Interview: Tame Impala

Tame-Impala opener

Ich hab’s schon letzte Woche angekündigt – aber so ein Interview komplett zu transkribieren und dann hier wieder zu überstellen, das dauert halt seine Zeit. Umso mehr, wenn es Hochsommer ist und man sich nach einem Arbeitstag echt nicht mehr unbedingt vor den Rechner klemmen will oder sich an einem freien Tag halt lieber an die Isar legt.

Anyway. Kevin Parker. Tame Impala. Fuck yeah! Ich finde „Currents“ sehr sehr sehr super. Und fürs piranha kriegte ich 20 Minuten mit dem Maestro am Telefon. Here we go.

Hey there!

Hi, wie geht’s?

Ich freue mich, dass es wieder geklappt hat. Du bist gerade in Perth, korrekt?

Ja, wir sind gerade heim gekommen, vor zwei Tagen.

Perth ist immer noch deine Homebase oder bist du heutzutage sowas wie ein Weltbürger?

Currents-hi-resHmm – Perth ist schon noch mein Zuhause, obwohl das in den nächsten zwei Monaten wohl nicht so der Fall sein wird. Aber offiziell nenne ich es jedenfalls noch mein Zuhause.

Hier steht dein Haus? Oder bist du einfach bei deinen Eltern, wenn du in Perth bist?

Nee, ich hab hier ein Haus. Einfach nur mein Haus, da ist auch mein Studio.

Weil ja die ganze Welt derzeit ein Stück von deinem Rockzipfel haben will – ist Perth der Ort, an dem du deine Ruhe hast?

Schon, ja. Ganz witzig, weil Perth ja nicht sehr groß ist, zumindest was die Population angeht. Das bedeutet, wenn ich einen Kaffee trinken gehe, erkennen mich viele oder wissen zumindest, dass ich Musiker bin. Trotzdem ist es ein Ruhepol als Gegensatz zum schnellen Leben auf Tour, denke ich mal.

Wo wir vom schnellen Leben reden – in der nächsten Zeit wird es um dich nicht eben ruhiger werden. Deine dritte Platte schlägt große Wellen. Als du ins Studio gegangen bist, hattest du da schon eine konkrete Vorstellung, wohin die Reise gehen soll? Oder hast du die Dinge auf dich zukommen lassen nach dem Motto: „Let it happen“?

Ha! Lustig, dass du das sagst – also ich hatte am Anfang noch keine genaue Vorstellung, in welche Richtung ich die Platte führen wollte, aber das hat sich dann sehr schnell heraus kristallisiert. Es klingt wie ein Wortspiel, wenn ich sage „I let it happen“ – aber das war tatsächlich, was ich machen wollte mit dem Album. Mir keine Einschränkungen auferlegen und einfach gucken, was passiert, Song für Song. Jedem Song zu erlauben, was für ihn das richtige war, anstatt dass ich das diktiere.

 

Letztes Mal, als wir uns unterhielten – da war „Lonerism“ frisch draußen und du warst gerade im Tourbus nach Wien. Da redeten wir über die Popsongs, die du inzwischen geschrieben hattest und vielleicht an Kylie weitergeben wolltest. Da „Currents“ jetzt ja sehr poppige Stellen hat – sind ein paar dieser Songs letztlich auf „Currents“ gelandet?

Naja, es war ja nicht so, dass ich wirklich Songs für Kylie rumliegen hatte. Es waren mehr fortgeschrittene Ideen – von denen dann auch keine auf diesem Album landete. Es war damals halt gerade so meine geistige Verfassung. Die Vorstellung, mal Songs für jemand anderen zu schreiben, das gab mir die Möglichkeit, Musik zu machen, die ich von Tame Impala trennen konnte. Heute geht’s mir anders, heute fühle ich nicht mehr dieses Bedürfnis, irgendetwas, das ich mache, überhaupt von Tame Impala trennen zu wollen. Was immer ich tue, das wird unvermeidlich Tame Impala sein.

Darüber haben wir letztes Mal sogar gesprochen. Wir fragten uns, ob denn irgendetwas „zu …(wasauchimmer)“ für Tame Impala sein könnte.

Ja, und das ist mir klar geworden. Dass nichts „zu… irgendwas“ für Tame Impala ist. Solange es von mir kommt und solange es ehrlich gemeint ist, repräsentiert das einen ehrlichen Teil von mir, und dann ist es Tame Impala.

Welchen Einfluss hatte deine Arbeit mit Mark Ronson? (Kevin ist auf drei Tracks von „Uptown Special“ dabei) Ich finde, das ist auch eine Pop-Platte, und sie ist natürlich sehr tanzbar – und ich finde, ein Song wie „Daffodils“ würde auf „Currents“ nicht fehl am Platze klingen. 

Sieh an! Nee, aber das ist vor allem Zufall. Das ist einfach Musik, die ich immer mochte, aber ich hatte alleine nie so das Selbstbewusstsein, das auch durchzuziehen. Aber ich denke, „Daffodils“ ist definitiv kein Tame Impala Song. Ich widerspreche mir hier, weil ich eben gesagt habe, dass es Tame Impala ist, wenn es von mir kommt. Aber großen Spaß hat es definitiv gemacht, den Song mit Mark zu erarbeiten.

Was hast du letztlich für dich mitgenommen aus diesen Aufnahmen mit Mark?

Ehm… er ist natürlich jemand, den ich bewundere für seine Arbeit. Es waren deshalb vor allem Arbeitsweisen, die mir auffielen. Er ist sehr offen für alles – Songs können für ihn von überall herkommen. Und es ist gut zu sehen, dass es andere Arten und Weisen gibt, Musik zu machen, als meine.

kevin parker 2Mir ist auf den Mark Ronson-Songs erstmals etwas aufgefallen, nämlich deine Stimme. Bisher habe ich immer zuerst auf dich als Songwriter und Gitarrist von Tame Impala geachtet – hier bist du mir erstmals so richtig als Sänger aufgefallen.

Haha, tja, Danke.

Vielleicht ist es dieser Singstil, den du mitgenommen hast und der sich auf deinen neueren Songs findet?

Naja, ja, ich wollte immer schon mehr mit meiner Stimme machen. Es gibt so viele Musik, die ich mag, in der die Stimme sehr im Zentrum steht. Ich wollte da also seit längerem mal mehr meine Muskeln spielen lassen. Meine Stimmband-Muskeln, haha. Ich war halt nicht selbstsicher genug vorher. Ich dachte, das würde nicht zu der Musik passen, die ich mache. Aber ich habe diesen Sprung ins Ungewisse gewagt, wenn man so will.

Das war jetzt das dritte Mal in unserem Gespräch, dass du von „Selbstbewusstsein“ gesprochen hast. Heisst das, dass deine Selbstzweifel verschwunden sind? Letztes Mal sagtest du noch, dass du manchmal deine Musik anhörst und sie für den größten Dreck aller Zeiten hältst.

Haha, klar, das passiert immer noch, offensichtlich.

Offensichtlich?

Naja, ich glaube, wenn ich das nicht in mir hätte, würde ich mich nicht entwickeln. Dann würde ich mich nicht immer aufs Neue auf die Probe stellen. Ich denke, es ist ein wichtiger Teil des Ganzen. Und es trägt seinen Teil bei zu diesem Achterbahn-Gefühl.

Ich denke, es ist nicht so offensichtlich, dass diese Zweifel bleiben. Ich meine, du reist um die Welt und die Leute jubeln dir überall zu. Es wäre nicht ungewöhnlich, wenn das abfärbt und du feststellst: „Offenbar ist das ziemlich gut, was ich mache.“

Haha, ich denke mal, das ist so. Irgendwann kann man einfach nicht mehr verleugnen, dass die Leute es mögen. Klingt angeberisch, aber es ist wohl wahr.

Der Song „Yes, I’m Changing“ ist da ja sicherlich ein Schlüssel-Track, dachte ich. In dem Songs sagst du ja nicht nur, „Ich verändere mich als Person“, sondern implizit quasi auch, dass du dich auch als Musiker veränderst. Deswegen war ich ganz überrascht, als ich ein Interview las, wonach du den Song fast vergessen hättest. Dass du überrascht warst, als du ihn auf deinem Laptop wieder fandest.

Ja, aber da sprach ich nur über das Demo. Die ganz rudimentäre Urversion, die hatte ich vergessen. Aber jetzt ist es für mich ganz ohne Zweifel ein Schlüssellied. In diesem Song und auf dem ganzen Album sind die Stimme und der Text genauso wichtig wie die Musik. In der Vergangenheit war das nicht der Fall.

kevin parker 1Die Texte sprechen ja ganz konkret deine Situation an. „I can’t always hide away – there’s a world outside and it’s calling my name“ aus „Yes, I’m Changing“ würde zum Beispiel das ansprechen, worüber wir eben redeten: Die positiven Reaktionen, die du vom Publikum bekommst, und diese an dich ran zu lassen.

Ja, genau. Man kommt an einen Punkt, an dem einem klar wird: Wenn ich so täte, als gäbe es diese Spannung und dieses Aufsehen um Tame Impala nicht, dann würde ich uns bremsen. Ich würde das Potential, das hier drin steckt, nicht heraus holen, wenn ich meine Finger in die Ohren stecke und all das ausblende.

Du sagtest auch, du möchtest, dass die Leute zu deiner neuen Platte tanzen.

Klar. ich dachte ja vorher schon immer, das wäre so. Ich hab darin immer tanzbare Musik gehört…

Fand ich auch. Es kam ja nicht von ungefähr, dass es all die Remixe gab – deine Musik hat sich dafür eben angeboten.

Sicher!

Aber ich hab’ dich unterbrochen – du sagtest noch was zum Thema „zu Tame Impala tanzen“?

Naja, dass ich immer fand, das sollte ein Teil von Tame Impala sein. Ich wollte immer, dass die Musik stark auf Grooves basiert. Ich finde einfach, Emotionen in Musik, die werden noch leichter transportiert, wenn etwas einen Groove hat, Ich weiss nicht, warum. Vielleicht geht es ganz grundsätzlich darum, dass Gefühle und Bewegungen eng verzahnt sind. Ein groovy Song wird mich einfach immer tiefer bewegen als einer, der keinen Groove hat. Auch Disco finde ich emotional.

Dann hast du natürlich Orgeln und Synthies auf diesem Album stark betont und die Gitarren reduziert. Was gefällt dir am besten an den Orgel- und Synth-Sounds?

Ach, ich glaube, am meisten mag ich einfach, dass eine Orgel echt wie alles klingen kann. Eine Gitarre, die holt dich immer runter auf die Erde. Aber ein Synthie kann dich überall hinnehmen. Aber ich liebe Gitarren – und ich verwende sie weiterhin, jeder Song auf „Currents“ hat Gitarren. Ich mag’s aber besonders, wenn ich eine Gitarre klingen lassen kann wie einen Synthie. Da lege ich die Leute gerne rein.

Ja, die Momente gibt’s, an denen man sich fragt: Was ist das jetzt, Gitarre oder Synthie? 

Genau darum geht’s. Die Leute sollen nicht wissen, was die Quelle des Sounds ist.

Ich wollte was sagen zu dem legalen Trouble, den du gerade mit dem Label Modular hast. Weil ich’s so schade finde – ich habe Modular-Labelboss Steve Pavlovic vor zwei Jahren interviewt, als er erstmals sein FOR Festival organisierte… 

Ah, genau

… und ich sagte ihm, was ich für ein Fan von Modular Records bin und wie viel er für die australische Musik getan hat. Ich will einfach nicht glauben, dass er die ganze Zeit ein mieser Kerl war, dem es darum ging, Bands um ihre Kohle zu prellen. Ich betrachte es ja nur von außen, aber ich hoffe, dass es am Ende für alle okay ausgeht. 

Ja, mir geht’s da genauso.

Meinst Du, du kannst mit Steve noch mal Frieden schließen?

Du, da glaube ich, ich bin nicht wirklich in der Position, das zu kommentieren. Denn es ist wirklich kompliziert, und die Sache liegt nicht mehr in meinen Händen. Das liegt jetzt bei Anwälten, das ist alles sehr business-mäßig. Ich halte mich da einfach völlig raus.

Ach, ich will einfach, dass Steve mit Modular weitermachen kann. Ich wünsche mir, dass er nur ein Musikfan war, den das Business überfordert hat, und dass ihm deshalb Fehler unterlaufen sind – und dass er nicht absichtlich Bands übervorteilt hat

Das ist sicher die romantischere Variante…

Aber zurück zur Platte. Für mich auch herausragend ist „The Less I Know The Better“. Was gibt’s zu dem Song zu erzählen?

Ich wollte einfach einen emotionalen Disco-Song machen. Es hat diesen ganz glitschigen Rhythmus, in der Art, wie Fleetwood Mac es machen würden. Fleetwood Mac ist für mich ein Musterbeispiel für Musik, die einen emotional packt, aber die trotzdem noch positiv beim Hörer ankommt. Da wirkt auf der Oberfläche alles happy, aber untendrunter herrscht eine oft richtig gequälte Stimmung.

Der Text zu „Less I Know The Better“ ist definitiv traurig. Auch „Eventually“ behandelt eine Trennung – wie persönlich sind diese Texte, stammen sie aus deiner Perspektive oder versetzt du dich da in jemanden hinein?

Doch, sie sind persönlich. Alles, was ich mit Tame Impala schreibe, ist immer persönlich.

Dann hast du offenbar eine Trennung durchgemacht.

Aaaaaah ja. Habe ich. Aber das ist mir früher im Leben ja auch schon passiert. Und anderen Leuten auch. Und das sind letztlich die Leute, für die ich so ein Lied schreibe. Das ist nie nur für mich, oder nur über eine ganz bestimmte Situation. Ich will immer, dass etwas universell ist, nicht individuell.

Irgendwie wäre es aber auch komisch, wenn du so einen Trennungssong schreibst, und in echt bist du in der Beziehung superhappy.

Vielleicht ja – aber ich möchte mir einbilden, dass ich das durchaus könnte. Ich bilde mir ein, dass ich diese Option hätte, über etwas zu schreiben, auch wenn etwas nicht persönlich auf mein Leben zutrifft. Das habe ich auch schon getan, aber stimmt schon, es ist nicht die Regel. Fast immer schreibe ich über Dinge aus meinem Leben.

 

Hast du eine lustige Anekdote für uns aus der Zeit der Aufnahmen, kommt dir da spontan was in den Sinn?

Hmm, daI denke ich nur generell an meine übertriebene Besessenheit und an meinen Wahnsinn. Jedes Mal, wenn ich eine Platte mache, werde ich halb verrückt dabei und muss mich am Ende regelrecht aus einer Depression raus holen.

Weil du alles alleine machst? Würde es dir helfen, ab und zu mal jemanden mit ins Studio zu lassen?

Meinem Geisteszustand würde es helfen. Aber ich weiss nicht, ob es dem Album helfen würde? Weisst du, ein Album ist immer ein Opfer. Mann muss immer viel von sich opfern für ein Album. Denn je persönlicher und ehrlicher das Album werden soll, desto mehr muss man von sich… abbrechen und dem Album geben. Etwas zu opfern, das Element ist immer da.

Dann wirst du sowas wie ein Einsiedler, während du eine Platte machst und sperrst dich von der Außenwelt weg?

Oh ja, definitiv. Das ist Stufe 1.

Das ist Stufe 1? Na was ist dann Stufe 2?!

Stufe 2 ist… den Rest der Welt um mich herum komplett zu vergessen.

Ich meine, ich habe gelesen, dass du für einen Song über 1000 Vocal Takes gemacht hast. Das klingt ja definitiv so, als ob du ein bisschen obsessiv werden kannst.

Yeah. Ich weiss. Und ich bin gleichzeitig ein bisschen stolz drauf, und ich schäme mich dafür.

(und in dem Moment werden wir von der Kollegin der Plattenfirma unterbrochen und ich muss Schluss machen)

Alles klar, dann vielen Dank, und viel Erfolg für’s Album – und ich hoffe auf ein baldiges Konzert in München!

Das wäre prima, ich liebe Deutschland! See ya!

 

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