Review: Albert Hammond Jr

ah jrAlbert Hammond Jr – „Momentary Masters“

Schwierig, die Strokes in den letzten Jahren.
Beweisstück 1: Das letzte, rote Album – das war so wenig beeindruckend, dass ich sogar vergessen habe, wie’s heißt! Da muss ich erst mal nachschauen – ah ja, „Comedown Machine“!

Seit „First Impressions Of Earth“ jedenfalls wirkt Julian Casablancas nicht nur aus Coolness gelangweilt. Es ist, als sei er nur noch richtig widerwillig Strokes-Mitglied. Vielleicht aus Mitleid den anderen  gegenüber, die ja irgendwo die Butter für ihr Brot hernehmen müssen? Nicht jeder ist Millionärssohn wie Julian und Albert Hammond Jr, die sich bekanntlich dereinst im Schweizer Luxus-Internat kennenlernten. Jedenfalls: „Comedown Machine“ klang zum substantiellen Teil nach „Mein Gott, wir müssen diesen 5-Alben-Vertrag ja mit irgendwas erfüllen!“ Man hatte fast das Gefühl, dass Julian die Platte sabotierte: die Band gab keinerlei Interviews, spielte keine Tourdates – alles Julians Entscheidungen.

Das frustrierendste an allen drei Alben war dabei: Jedes hatte so seine drei, vier Spitzensongs. Songs, die zeigten, wenn die Strokes nur wollen würden, dann könnten sie weiter so fresh und knackig und strubbelig und rotzig Musik machen wie auf „Is This It“ und „Room On Fire“. Das machte es umso trauriger, dass 3/4 der Alben halbgar und lieblos hingerotzt wirkten, wie eine Hausaufgabe, die man auf den letzten Drücker abliefert, weil man weiss, es reicht eh für eine 4.

Hat Julian Casablancas daran alleine „Schuld“ und man kann’s irgendwo auch nachvollziehen? Der Mann ist jetzt 36 und soll immer noch den Typen geben, der er mit 22 war, als „Is This It“ rauskam? In seiner letztjährigen Platte „Julian Casablancas + The Voidz“ steckte sicher mehr Herzblut. Leider war sie halt komplett unanhörbares „Hey, ich bin schräääg!“-Nörgeldoompunk-Gewichse.

Albert Hammond Jr - Photo by Jason McDonald
Albert Hammond Jr – Photo by Jason McDonald

Aber es geht ja gar nicht um Casablancas! Es geht um Albert Hammond Jr, den Gitarristen. Da sieht man mal, wie schwer er sich tut, aus Julians Schatten zu treten! Zwei Soloalben hat Albert schon veröffentlicht: „Yours To Keep“ (2006) und „¿Cómo Te Llama?“ (2008). Beide waren okay. Aber beide hatten ein definitives Nebenprojekt-Feeling. Man hörte einfach, die Strokes waren Alberts Nummer 1. Die Songs waren nett, aber Albert war kein geborener Frontmann und Sänger, die Produktion war nicht knackig. Diese Alben schienen auch nichts anderes sein zu sollen als eine Nebenbeschäftigung. Als eine Überbrückung, bis Julian sich wieder dazu herabließ, mit den Strokes zu arbeiten.

Deswegen ist „Momentary Masters“ ein Quantensprung für den Gitarristen. Denn diese Platte klingt erstmals so, als habe Albert wirklich was zu erzählen – und als habe er sie mit der gleichen Konzentration, Hingabe und Wertschätzung eingespielt wie ein Strokes-Album. Vielleicht, weil ihm heute klar ist, dass er sich nicht ewig darauf verlassen kann, dass Julian mal wieder in Strokes-Laune kommt? Weil ihm klar wurde, dass seine Solo-Arbeit von jetzt an wirklich für sich selbst stehen muss? Vielleicht aber auch, weil Albert in der Reha war und gleich mehrere langjährige Abhängigkeiten (Heroin, Kokain, Ketamin) überwunden hat – und damit im Studio und insgesamt auch einfach mehr Plan hatte?

Was Albert nicht tut – und er muss es auch nicht – ist, irgendwie zu verbergen, dass dies die Platte eines Strokes-Gitarristen ist. „Momentary Masters“ klingt nach Strokes. Extrem. Gleich in den ersten Sekunden von „Born Slippy“ (kein Underworld-Cover) verzahnen sich die Gitarrenlinien ineinander, wie es bei seiner bisherigen Hauptband typisch ist – das Instrumental dieses Songs könnte 1:1 auf, sagen wir, „Angles“ stattfinden. Nur, dass eben nicht Julian singt, sondern Albert. Er ist immer noch kein Stimmcharismatiker. Aber immerhin hat er als Sänger zweifellos an Profil gewonnen. Er klingt nicht, als ob er singt, weil Julian halt nicht da ist. Sondern, weil er uns was mitzuteilen hat.

Albert Hammond Jr - Photo by Jason McDonald
Albert Hammond Jr – Photo by Jason McDonald

Was wirklich schön ist: „Momentary Masses“ klingt nun also zu, sagen wir, 85% wie eine Strokes-Platte – aber nach einer, die endlich mal wieder richtig mit Spaß an der Sache gemacht wurde. In keiner Sekunde klingt dieses Album so widerwillig oder genervt wie so viele Momente auf „Comedown Machine“. Das „Juicebox“-eske Riff und die rasanten Sechzehntel auf „Caught By My Shadow“ zeigen Albert viel mehr als Gitarristen, der sich richtig enthusiastisch austobt. In den richtig zärtlichen Strophen von „Coming To Getcha“  versucht er auch einige Dinge, für die es bei den Strokes kein direktes Pendent gibt. Wenn „Losing Touch“ losgeht, denke ich immer, es ist ein Idlewild-Lied von „100 Broken Windows“ – und auch das ist ein Lob. Das niedliche „Don’t Think Twice“ erinnert in seiner Einfachheit wiederum erstmals daran, dass wir hier den Sohn von 70s-Songwriter Albert Hammond („It Never Rains In Southern California“) vor uns haben. Das wichtigste bei all dem: Während die letzten Strokes-Alben, wie ich oben schon schrieb, immer auch aus Füllmaterial bestanden, muss man hier bei keinem einzigen Song auf die Skip-Taste drücken.

Was wir also insgesamt von dem Album mitnehmen: Wie schade, dass eine solche Spielfreude bei den Strokes zuletzt nicht mehr durchkam! Auch wenn er sich okay schlägt als Sänger – wenn Albert für diese Songs auch noch einen motivierten Julian Casablancas als Frontmann hätte, könnte das nächste Strokes-Album wieder so Spaß machen wie die ersten zwei! Nur glaubt man nicht wirklich daran, dass ein Julian im Voidz-Modus sich dazu aufraffen kann.
Aber diesen Sommer haben die Strokes ja immerhin zum ersten mal seit 5 Jahren wieder Festivalshows gespielt, da darf man vielleicht vorsichtig optimistisch sein, dass die Jungs auch im Studio wieder Bock aufeinander haben könnten? Immerhin: auch, wenn diese Reunion zu keinem weiteren Album mehr führt und Albert von nun an ausschließlich solo weiter machen sollte, werden wir angesichts der Stärke von „Momentary Masters“ noch viel Freude mit ihm haben.

ah jr w

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