Review: Paul Weller

SaturnsPattern_Cvr_06.inddPaul Weller – „Saturn’s Pattern“

57 Jahre wird Paul Weller diesen Monat. Heute kaum vorstellbar, aber Mitte/Ende der 90er haben NME & Co seine Musik zwischendurch mal mit dem Wort „Dadrock“ beschimpft. Hey! Paul Weller ist zwar siebenfacher Vater, aber er ist deswegen noch lange kein Dad! Wenn überhaupt, dann ist er ein geheimnisvoller, cooler Onkel. Einer, der nur ab und zu auf Besuch vorbei kommt und dann viel sonderbarere, glamourösere Klamotten trägt und besser mit den Kids kann als die anderen Verwandten und der die besten Geschichten und Geschenke dabei hat.

Man hört „Saturn’s Pattern“ in seiner Mischung aus immergrünem Brit-Klassizismus und trippigen Experimenten und fragt sich: Hey, ist es richtig, dass jemand, der bei seinem nächsten Album wohl 60 sein wird, den Brit-Kids in vielerlei Hinsicht immer noch so weit voraus ist?

Aber, ui ui ui, ich muss mich bremsen. Ich bin kurz davor, mich zu verzetteln und einen Text vom Zaun zu brechen, in dem es um sozialpolitisches Engagement und Aufbegehren in der Musik damals und heute geht. Es scheint immer so, als müsste man, wenn man über Weller spricht, seine ganze Vergangenheit mit thematisieren, weil er nun mal so ’ne Legende ist. Aber vielleicht kann ich ja versuchen, das einfach mal zu lassen? Dies ist schließlich ein Blog, der sich an Leute richtet, die eh Bescheid wissen, wer Weller ist und wofür er über die Jahre stand und steht, ob jetzt mit The Jam, The Style Council oder in seiner Solo-Ära. Das müssen wir ja nicht jedes Mal alles aufs Neue aufdröseln – lasst uns ins Jetzt gehen! Das ist schließlich auch das, was Paul Weller selbst tut. Der Paul Weller von heute spielt auf seinen Konzerten ja auch zu 80% Neueres, und geht auf seine Vergangenheit nur punktuell ein.

Weller 2Schauen wir also nur so weit zurück, dass wir in der Ära landen, als das Wort „Dadrock“ noch verwendet wurde. Zuletzt muss das vor elf Jahren gewesen sein, als „Studio 150“ erschien – das Album mit den Coverversionen. Heute kaum vorstellbar, dass der „Modfather“ damals im kreativen Stillstand so festhing, dass er sich übers Interpretieren fremder Songs wieder eingrooven musste. Aber es hat geklappt – seit dem damaligen Nachfolger „As Is Now“ (2005) hat Weller einen Lauf bzw. eine Gewinnerformel gefunden und die Kritiker sind wieder seine Freunde. Weller scheint seitdem relaxter, im Reinen mit sich. Er muss niemand mehr was beweisen außer sich selbst. Also erlaubt er sich einerseits, ganz klassisch die Sounds seiner ewigen Brit-Helden The Small Faces und The Who aufzugreifen, zweitens aber, von diesem Ausgangspunkt aus wild auszuwuchern. Das vielseitig experimentelle „22 Dreams“ (2008) und das aufwühlende, wütende „Wake Up The Nation!“ (2010) wurden auf diese Weise zu Highlights seines Schaffens. Dass aber „Wake Up The Nation“ die britische Nation leider eben doch nicht aus dem tiefen Schlummer holen konnte, das hat Weller zähneknirschend akzeptiert. Den politischen Aktivisten gibt er uns seitdem auf Platte nicht mehr. Aber das heisst nicht, dass er nicht noch Hummeln im Hintern hat, dass er uns nicht immer noch stilvoll durchrütteln will.

Das ist das Auffälligste an „Saturns Pattern“: Hier wird stellenweise so richtig fies und dissonant Druck gemacht. „White Sky“ schiebt gleich los mit der Power einer Dampfwalze: Ein bleischwerer Beat und eine Bassloop, die straight von „XTRMNTR“ kommen, dann verzerrte Gitarren jenseits von „Helter Skelter“ – und trotzdem unverkennbar Weller’scher Britrock. Es folgt der Titelsong: Angetrieben von einem OneNote-Piano, wuchtig groovend, mutiert „Saturns Pattern“ per Schwurbel-Orgel im Refrain zu dichter Soul-Psychedelia. „Going My Way“ startet danach sanft als typische Weller-Ballade, artet aber aus zum schmissigen Northern Soul-Stampfer.

Weller 1Gemeinsam ist den Songs, wie ultra-traditionell ihre Skelette sind, aber wie kantig und dirty, blumig und psychedelisch Weller und Band sie  ausstaffieren. Wie sie z.B. in jedem Song abrupte Breaks einstreuen, in denen Instrumentierung oder Sound mal eben komplett die Farbe wechseln. Okay, weil Ausnahmen die Regel bestätigen, gibt’s mit „Long Time“ ein gerade mal 2 Minuten und 12 Sekunden langes Stück Schmirgelrock, ohne Schnickschnack. Auch das geht.

Aber wie gesagt: Die grundsätzliche Methodik Wellers hier ist, durchaus straighte Stücke durch eine ideenreiche, unvorhersehbare Umsetzung spannend zu machen. Im achtminütigen Schlussstück „These City Streets“ taucht zum Beispiel aus dem Nichts eine asiatisch klingende Violine auf. Mein persönlicher Favorit wiederum ist der lässige 70s-Soulgroove „Pick It Up“, auf dem die Organisten Andy Crofts und Jan Stan Kybert (plus Weller selbst) so richtig alle Register ziehen.

Okay, Fazit: Die lebende Legende des Britrock hat hier den Spagat geschafft, ein Album hinzulegen, das komplett und hundertpro traditioneller Weller ist, das uns aber doch permanent überraschen kann. Denn obwohl „Saturns Pattern“ auf Wellers altbekannte Stärken setzt und sie voll ausspielt, ist die Platte doch auch voller Einfälle und Fantasie. So kann’s weitergehen, dann habe ich keine Angst vor Grandadrock.

Weller wert

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