. Ist Indie tot?

Nö. Das geht gar nicht. Wobei – es ist natürlich eine Definitionsfrage des Wortes „Indie“. Wenn Indie für dich bedeutet „Musik, die klingt wie die Songs auf ‚A Certain Trigger‘“, dann geht es Indie natürlich nicht so gut wie vor fünf Jahren. (Allerdings tanzen die Leute trotzdem immer noch zu den Songs von „A Certain Trigger“…)

Aber für mich bedeutet Indie halt immer noch was Anderes. Ich definiere Indie für mich wie vor 25 Jahren, da bin ich bockig. Indiebands sind für mich Bands, die eins oder mehr dieser Attribute (und da wiederhole ich mich gerne ein Mal mehr) bieten: Originalität. Freigeistigkeit. Mut. Frechheit. Neue Blickwinkel. Neue Ideen. Persönlichkeit. Intelligenz. Kunst. Eine Bereicherung für den eigenen Kopf.

Ich weiss, dass zuhauf Musiker am Start sind, die das weiterhin bieten. Ich meine, ich führe diesen Blog seit 2010.* Also mitten in einer Ära, in der es Indie angeblich superschlecht geht. Trotzdem habe ich inzwischen über 1000 Einträge hier platziert.* Weil ich immer wieder auf Sounds und Ideen stoße, die mich begeistern. Und ich mache mir keinerlei Sorgen, dass diese Quellen versiegen könnten. Denn so lange es schlaue und aufmüpfige, kreative Geister gibt, wird es auch neue Musik geben, die ich für mich als „Indie“ definieren kann.

Amen.

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Nachträge / Ausblicke / Fragen:

Warum hast du in der Einleitung noch mal von anderen Genres gesprochen?

Ach ja. Sorry. Also, was ich sagen will: Originelle, interessante Musik mit Persönlichkeit ist natürlich nicht genregebunden. Aber: Nur einfach querbeet alles zu hören, das macht einen nicht zum Kenner. Man muss schon Dreck von was Gutem unterscheiden können.

Ich meine, auch Musik, die im Indiefach steht, kann riesiger Mist sein. Denkt nur an Bastille oder The 1975, diese zwei absolut fürchterlichen Drecksbands. Diese Scouting For Girls unserer Generation. Banalste, konservative Gülle für Langweiler.

Das meine ich mit der Beliebigkeit.

Man soll nicht festgefahren sein, klar. Aber man muss, wenn man sich in verschiedenen Genres bewegt, schon auch unterscheiden können zwischen Gold und Scheisse. Beispiel Chartpop: Lorde: Wahnsinn. Intelligent, anders denkend, oppositionell, lässig. Geht fraglos in meiner Definition als Indie-Act durch. Icona Pop: DIY-Ästhetik, Persönlichkeit, Struppigkeit. Gefühlter Indie. Yeah. Robin Thicke? „Blurred Lines“ ist ein reaktionärer Song darüber, dass sie ja eigentlich „Ja“ meint, wenn sie „Nein“ sagt. Geht’s frauenfeindlicher? Fuck you, asshole! Nichts, aber auch gar nichts hat deine Nummer in einem Indie-Set verloren!!

Denn, noch mal, Indie is a state of mind. Nur in zweiter Hinsicht a sound of music.

Wenn ich eine typische Atomic-Playlist von mir angucke, sehe ich, dass das durchaus eklektisch zugeht. Da findet sich Bluegrass von Old Crow Medicine Show, eine halbe Stunde später Elektro von, sagen wir, Vitalic, natürlich auch viele, viele Gitarren in laut, leise, kratzbürstig und groovy, dann wieder Synthpop a la CHVRCHES. Als Klangbild ist das heute jedenfalls viel weiter gefasst als Mitte der 90s, als man komplette Abende mehr oder weniger mit Britpop-Varianten bestritt und es undenkbar war, einen Song ohne Gitarren zu spielen. Man kann also sehr wohl einen Abend sehr eisern indie bleiben und trotzdem eine enorme Bandbreite an Sounds und Styles abdecken.

Noch was: Über all die Jahre waren Indie und Alternative per Definition der Sound einer Minderheit. Sollten die anderen ihren Radio NRJ-Mainstream hören – man lauschte Indie doch auch, weil es einem das Gefühl gab, dass man sich damit gegen die Normalos, Langweiler und Mitläufer abgrenzte. Und auch wenn zu allen Zeiten einzelne Bands den Crossover zur breiten Masse schafften, Indie an sich war immer was für die Nerds, Freaks, Szenen und Aussenseiter.

Anders war das nur kurz zur Grunge Explosion Anfang der 90s und ca 2007/2008, als man keinen Laden betreten konnte, ohne von Maximo Park oder den Ting Tings begrüßt zu werden. Diese Zeit ist vorbei, klar. Indie ist wieder ein Sound für Sonderlinge und Minderheiten. Aber: Das ist der Normalfall. So SOLL es sein! Der Boom vor 5, 6 Jahren, DAS war der Ausreißer. Dass Indie zur Zeit die breiten Massen nur wenig berührt, bedeutet nicht seinen Tod, sondern nur, dass Indie nach der Überschwemmung wieder im alten Bachbett fließt.

Und weil’s so schön war, wiederhole ich die Punkte noch mal: So lange Menschen da draußen am Start sind, die Musik machen und dabei eines dieser Attribute für sich ankreuzen können: Originalität – Freigeistigkeit – Mut – Frechheit – Neue Blickwinkel – Neue Ideen – Persönlichkeit – Intelligenz – Kunst – so lange werden sie eine Bereicherung für den eigenen Kopf darstellen, und so lange wird „Indie“ auch leben.

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* Der Text ist von 2014 vom alten Blog – daher die Referenzen auf 1000 Beiträge. Auf die kommen wir hier über kurz oder lang auch noch, versprochen.

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