Interview: Strange Wilds

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Wie jetzt? Der Henning interviewt eine Band aus härteren Schublade? Da wunderte sich sogar der Kollege von der Plattenfirma. Aber hey, auch ich wurde mit Grunge groß und Sub Pop hat ein neues Trio aus Olympia, Washington unter Vertrag genommen. Das letzte Mal, als das passierte, da ging bald so einiges. Das ist zumindest eine ordentliche Gesprächsgrundlage für ein Telefonat mit Sänger Steven von den Strange Wilds.

Guten Morgen nach Olympia! Bei euch ist es acht Uhr morgens?

Stimmt. Wie spät ist es bei dir?

Hier ist es fünf Uhr am Nachmittag. Ist es üblich, dass du so früh aufstehst? Das machst du jetzt nicht extra fürs Interview, oder? 

Das ist schon okay, ich muss nachher noch zu meinem Job.

Was arbeitest du, darf ich fragen? Es ist ja heute selten, dass junge Bands sich schon zu 100% auf die Band konzentrieren können. 

Ach nichts Besonderes, ich jobbe in einer Pizzeria.

Na, die macht aber doch nicht um acht auf, die Pizzeria.

Nee, das nicht, aber ich wollte vorher noch ein paar Dinge erledigen und was für die Band vorbereiten, die treffe ich heute Abend noch.

sw-subjectiveconcepts-900So. Ein Trio aus Olympia auf Sub Pop. Da steht ihr ja in einer guten Tradition.

Ja, schon irgendwie, oder? Ziemlich cool.

Ist Olympia heute ein einziges Nirvana-Museum? Ich denke mir, die Stadt ist ja nicht so groß – da müssen doch überall Schilder hängen: Hier ging Kurt Cobain zur Schule, hier spielte er eine frühe Show und so weiter.

Gar nicht mal. Die Stadt hat sich extrem verändert in den letzten 15 Jahren. Das meisten Gebäude, wo Kurt so abhing, stehen gar nicht mehr.

Ich hoffe, es langweilt dich nicht total – du musst sicher dauernd Nirvana-Fragen beantworten. Aber es drängt sich so auf, bei einem Trio aus Olympia!

Nein, das stört mich nicht. Es ist ja auch ne Ehre, irgendwie.

Oookay. So – ich habe in den 90ers sehr viel Oasis und ähnliche Bands gehört. Diesen Bands warf man vor, sie würden ja nur die Beatles kopieren, Musik, die 30 Jahre alt war, und das sei ja wohl nicht mehr relevant. Wenn ihr jetzt den Faden des Grunge aufnehmt, ist der heute ja auch 25 Jahre alt – wo liegt da der Unterschied?

Verstehe. Naja, ich denke, das passiert halt. Die Beatles machten ja auch nur nach, was Elvis vor ihnen gemacht hatte, und Elvis kopierte von seinen Vorgängern. Die Leute, sie wachsen mit verschiedener Musik auf, und sie picken sich eine Musik, die sie am meisten inspiriert und führen das fort. Das ist einfach ein Kreislauf des Rock’n’Roll.

Als ich diese Frage aufschrieb, fielen mir selbst zwei Antworten ein. Erstens denke ich mir: Für junge Ohren ist der Sound doch wieder ziemlich fresh, weil er recht lange ziemlich von der Bildfläche verschwunden war. Ich weiss ja nicht, wie das in Olympia, einer Heimat des Grunge war – aber im Rest der Welt war der Sound zwar vielleicht nicht komplett weg, aber es ging wieder zurück unter die Oberfläche damit.

Also, als ich aufwuchs, da gab es hier keine Bands mehr, die Grunge machten. Zwar waren alle Fans von Nirvana, aber es gab niemanden, der auch den Sound wieder aufgriff. Die Leute stehen immer noch auf den Sound, er ist immer noch cool.

Dann bedeutet es Euch sicher eine Menge, dass ihr auf SUB POP seid, oder?

Total! Da haben wir nie mit gerechnet, dass das passiert. Auch für uns war es eine riesige Überraschung. Da sind wir extrem happy, dass das geklappt hat.

Ich habe noch eine zweite Antwort für die Grunge–Frage: Bevor ich in den 90s auf Oasis und Co umschwenkte, hörte auch ich eine Menge Grunge. Mir fiel jetzt beim neuerlichen Hören auf: Das war damals durchaus der richtige Soundtrack für das, was in meinem Kopf stattfand. Damals war ich so am Übergang von der Schule ins „richtige“ Leben, aber mir war nicht klar, was ich machen wollte, und ich spürte von allen Seiten Druck. Man will allen gerecht werden, die Eltern nicht enttäuschen, sich nicht schlechter schlagen als die Mitschüler, denen alles scheinbar so viel leichter fällt… ich fand mich damals selbst in allen Belangen unzulänglich und für dieses Gefühl war Grunge die richtige Musik – denn sie drückte das aus und gab dem Ganzen ein Ventil. 

Und es ist ja so: Dies sind universelle Ängste, die neue Generationen an diesem Punkt in ihrem Leben immer wieder durchstehen müssen. Deswegen wird Grunge aktuell bleiben, weil er Menschen, die sich in dieser Phase befinden, immer aus der Seele sprechen wird.

Yeah, da bin ich definitiv deiner Meinung. Es ist auch eine Alterssache – wenn man jung ist, dann sind Grunge, Punk und Hardcore immer hilfreich, um diese aufgestauten Gefühle zu artikulieren. Deswegen habe ich ja auch zu dieser Musik gefunden, als ich etwas jünger war.

Ich sagte eben, die Musik sei auch ein Ventil, das Druck ablässt. Was ist bei dir denn der Druck, den du ablässt? 

Na, als ich etwas jünger war, waren’s die Schule und die Eltern. Jetzt mit über 20 ist es die Arbeit, das Geld, die Frage, wie man über die Runden kommt, die Frage, was man für einen Berufsweg macht, wie man seinen Platz in der Gesellschaft findet – in einer Gesellschaft, in der ja auch noch eine Menge komplett daneben läuft. Da hilft die Musik einfach. Wir sind ja auch noch zu dritt und können dann gemeinsam Dampf ablassen.

Was wiederum etwas ist, was dieser Sound der Dancemusic voraus hat: Grunge ist was Physisches, man haut in die Saiten und auf die Drums, das geht durch den ganzen Körper. Das kann man nicht hinkriegen, wenn man Knöpfchen auf seinem Computer drückt – deswegen wird’s Gitarrenmusik noch lange geben, wenn auch alles andere von Computern gemacht wird.

Yeah, man hat sie schon oft abgeschrieben. In den 80ern sagte man schon, die Gitarren würden verschwinden. Aber tatsächlich wird Gitarrenmusik kommen und gehen und wieder kommen, weil sie immer aufs Neue schocken können wird.

Wie sieht denn deine Plattensammlung aus, ist das alles Grunge?

Überhaupt nicht! Mein Geschmack ist total breit gefächert. Ich höre sogar echt viel Taylor Swift, und in meiner Sammlung steht viel elektronische Musik.

Hast du gerade Taylor Swift gesagt?

Habe ich, ja. Doch, ich mag Pop.

Meinst du, eine Art Taylor Swift-Einfluss wird irgendwie in eure Musik finden? Ich meine, Nirvana – um sie hoffentlich zum letzten Mal erwähnt zu haben – waren bekanntlich große Fans der Beatles und von ABBA, und auch deshalb so erfolgreich, weil unter ihren fiesen Gitarren letztlich zugängliche Popsongs steckten.

Yeah, das habe ich auch immer an ihnen gemocht – ich mag auch Oasis. Ich mag es, wenn etwas poppig ist und man mitsingen kann. Ich versuche schon auch, das in unsere Musik einzubauen.

Lustig übrigens, wie klassisch SubPop-ig euer Album auch vom Artwork her ist. Man klappt die CD auf und innen drin ist ein schwarzweiss-Bild einer Liveperformance – Es gab eine Zeit, da hatten CD-Booklets einfach so auszusehen! Sogar das Publikum sieht aus, als sei es aus den frühen Nineties, mit Holzfällerhemden und allem. Das trägt man noch im Pacific North West?

Ja, das ist einfach das Zeug, was man hier normalerweise anhat. Es ist ja nicht mal, weil man damit eine alte Ära aufleben lassen will – das sind einfach die Alltagsklamotten.

Die Grungebands damals fingen ja als Aussenseiter an, beinah als Ausgestoßene. Aber seitdem ist die Musik etabliert und einige Bands hatten großen Erfolg – gilt man als junge Grunge-Band immer noch als Außenseiter? Ich meine, ihr kommt aus Olympia, und wenn man in dieser Stadt nicht anerkennt, wie weit man mit Grunge kommen kann, wo dann? 

Also klar, Grunge ist jetzt als Begriff bekannter . Aber wir sind ja nicht mal die bekannteste Band in Olympia – unsere Gründung und unsere ersten Auftritte, das fand natürlich in einer kleinen Underground-Szene statt.

Ich bin kein Musiker, drum höre ich’s nicht raus – erlaube mir die Frage: Spielt ihr Drop-D-Gitarren?

Nein, nein, unsere Gitarren sind ganz normal auf Standard-E gestimmt.

Na gut. Als ich eure Platte hörte und sie mich so sehr an die alten Zeiten erinnerte, dachte ich, vielleicht sind die Gitarren der Grund.

Nee, uns ist das zu kompliziert, die Gitarren auch noch umstimmen zu müssen. Das gibt’s bei uns nicht.

Okay. Neulich sprach ich eine Band, deren Mitglieder nicht nur gemeinsam Musik machen, sondern auch andere Hobbies teilen. In dem Fall ging die Band gemeinsam laufen und trat unlängst geschlossen bei einem Halbmarathon an. Wie ist das bei euch drei, gibt es da weitere verbindende Aktivitäten außer der Musik?

Ja, wir sind große Sci-Fi-Fans. Wir alle sammeln Star Wars-Zeugs und gehen gerne gemeinsam ins Kino. Unser Drummer Allen ist auch ein großer Soccer-Fan – er redet von nichts anderem als Fußball und wir gehen manchmal gemeinsam ins Stadion. Sean, unser Bassist wiederum steht total auf Eishockey, und da kann er einen schon mit anstecken.

Cool, Fußball – ich finde es von Europa aus spannend, zu sehen, wie sich speziell in der Region des Pacific North West der Fußball etabliert. Bist du ein Anhänger der Sounders?

Also, mein Team ist eins aus LA – aber es ist schon stark, zu sehen, wie die Sounders die Stadt mobilisieren. Da sind an einem Match-Tag immer 60.000 Leute unterwegs ins Stadion. Das ist schon stark und das hat eine enorme Wirkung hier im Nordwesten.

Zurück zu Euch: Kannst du uns etwas über die Strange Wilds erzählen, das man von dieser Band nicht erwarten würde?

Hmm, also wir hören oft, dass wir so laut seien. Ich finde nicht wirklich, dass das stimmt. Aber man sagt es uns die ganze Zeit.

Es gibt Musiker, die können den Moment nennen, an dem sie beschlossen, Musiker zu werden. So nach dem Motto „Ich sah David Bowie bei Top Of The Pops und mir war klar, das muss ich machen!“ Gab es so einen Moment für dich?

Ja, eigentlich schon. Meine Eltern waren bereits riesige Rock’n’Roll-Fans und bei uns lief immer Musik. Ich bin damit aufgewachsen, dass David Bowie oder so jemand bei uns im Haus lief, und fand das schon super, als ich erst drei oder vier Jahre alt war. Schon ganz früh war’s so: Oh, die Leute legen sich Platten auf, und sie stehen drauf! Solche Platten will ich auch mal machen!

Strange Wilds Band Photo
Strange Wilds Band Photo

Was bringt dich normalerweise dazu, einen Song zu schreiben?

Weisst du, hier in der Gegend, da regnet es die ganze Zeit. Man will sich einfach mit irgendwas beschäftigen, sonst geht man ein vor Langeweile. Und dann spielt man rum auf der Gitarre, und wenn etwas gut klingt, versucht man, es nicht zu vergessen.

Jetzt bin ich tatsächlich schon fertig mit meinem Fragenkatalog, du hast ganz schön schnell geantwortet! Am Schluss frage ich immer nach einer Anekdote – und die Frage ist immer: „Was war euer verrücktestes Konzert?“

Oh, Man. Es gab so viele schräge, auch weil ich vorher in anderen Bands war. Mit was soll ich anfangen?

Dann nimm doch die verrückteste Strange Wilds – Show bisher.

Naja, es gab halt ein paar Shows, bei denen quasi niemand auftauchte. Das war’s aber auch schon.

Na, dann muss ich wohl doch nach einer Show einer früheren Band fragen. 

Okay, ich war vorher in dieser Band namens Outrun – und wir spielten ein Konzert in einer Kleinstadt in Nordkalifornien. Eigentlich spielen wir gerne in Kleinstädten, denn da kommen normalerweise immer viele Kids zu den Konzerten, weil dort sonst nix los ist. Die Sache war aber die – diese Stadt war komplett leer. Das war quasi eine Geisterstadt. Der Promoter von der Show war auch ratlos „Die sind heute alle ausgeflogen“. Ich meine, diese Shows, bei denen keiner auftaucht, die gibt es, und man akzeptiert es. Aber hier war es schon so: „Wieso sind wir eigentlich her gefahren?“ Es war einfach die komplette Stadt leer, kein Mensch irgendwo zu sehen!

Na, dann hoffe ich mal, dass mit diesem Album die Tage vorbei sind, an denen niemand zu euren Shows kommt! Viel Glück mit dem Album, und vielleicht kommt ihr ja auch bald auf eine Europatour?

Danke – und ja, wir hoffen, dass sich da so ca, Oktober/November etwas auf die Beine stellen lässt.

Dann noch einen schönen Vormittag und Danke fürs Gespräch!

Danke für deine Zeit, man!

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