Review: Wolf Alice

wolf alice my love is coolWolf Alice – „My Love Is Cool“

Ich muss mich bei Wolf Alice entschuldigen. Wie oft habe ich ihren Namen fallen lassen, wenn ich darüber schimpfte, dass es mit Indie in Grossbritannien so fürchterlich bergab gegangen ist! „Das erkennt man doch schon daran“, argumentierte ich immer, „dass (verächtlich) WOLF ALICE eine große neue Hoffnung sein sollen!“

Aber hui, wer belehrt mich hier eines Besseren? Sagen wir’s so: Ein gewisses Quartett aus Nordlondon mit der Sängerin Ellie Rowsell.

Okay, ich habe Wolf Alice noch nicht live gesehen. Vielleicht gab es da etwas zu erkennen, was ich auf ihren frühen Singles nicht erkannt habe? Die fand ich einfach… nicht gut. So überhaupt nicht! Die waren, so fand ich, Grunge von der Stange. Die liefen sowas von an mir vorbei!

Was, bitteschön, ist zum Beispiel prima an ihrer Single „Moaning Lisa Smile“? Die Melodie mal nicht! Die Grunge-Gitarren? Also echt, die konnte man doch nur spannend finden, wenn man noch nie Grunge gehört hat. Das, was Wolf Alice bisher machten, das haben the Breeders, die Throwing Muses und sogar Veruca Salt vor über 20 Jahren viel aufregender gemacht!

Okay, das sind allerdings Bands, die in den letzten Jahren nicht unbedingt auf der Agenda standen. Weswegen es vielleicht ein bisschen originell war, sie wieder hervor zu kramen – besonders für Hörer, die zu Zeiten von „Last Splash“ noch nicht geboren waren. Jedenfalls, Wolf Alice haben mich bisher sehr unbeeindruckt gelassen, obwohl sie seit über zwei Jahren von der UK-Presse abgefeiert werden. Aber die feiert nun auch mal die satanisch beschissenen The 1975 und die jammervoll lächerlichen Catfish & The Bottlemen. Ein UK-Hype ist eben auch nicht mehr, was er mal war.

Ich habe mich dann doch überwunden, Wolf Alices Album „My Love Is Cool“ mal einzulegen. Mit der Vorahnung, dass ich’s hassen würde.

Aber, tja, nicht immer kommt es so, wie man denkt. Und ich bin nicht unfähig, meine Meinung auch mal zu ändern.

„My Love Is Cool“ beginnt mit einem Dreierpack Herrlichkeit. „Turn To Dust“, „Bros“ und „Your Love’s Whore“ sind drei hinreissende, zärtliche Gitarrenpopstücke. Drei Mal wundervolle, unorthodoxe Melodieführung. Drei mal offenbart Ellie Rowsell die Stimme einer Nachtigall. Und: Nirgends ein Tritt aufs Grunge-Fuzz-Pedal, kein unnötiger Noise! Die Band spielt hier sehr zurückhaltend, sensibel. Wow! Das habe ich Wolf Alice nach ihren grobschlächtigen ersten Singles nicht zugetraut. Die Gitarren von „Your Love’s Whore“ haben zwar ein strömendes Rauschen, aber es steht im Sinne des Songs. Der wird von einer Smashing Pumpkins / Silversun Pickups-esken Bassline angetrieben, und entwickelt daraus seine Dynamik – eine Dynamik, mit der Wolf Alice auch mit gewitzten Breaks virtuos spielen.

wolf alice band„You’re A Germ“ ist dann der erste Moment, an dem die vier in typische Klischee-Grunge-Laut/Leise-Taktik verfallen. Aber da sie uns bis eben gezeigt haben, dass sie „Leise“ extrem gut beherrschen, und dass hierauf sogar ihre Betonung liegt, hat das „Laut“ schon gleich eine andere Wirkung. Sowohl diesen Song als auch das folgende „Lisbon“ mit seiner niedlichen Kinderreim-Melodie hätte ich als Albumtracks auf „Last Splash“ total akzeptiert, also: Daumen hoch.

Weiter geht’s mit dem kühl-sinistren „Silk“ und dann, und dann! „Freazy“! Die Hundertpro-Pop-Nummer! Der Killer! Der Song, der Natalie Imbruglias Karriere wieder kickstarten könnte, aber viel zu cool ist dafür. Das können sie also auch!

Reden wir ein bisschen über die Band. Nicht nur Sängerin Ellie, auch die Jungs machen verdammt viel richtig. Drummer Joel Amey hat erkennbar viel Jimmy Chamberlin gehört, und das setzt er prima ein. Bassist Theo Ellis gibt nicht nur die Achtel-Begleitung (ist sich aber nicht grundsätzlich zu fein dafür), sondern spielt originelle Läufe, zu denen Alex James zustimmend nicken würde. Gitarrist Jeff Oddie schließlich: Wow! Dass er Krach kann, das wussten wir – aber dass er auch den subtilen, verspielten Soundscaper geben kann, das war zumindest mir neu. Auf Track 8, der Single „Giant Peach“, schiesst er mit seiner Gitarre ein Feuerwerk ab und fährt dann mit ihr einen Formel Eins-Kurs mit Kurven, Vollbremsungen, Crash und Schleudertrauma!

Jetzt habe ich bisher jeden Song beschrieben, so kann ich das auch zuende führen. Next up: „Swallow Tail“: Ein Lied, das nicht Ellie singt, sondern… tja wer? Ich schätze mal Gitarrist Jeff? Jedenfalls, der Song klingt wie eine B-Seite von „Disarm“ und würde auf „Pisces Escariot“ eine entsprechend gute Figur machen. Die Drums von „Soapy Water“ kommen ausnahmsweise aus dem Rechner, das gibt dem Lied den Geschmack einer Garbage-Ballade. „Fluffy“ wiederum ist eine ganz frühe Single der Band, und ehrlich gesagt, so klingt’s auch. Es ist die noisigste und uninteressanteste Nummer hier, aber auch okay, weil sie im Gesamtzusammenhang eine Abwechslung darstellt. (Bestünde aber das ganze Album aus „Fluffy“s, hätte ich meine schlechte Meinung über die Band behalten.) Der Abschluss schließlich geht an den „The Wonderwhy“. Ein Song, der mit monotoner Melodie, Krautrock-Motorik und Shoegaze-Schwurl beginnt, sich aber melodiös entfaltet und dieses Album würdig abschließt.

Tja, Wolf Alice. Das hat mich ziemlich umgehauen. Dieses Debüt ist zeigt enormen Variantenreichtum – aber auch Persönlichkeit. Der Krach von „Fluffy“, die Grazie von „Turn To Dust“ und der Pop von „Freazy“ widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich stimmig zum Gesamtbild einer Band, die viel viel, viel viel besser ist, als ich’s bisher erahnte. Weil sie Grunge-Vorbilder keinesfalls nur nachäfft, sondern aus ihnen ihren eigenen Sound und ihre eigene Stimmung entwickelt.

wolf alice wert

Wolf Alice – Bros from gareth phillips on Vimeo.

Wolf Alice – Giant Peach from gareth phillips on Vimeo.

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