Vinterview: Lloyd Cole

Lloyd Cole Header2010 begann ich mit dem Bloggen, damals unter der Webadresse hennissey.piranha.tv. Doch letzten Sommer wurde mein Blog leider gelöscht.

Ich werde die dabei verlorenen gegangenen Interviews hier nun nach und nach wieder online stellen. Diese “vintage Interviews” (Hüstel!) nenne ich “Vinterviews”.

Sehr aktiv ist in diesen Tagen Lloyd Cole. Zum einen erschien kürzlich eine umfangreiche Komplettbox seiner 80s-Band Lloyd Cole & The Commotions. Nun steht demnächst ein elektronisches Instrumentalalbum des vielseitigen Briten an. Anlass genug, mein Interview abzustauben, das ich vor zwei Jahren mit ihm führen konnte, als er sein Album „Standards“ veröffentlichte.

Und hiermit kann ich noch einen Namen abhaken auf meiner Liste! In den 80s war er einer meiner ganz großen Helden – gleich nach Morrissey, Black Francis und Robert Smith kam Lloyd Cole. Die drei Alben, die der Brite als Glasgower Literaturstudent und Frontmann von Lloyd Cole and the Commotions damals ablieferte, gehören heute noch zum schlauesten, was all die Jahrzehnte Inselgitarrenpop so hervor gebracht haben. Nun hat der Gute seitdem nicht still gehalten und eine über zwei Dekaden dauernde Solokarriere vorzuweisen. Als Teil dieser Karriere ist nun das Album „Standards“ erschienen, auf dem er sich dem Sound seiner ersten Zeit wieder vorsichtig annähert. Davon erzählt uns der in Ehren ergraute am Telefon.

Hello?

Hello, Sir!

Wie geht`s?

Mir geht‘s gut, und Dir?

Auch ziemlich gut, ja.

Zurück in good ol’ Europe.

Ja, und es ist ne gute Zeit, um mal wieder in Europa zu sein.

Ist das so?

Naja, in Amerika ist es im Moment ganz besonders bedrückend.

Oh, das tut mir leid, zu hören.

Ja, die Reaktionen auf die Geschichte in Boston (unser Gespräch fand nach dem Attentat auf den Boston-Marathon statt) waren ganz besonders bösartig. Da bin ich froh, mal wieder hier zu sein. Ein paar Tage in Deutschland, ein paar in England, für die Interviews zur Platte.

Ja, die neue Platte – nicht wenige fühlen sich von dieser Platte an deine frühe Arbeit mit The Commotions erinnert. Ich bin lange genug dabei, damals auch schon Fan gewesen zu sein, und mir geht es genau so. Im Pressetext zum Album sagst Du, du hattest davor geglaubt, „Rock’n’Roll sei für Dich Vergangenheit“ gewesen. Hattest Du die Connection zur lauteren Musik verloren und jetzt also wieder gefunden?

Ja – wobei, ich war immer der Überzeugung, dass der Song immer das Wichtigste ist. Wenn der Song stark ist, stark genug, dir das Gefühl zu geben „den muss ich aufnehmen!“, dann musst Du ihn auf die richtige Weise aufnehmen. Auf dieser Platte waren es dann einfach mindestens drei oder vier Songs, die ich ganz klar gar nicht anders aufnehmen konnte, als als … Rock Songs. Oder zumindest in einem rockigeren Arrangement. Man weiss ja vorher nie, was für ein Album man machen wird. Aber als wir damals angefangen haben, Musik zu machen, da waren wir eine Popband mit Wurzeln im Rock’n’Roll, und, naja, auch diese Platte ist vermutlich eine solche.

Meinst Du, dass auch die Einstellung eine ähnliche war, die Du hattest? Ich glaube, auf dem Album die Sorte fiesen Humors zu entdecken, die auch deine frühen Alben ausmacht. Ein Humor, den ich nicht Zynismus nennen würde, dazu ist er zu liebevoll. Du scheinst immer auch ein Grinsen auf dem Gesicht zu haben, wenn Du bissig wirst.

Hahaha, Danke. Weißt du, es war tatsächlich ein bewusster Zug von mir. Ich wollte die Bitterkeit, die ich vielen Dingen gegenüber empfinde, als etwas Positives annehmen. Ich meine, wir alle sind manchmal gallig. Aber die letzten Jahre, da wollte ich mich als Stoiker sehen. Als der Gute, moralisch Einwandfreie. Aber manchmal ist man eben doch nichts anderes als sauer über irgendetwas. Neil Clarke von den Commotions, er hat mir eine Email geschickt, nachdem er die neue Platte hörte, er schrieb: „I like it when you’re pissed off!“ Da gab es ein paar Dinge, die ich in den letzten Jahren nicht angesprochen hatte. Ich glaube, das war, weil die letzte Platte, die ich in dieser Stimmung aufgenommen hatte, das war „Bad Vibes“ – und ich glaube, die Platte habe ich damals ziemlich verbockt. Auf der Platte, finde ich, komme ich mal so richtig selbstgerecht rüber. Aber es gibt nichts Schlimmeres in der Musik, als Selbstgerechtigkeit. Hoffentlich habe ich es diesmal hingekriegt, ohne in die Selbstgerechtigkeit abzurutschen.

„Bad Vibes“ hat deine folgende Karriere so sehr beeinflusst, dass du ab da alles versucht hast, um nichts in dieser Art zu wiederholen?

Genau, ja! Es ist mir extrem unangenehm, als selbstgerecht rüber zu kommen, und ein paar Texte auf „Bad Vibes“ finde ich heute fürchterlich peinlich deswegen.

Ich muss gestehen, dass das die Zeit war, in der ich mit deiner Arbeit nicht auf dem Laufenden war. Ich verfolgte Lloyd Cole & The Commotions, aber deine Solo-Arbeit habe ich erst in den letzten Jahren wieder mehr wahrgenommen. Die Phase kurz nach der Trennung der Commotions, die fehlt mir.

Okay.

Wenn Du ganz frühes Zeug der Commotions hörst, das „Rattlesnakes“ Album zum Beispiel, erkennst Du Dich da noch wieder? Ich meine, Du bist Jahrgang 1961… Du bist jetzt über 50! Ist das möglich…

Sogar schon seit einiger Zeit, ich bin 52. Also, ich erkenne so einiges wieder, aber nicht alles. Also, auf der Platte sind ein paar Songs, da habe ich heute keinen Schimmer mehr, worauf ich damit hinaus wollte! Aber so, wie die Lyrics organisiert sind, so wie sie zusammen gestellt sind – das mache ich heute noch ziemlich genauso. Ich habe diese Tendenz, eine sehr blumige Sprache zu verwenden, es macht mir Spaß, zu spielen mit der Sprache. Über die Jahre habe ich dem entweder nachgegeben, oder ich habe, naja, es nicht unterdrückt, aber doch bewusst ein bisschen eingeschränkt. Dieses Mal habe ich mich entschieden, es nicht einzuschränken. Die Extravaganzen einfach raus zu lassen und zu sehen, was passiert.

Wenn Du die alten Lieder hörst, ist es dann so, wie wenn man alte Kinderfotos zeigt, für die man sich irgendwie schämt? Oder erfüllt es Dich doch mit Stolz? 

Ach, ich höre mir die Sachen ja nie an, außer jemand anders legt sie auf. Wobei, manchmal muss ich das machen, um irgendwas zu suchen, oder mir einen Song wieder drauf zu schaffen, den wir wieder live spielen wollen…

Ich bin nicht religiös, aber mir widerstrebt die Vorstellung von Stolz. Neulich habe ich mit jemand auf facebook geschrieben, da schrieb ich über meinen Sohn, und in dieser Konversation fiel mir auf, dass der einzige Stolz, der wirklich ein angebrachtes Gefühl ist, sich auf seinen Nachwuchs bezieht und darauf, was der so erreicht. Was ich selbst erreicht habe, das hat keinen Einfluss darauf, ob ich happy bin oder nicht. Stolz ist was Gefährliches. Wenn ich zurück gucke auf „Rattlesnakes“, dann denke ich mir nur, dass ich der duseligste Musiker im Jahr 1984 war. Ich finde immer noch, dass das die beste Platte dieses Jahres ist und dass ich ein unglaubliches Glück hatte, in dem Moment in dieser Band gewesen zu sein.

Man kann die Platte auch immer noch prima anhören. Es gibt Sachen aus dem Jahr 1984, die hörbar gealtert sind. Es gibt auch Sachen, die zwischenzeitlich mal veraltet klangen und wieder aktuell sind.

Ich denke, es gibt sicher 10, 12 Platten von 1984, die heute noch gut klingen. Aber speziell in dieser Zeit, da gab es uns, und es gab Prince. So zwischen 1983-85.

Ich finde es ja immer komisch, die Formulierung zu lesen: „A return to form“ (deutsch etwa: „Rückkehr zur Bestform“ – aber die englische Version wird als feststehende Phrase verwendet)

Oh, ja, hasst Du das nicht auch?

Weil diese Formulierung ja impliziert, das Material davor sei nicht so top gewesen. Dein zwischenzeitliches Werk war halt einfach etwas Anderes.

Nun, die Platten, die ich in den letzten zehn Jahren so gemacht habe, das waren auf jeden Fall keine im Rock verwurzelten Platten. Es gab eine sehr leise Platte, hauptsächlich mit akustischen Instrumenten und ein bisschen Elektronik, es gab eine Platte, die so ähnlich war und nur ein bisschen Drums dazu fügte – und die letzte Platte, die war zwar mit einer Band, aber die Band spielte etwas, das näher an Country war als an Rock.Die Sache ist halt, dass viele Leute für sich festgelegt haben, dass die Musik, die ich mit den Commotions machte, für immer meine Art von Musik zu sein hat. Wenn ich dann eine Platte mache, die etwas anderes ist, dann sind sie auf gewisse Weise gefrustet. Wenn diese Leute also schreiben „Rückkehr zur Topform“, dann… naja, für sie  gilt das eben so.

Ich habe neulich mit Johnny Marr gesprochen, der hat einen Großteil seiner Karriere damit verbracht, dem Schatten der Smiths zu entfliehen. Hast Du Dich mit den Commotions so ähnlich gefühlt?

Nein – ich wollte ihnen nicht entfliehen. Aber ich denke auch, dass niemand in der Band  immer die gleiche Art von Musik spielen wollte. Als die Sache damals an ihrem Endpunkt angekommen war, haben wir die Band aufgelöst. Das war das Richtige damals, andernfalls wären wir nur im Kreis gelaufen. Ich habe in den 70s angefangen, bewusst Musik zu hören und wie für viele Andere meiner Generation war die Person, zu der wir aufgeschaut haben, David Bowie. Und Bowie war einer, der sich praktisch für jede Platte neu erfunden hat, oder bei dem zumindest jede neue Platte anders klang als die davor. Deswegen fand ich immer, dass ein Künstler so arbeiten sollte. Als die Commotions vorbei waren, machte ich ein paar Alben, bei denen eine jede ein neuer Aufbruch war von ihrem Vorläufer. Man braucht als Künstler dann wohl so 10, 15 Jahre, um zu merken, dass nicht jeder gleich David Bowie ist. Dass eine Wiederholung von etwas, das man schon mal gemacht hat, nicht unbedingt was Schlimmes ist – so lange es nicht haargenau das Gleiche ist. Aber als ich das gemerkt habe, war’s zu spät!

Also, ich wollte Dich nicht auf die Commotions-Musik reduzieren, Sorry.

Nein, es ist nur so, nur weil man auch etwas Anderes macht, glauben manche Leute gleich, dass man sich deswegen von etwas Früherem distanziert. Aber ich weiss, dass „Bad Vibes“ deshalb mein schlechtestes Album ist, weil es das einzige in meiner gesamten Diskographie ist, auf dem ich versuche, nicht nach Lloyd Cole zu klingen. Auf all den anderen Platten versuche ich nur, die Grenzen auszuloten von dem, was ich mache. „Bad Vibes“ ist die Platte, auf der ich versuchte, jemand anderes als ich zu sein. Und das ist der Hauptgrund, woran diese Platte scheitert.

Ich bin etwa zehn Jahre jünger als Du, ich habe Lloyd Cole & The Commotions also als Teenager entdeckt. Und ich glaube, die Jahre zwischen 15 und 20 sind sehr prägende Jahre. Da bildet man sich seinen Geschmack. 

Ich denke, das stimmt! Es gibt die Platten, die man in dieser Zeit entdeckt, die Dich für den Rest deines Lebens begleiten werden. Während man vielleicht mit 25 auch eine Platte ganz toll findet, aber zehn Jahre später fühlt man nicht das Gleiche. „Born To Run“ von Bruce Springsteen erschien, als ich so ca 14, 15 war. Wenn sie heute rauskäme, würde sie mich vielleicht gar nicht besonders interessieren. Aber ich vergöttere sie!

Gut, bei mir gibt es auch die eine oder andere spätere Platte, die auch ganz weit oben steht – aber in den 80ern, da gab es für mich The Smiths und The Cure die Pixies und Euch und die Housemartins. Alle meine Klassenkameraden standen auf Guns’n’Roses und die Scorpions – ich fand das so stark, dass Bands wie ihr zwar softere Musik machte, deren Inhalte aber viel härter waren und schlauer und frecher.

Naja, viel softer als Scorpions geht doch gar nicht! Die hatten doch den Song mit dem Gepfeife! Kitschiger wird’s doch nicht mehr!

Du hast damals immer über Figuren gesungen, deren Namen mit dem Buchstaben J anfingen. Jennifer,  Ich habe ja ein bisschen gehofft, dass so jemand auch auf dieser Platte auftaucht. 

Ist das nicht passiert? Sowas schreibe ich mir normal nicht auf, aber Jahre später entdeckt man dann diese Parallelen. Mein Sohn hat aber einen Song geschrieben namens Josie’s.

Ha, wie cool, dass Du das weiter vererbt hast.

Ach, das ist einfach der Name der Bar, die er gerne besucht! Aber schreib das nicht, er ist ja gar nicht alt genug, um in Bars zu dürfen!

Jedenfalls, das Muster damals mit den J-Namen, was steckte dahinter?

Das war reiner Zufall! Unterbewusst habe ich offenbar einfach den Klang des Buchstaben J gemocht. Wobei „Jules and Jim“ stammt natürlich von dem Film – und ich glaube nicht, dass die Figur aus „Casablanca“ wirklich Jodie hieß, den Namen habe ich glaube ich wegen Jodie Foster genommen.

Aber es gab auch Jesus und Jennifer…

… und Jane – meine erste Freundin hieß Jane, vielleicht ist sie der Kern des Ganzen?

Ein interessanter Song auf der neuen Platte ist „Kids Today“. Eine Textzeile ist „Rage against something, anything“. Du erwähnst zahlreiche Jugendbewegungen, über die die Gesellschaft sich aufregte, als Du beim heute ankommst, nennst Du „post-ironischen Weltschmerz“ und die Queens Of The Stone Age. Ich glaube, im Text willst Du rüberbringen, dass a) sich noch jede Generation über die Jugend aufgeregt hat…

Also, ich weiss nicht, ob ich überhaupt etwas rüberbringen will, aber diese Schlussfolgerung ist die richtige.

…aber b) auch die Frage stellst, ob die heutige Jugend überhaupt noch aufmüpfig ist. Ich meine, die Queens Of The Stone Age sind ne okaye Band, aber sie schocken niemanden so, wie die Sex Pistols die Leute geschockt haben, so wie Elvis’ Hüftschwung die Leute geschockt hat.

Verstehe. Also, ich wollte keinen Kommentar abgeben zum Heute. Meine Texte sind normalerweise schon das, was man hört, ich will sagen: Sie sind nicht besonders verklausuliert. Auch wenn sie wohl so geschrieben sind, dass man verschiedenes heraus hören kann. Was ich zugebe, ist, dass ich den Text am Anfang chronologisch aufgezogen habe. Am Anfang standen die Dinge, über die sich vielleicht Eltern in den 1930ern aufgeregt haben, dann die 50s, die 60s, die 70s – aber der Song funktionierte erst  dann so richtig, als ich all diese Beschwerden durcheinander würfelte. Vielleicht ist das sogar der bessere Weg, um zu ziegen, dass diese Dynamik ganz natürlich zu sein scheint – und dass es witzig ist, dass die Menschen sich immer noch darüber aufregen, denn wenn es diese Rebellion der Jugend nicht gäbe, dann gäbe es keine Entwicklung, dann hätten wir Elvis nie gehabt.

Fühlst Du Dich heute noch als Teil der Jugend oder als Teil derjenigen, die über die Jugend sprechen? Ich selbst merke, dass ich in so einer Übergangsphase stecke.

Also, ich gehöre definitiv heute zu denen, die über die Kids sprechen, aber das ist der Grund, warum ich über die letzte Zeile im Text happy bin. Weißt Du, was ein Vivienne-Westwood-Shirt ist?

Vivienne Westwood war doch die Partnerin von Malcolm MacLaren, richtig?

Genau, sie hat damals die Sex Pistols-Shirts designt. Darum gefällt mir die Zeile in dem Song – dem Vater gehört das Sex Pistols-Shirt, aber er lässt es den Sohn nicht tragen.

Wo wir von Söhnen sprechen – deiner spielt in deiner Band mit!

Naja, ich habe momentan keine Band in dem Sinne – aber was die Musiker angeht, die auf der Platte mitspielten, da war er einer der Hauptgitarristen, ja.

Ach so, ich dachte, er sei fest in deiner Tour-Begleitband.

Nein, so eine habe ich im Moment nicht. Wenn ich mal wieder toure, hoffe ich, dass er mitkommen kann. Aber so bald wird das nicht passieren, er ist noch auf dem College.

Ich hatte mir vorgestellt, dass das auf Tour sicherlich zu sonderbaren Situationen führt.

Wir haben sogar schon eine Tour gemacht – das war allerdings nur akustisch. Letztes Jahr habe ich auf ein paar Festivals gespielt, man lädt mich ja netterweise noch ein. Aber ganz alleine auf der Bühne zu stehen auf Festivals, das fühlt sich komisch an, verkehrt. Also fragte ich William, ob er Lust hätte, das war in seinen Sommerferien. Also kam er mit, wir spielten in Düsseldorf, wir spielten in Zürich, wir spielten ein großes Festival im United Kingdom namens „Latitude“. Jemanden so jungen mit auf der Bühne zu haben, das war schon komisch, ja, aber es war auch belebend.

Ja, und backstage? Du musst ihn schimpfen, wenn er was trinkt! Und er sieht Dich im Star-Modus!

Also, er erlebt mich heute auf jeden Fall nicht mehr dabei, dass ich mich daneben benehme. Vielleicht malt er sich aus, dass ich früher so etwas gemacht habe. Nein, ich versuche einfach nur, aufrichtig zu sein, ihm gegenüber. Ich möchte vor allem, dass er auch etwas lernt. Wenn du zum Beispiel von der Bühne kommst nach einem Konzert, bist Du noch voller Adrenalin. Und wenn das Konzert nicht gerade voll daneben ging, stehst Du praktisch unter dem Einfluss dieser Droge, dieser körpereigenen Droge, die Dir beim Performen hilft. Auf Adrenalin kannst Du viel Whiskey oder Gin oder Wodka trinken, ohne das Gefühl zu haben, betrunken zu werden. Wenn das Adrenalin aber weg ist, wirst Du so richtig am Ende sein. Ich habe das gelernt, aber ich habe einige Jahre gebraucht, um zu kapieren, warum das so läuft. Du kommst von der Bühne runter auf diesem High, du kannst nicht schlafen, weil du voller Adrenalin bist, da will man dann was dagegen tun und trinkt. Naja, jedenfalls, seine Lernkurve wird sehr viel schneller sein als meine.

Ich meine, auf der Platte ist ein Song namens „It’s Late“ – und er scheint mir darüber zu gehen, zu einem Groupie nicht Nein zu sagen. Oder liege ich da völlig verkehrt?

Hmmm, das ist ein Lied, das über sehr viel gehen könnte. Bestimmt, darüber könnte es auch gehen. Es könnte aber auch um jeden Menschen gehen, der in der Bar sitzt, oder darum, alleine im Hotel zu sitzen und an die Ehefrau zu denken.

Was das sein wird, das du deinem Sohn erzählst.

Nein, ich werde ihm gar nichts zu dem Song erzählen, er kann sich die Bedeutung raussuchen, die ihm gefällt. Leider ist es ein sehr realistisches Szenario, unglücklicherweise.

Jetzt bist du schon 30 Jahre im Business, in denen sich so unglaublich viel getan hat – was ist für Dich der klarste Unterschied zu früher, und was ist völlig gleich geblieben?

Für mich ist das Musikmachen das, was völlig gleich geblieben ist. Klar, die Technologie drum rum, die hat sich entwickelt, aber die ist ja letztlich irrelevant. Der größte Unterschied aber … ist wahrscheinlich … der Gedanke, was Musik überhaupt ist … und was ihren Wert für die Gesellschaft darstellt. Als ich angefangen habe, Musik zu hören – und du ja auch, wenn Du in den 80s angefangen hast – da war es etwas Wundervolles, eine neue Platte in der Hand zu halten und sie anzuhören, das war ein Schatz. Das ist schon was ganz Anderes als ein Download, oder eine Liste mit deinen Likes. Musik, die man wie einen Schatz betrachtet und nicht als Dateien in einem Ordner, das ist, finde ich, einfach etwas Anderes. Ich will da auch gar nicht anfangen, mich anzupassen. Wenn Du das Artwork für die Platte siehst, das ist etwas, das wirklich für Finger gemacht ist, es ist etwas, das man in der Hand halten und berühren soll. Denn ich finde diese Vorstellung, die wahrscheinlich von den Beatles kam, wonach ein Album so etwa 40 Minuten Musik sein sollte, die ist immer noch ziemlich perfekt. Das richtig hinzukriegen, das ist wirklich etwas, auf das es sich lohnt, hinzuarbeiten. Ich jedenfalls arbeite immer noch darauf hin. Das finde ich immer noch viel spannender und fordernder als nur auf einzelne Songs hin zu arbeiten.

Ich weiss für mich, dass Musik wirklich mein Leben verändert hat. Mein Leben wäre definitiv ein Anderes, hätte ich nicht zum Beispiel die Smiths gehört. 

Cool.

Ich meine, ich bin in dieser Kleinstadt in den Alpen groß geworden, und ich fühlte mich dort nirgends zugehörig. Ich passte nicht zu den anderen in der Klasse – und dann stieß ich auf diesen Typen aus England, der auch so anders war, und der in meinem Kopf all diese Türen öffnete und neue Ideen hinein ließ. Und Ich frage mich, ob es den Kids heute noch so gehen kann. Ob Musik wirklich noch als etwas betrachtet wird, das wirklich Leben verändert.

Ich glaube schon, dass das so ist. Ich habe mit meinem Sohn schon über das Thema geredet. Was er für LCD Soundsystem empfindet, das entspricht schon dem, was wir über die Smiths empfinden. Ich höre es nicht über viele Bands, aber ein paar gibt es sicher. Doch.

Zuletzt hatte ich nämlich ein paar Leute aus deiner Generation im Interview, Johnny Marr, wie erwähnt, oder Bobby Gillespie…

Bobby lebt noch? Hahaha

Aber wohl – er ist heute clean, trinkt nur noch Kaffee!

Na, aber dann trinkt er bestimmt VIEL Kaffee. Und raucht eine Menge Zigaretten, während er den Kaffee trinkt!

Jedenfalls – insbesondere Bobby ärgerte sich, weil er findet, die jungen Bands sagen nicht wirklich was aus. Sie rebellieren nicht. Ich meine, Du erwähntest vorhin die Situation nach Boston, Dir liegen doch sicher so manche Dinge auf der Seele. Bobby ist der Meinung, dass ein Krieg zwischen den Klassen herrscht, den die 1% gegen die 99% führen. 

Ah, ich verstehe, wovon er spricht. Ich denke, was am enttäuschendsten ist bei viel Musik, die zu hören bekommen, das ist nicht nur, dass kein Kommentar abgegeben wird, keine politische Musik gemacht wird. Es ist, dass es bei so viel Musik einfach um NICHTS zu gehen scheint. Die Songs sind wie schlechte Paul McCartney-Songs, wo ein  Text einfach nur dazu da ist, um die Melodie zu tragen. Und das ist schon enttäuschend. Ich meine, wir erwarten ja gar nicht, dass jede Generation voller Leute steckt, die – in Anführungsstrichen – „etwas zu sagen“ hat. Aber gleich eine solche Leere zu sehen auf diesem Gebiet, das ist enttäuschend. Andererseits geht es mir wie William – den Texten von LCD Soundsystem kann ich den ganzen Tag zuhören. James Murphy ist ein fantastischer Texter. Klar, LCD existieren nicht mehr – macht er jetzt solo Musik?

Also, irgendwas macht er bestimmt. Er produziert ja so einige Leute und ich bin mir sicher, dass da noch was kommt. Ob das dann LCD Soundsystem heißen wird… zuletzt hat er die letzte Pulp-Single gemacht…

Hat er das? Das macht Sinn, ja.

Du lebst jetzt also in den Staaten, du hast die Boston-Geschichte erwähnt. Ich fragte mich, ob das Leben in den USA auch deine Musik beeinflusst.

Das weiß ich nicht. Weisst Du, ich bin der Punkt in der Mitte, der Punkt im Bild, der durch das Bild um ihn herum beeinflusst wird. Für mich ist es schwer zu beurteilen.

Ich meine, in einem Song singst Du von „bipartisan consensus“.

Na, das ist halt ein Begriff aus der amerikanischen Politik, den habe ich da mehr als Witz platziert. Amerikanische Phrasierung hat mich aber immer interessiert, auch als ich noch in England lebte. So verwendete ich auch mal „on account of“ statt „because“, weil ich das in einem Springsteen-Song gehört hatte – und weil ich einfach den Klang mochte. Ich glaube, ich habe immer in so einem Mischling-Amalgam aus britischem und amerikanischem Englisch geschrieben. Aber ich denke auch nicht viel drüber nach. Meine Arbeit, das sind ja normalerweise keine gesellschaftlichen Kommentare – jedenfalls keine offensichtlichen. Deswegen bin ich mir nicht sicher, ob es viel ausmacht, wo ich lebe. Es ist aber schon möglich, dass ich in dem Land jetzt ein bisschen zu lange lebe, und dass das der Grund ist, weshalb ich bei diesen Aufnahmen etwas wütender war.

Aber da geht es mir wie deinem Bandkollegen: Ich mag es, wenn du wütend bist. Ganz offensichtlich kitzelt das etwas Spezielles aus Dir heraus.

In meinem Alter ist es ja gar auch nicht möglich, dass einem der Humor bestimmter Situationen entgeht. Ich meine, ich mag stinksauer sein, aber gleichzeitig weiss ich genau, wie albern das wirken kann. Wenn sich da ein 50jähriger Typ beschwert über etwas, das für den Rest der Welt irrelevant ist. Aber das mag ich, und da kommen dann auch Zeilen wie „Maybe I was a little overzealous“ her.

Naja, vielleicht ist es ja überhaupt nicht irrelevant für den Rest der Welt. Vielleicht drückst Du ja etwas aus, das wir alle als Individuen auch fühlen – und das dann letztendlich eben doch ein generelles Gefühl ist. 

Ich glaube, das ist die Sache. Das ist die Sache mit Musik. Wenn Du versuchst, jeden anzusprechen, dann wirst du unvermeidlich gar niemanden ansprechen. Wenn Du aber einfach aus einer persönlichen Perspektive sprichst, dann ist die Chance viel größer, dass Du tatsächlich für alle sprichst. Das habe ich insgeheim immer gewusst. Das ist auch sicher, was dem Erfolg von so jemandem wie Morrissey zugrunde liegt. Da sagt man auch, er singe aus seiner ganz eigenen Perspektive, und trotzdem erreicht er so viele verschiedene Menschen. Deswegen ist es auch, warum so grobschlächtige Songs nicht funktionieren, wie „Walls Come Tumbling Down“ aus den 80s – erinnerst Du Dich?

Ja, tue ich.

Das ist einer der schlechtesten Songs, die je geschrieben wurden!

Ha, ich hatte die 7“-Single!

Das Lied sagt nichts, zu niemandem, über dessen Leben.

Findest Du?

Ich finde, der Song spricht eine bestimmte Denkweise an, die in der Zeit in Grossbritannien eine gängige war – aber er tut nichts damit. Er bringt nichts ein, er macht keinen Unterschied. Warum muss man es also überhaupt sagen?

Hmm. Tja.

Das einzige, was dieser Song anzubieten hat, ist Solidarität. Und eine Politik, die mit dem Finger zeigt.

Naja, es stimmt sicher, dass die Schreibe des Textes eher plump ist…

Ja, das stimmt, und das ist schade. Denn Weller, wenn er gut war, war nicht plump. Weller war sogar ein sehr interessanter Künstler, bis zu einem bestimmten Punkt. Er kam auch aus einem ähnlichen Background wie Springsteen, er hatte das nicht richtig gelernt, aber wenn The Jam in Form waren, war ihre Schreibe wundervoll.

Ich kann ja nur für mich selbst sprechen. Als ich damals die Single für mich entdeckte, da war ich ein 13jähriger Typ aus einer Kleinstadt in Deutschland an der Grenze zu Österreich. Und dieser Song war es, der mir Ideen wie Sozialismus und Solidarität nahebrachte. Dieser Song war es, der mich fragen ließ: Was passiert da in England, wer ist diese Frau Thatcher, über die der Mann so stinkwütend ist? Ich denke, wenn man bereits auf einem gewissen Level steht, dann kann man sagen: Oh, das ist plump. Aber für denjenigen, der noch bei Null steht, für so manchen Teenager wie mich, war das vielleicht auch der Einstiegssong, der ihn ins Thema einführte.

Okay. Sicher, absolut. Mein Hauptproblem mit dem Song war, dass ich fand, er war Müll. Haha.

So, jetzt sind wir schon bei 32 Minuten. Jetzt werden wir bald unterbrochen.

Passt, so lange das nicht passiert, bin ich hier.

Ich schließe meine Interviews immer gerne mit der Frage nach einer Anekdote ab. Dann frage ich: Was war die verrückteste Show, die Du je gespielt hast?

Die verrückteste… die verrückteste. Es ist ja so, ich habe so viele Shows gespielt, und sie sind alle verrückt auf so viele verschiedene Arten! Auf meiner letzten Tour zum Beispiel, da war ich auf einem Festival in Perth. Das war eine recht große Open Air-Bühne, wir Künstler waren in so einem provisorischen Gebäude untergebracht. Auf dem Weg von dort zur Bühne lehnte ich mich an ein Geländer, ich wollte wohl um die Ecke gucken – jedenfalls, das Geländer gab nach! Ich bin richtig tief gefallen! Ich musste das Konzert mit einer gebrochenen Rippe spielen, jedes Ein- und Ausatmen bereitete mir höllische Schmerzen. Das war wohl der schlimmste Gig.

Der Gig dagegen, der am allermeisten Spaß gemacht hat, das war, als wir mit den Commotions Glastonbury gespielt haben. Wir genossen es zu der Zeit einfach, erfolgreich zu sein. Wir hatten die Angst vor den Massen abgelegt. Denn es war 1986, im Jahr davor hatten wir die Festivals erstmals gespielt und da waren wir noch ein bisschen eingeschüchtert. Aber in diesem Jahr waren wir einfach im Reinen damit. Wir haben auf der Bühne die ganze Zeit nur rumgealbert. Witze gemacht, wir wären hier in Woodstock. Wir sagten Sachen wie: „Wenn wir uns nur alle richtig konzentrieren, dann können wir den Regen heraufbeschwören!“ The Cure waren nach uns dran und bei ihnen hat es dann tatsächlich geregnet! Das war sicher der Gig, der am meisten Spaß machte – und gleichzeitig war es auch der surrealste.

Vermutlich gibt es noch so einige weitere surreale Geschichten – aber irgendetwas Sonderbares ist auch mit meinem Gehirn. Ich vergesse unglaublich viel nach den Shows. Ich glaube, das kommt, weil ich einfach so viel getourt habe, aber gerade in den ersten Jahren, mit der Band, im großen Bus, mit der Crew – da wollte ich nur weg. Ich habe neulich die Memoiren von Richard Hell gelesen, und ich dachte mir nur: Ich könnte die meinen gar nicht schreiben, weil ich so unglaublich viel vergessen habe.

Vielleicht das Adrenalin, das du angesprochen hast.

Ja, das Adrenalin, und das zu viele Trinken nach den Shows. Aber ich weiss, dass ich mich sehr glücklich schätzen darf, dass ich immer noch für Konzerte eingeladen werde.

Ja, und ich freue mich, dass wir das Gespräch führen konnten. Ich sagte ja, ich war damals schon Fan – jetzt kann ich Dich von meiner Liste streichen.

Haha – darf ich Dich noch eine Sache fragen? In den 80s, als Du die Smiths mochtest und auch uns – mochtest Du da auch Prince?

Manches von ihm, ja.

Denn in den 80s, da ist für mich Prince der EINE, der Künstler seiner Generation, den ich über alle anderen stelle.

Prince ist aber auch so vielschichtig – wenn man 15 ist und Englisch nicht die eigene Sprache ist, dann läuft da noch viel an einem vorbei.

Ja, das stimmt sicher. Und sein bestes Zeug war alles in den 80s, alles danach war nicht so toll. Aber diese Platten, die bewahre ich immer noch in hohem Ansehen, und zu ihnen kehre ich immer wieder gerne zurück. Die 80s-Platten von Prince hatten was minimalistisches, das war fast wie Kraftwerk.

Mm-hm.

Wie auch immer, man zeigt mir, ich muss Schluss machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Nice talking to you!
Cheers, bye!

Bye!

LLOYD COLE – Period Piece from Kim Frank on Vimeo.

Directed, shot, cut and produced by: KIM FRANK
Production Assistent & Costume: MIA DIEKOW
Camera Assistant: MARTIN BARSHAI

Young Lloyd Cole: WILL COLE
Girlfriend: SOFIA SHAULA

Lloyd Cole And The Commotions – Lost Weekend (1985) from MTVClassic1 on Vimeo.

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