Review: Blur

Blur – „The Magic Whip“Blur_The_Magic_Whip

Klar muss auch ich meine Meinung zum Comeback-Album von Blur abgeben.

Es ist eine sehr gute Platte.

Es ist keine perfekte Platte, aber doch, sie ist sehr gut.

Es ist zuallererst mal eine Platte, die uns vor Augen führt, was für eine Traum-Kombi diese Band ist und wie gut sich die einzelnen Mitglieder ergänzen.

Dazu: Blur haben sich 2009 für Liveshows wieder vereinigt. 2011 haben sie eine erste Post-Reunion-Single für den Record Store Day veröffentlicht: „Fool’s Day“ schloss ich sofort ins Herz als eines meiner all-time-Blur-Lieblingslieder – alleine für das Gitarrensolo, das Graham Coxon am Ende hinlegt. Es ist kein flashy Gitarrensolo. Es ist einfach nur eine clevere Gitarrenschleife, irgendwie gleichzeitig linkisch und elegant, so wie der struppige Graham in seinen Straßenanzügen selbst. Graham spielt die Schleife ein paar Mal, da fadet der Song auch schon aus.

Diese Stelle machte mich damals unglaublich glücklich, weil sie mich an so viele Sachen erinnerte, die ich an Blur immer so liebte – und die nur Blur so können. Nicht nur Grahams charakteristische Fingerarbeit – auch die staubtrockenen Drums von Dave Rowntree, diesem Drummer, der sich zurück zu nehmen weiss und einfach immer nur das richtige tut. Und der abgehoben-spielerisch-lässige Bass von Alex James. Einfach DIESE Blur-Kombi.

Klar, Blur, das ist natürlich auch Damon Albarn, immer etwas neunmalklug (was er darf, weil die Betonung auf klug liegt). Ihn hört man bei dem Gitarrensolo natürlich nicht. Ihn hört man vorher im Song Alltagsbeobachtungen nölen, skizzenhaft, aber doch eine gewisse Großstadt-Ennui auf den Punkt bringend. Unser Damon!

Das Gitarrensolo aber! Dieses Lick zeigte, wie unverzichtbar bei Blur auch die anderen Drei fürs Blur-Feeling sind. Genau das Blur-Feeling von „There’s No Other Way“ und „Beetlebum“, von „Yuko And Hiro“ und „Chemical World“, das war da, Peng!, in diesen wenigen Sekunden auf „Fool’s Day“, da war es, wie ein Flashback!

Dieser Song und auch die spätere wirklich okaye Single „Under The Westway/The Puritan“ (2012) hatten also schon angezeigt: Blur könnten’s noch, wenn sie wollten. Alleine, weil sie Blur sind.

Bevor „The Magic Whip“ heute endlich in der Gänze erschien, haben Blur häppchenweise Songs im Voraus veröffentlicht – und sie alle waren solche Flashbacks auf Blurs Brillanz.

Los ging’s mit dem Gitarren-wie-Schneefräsen-Massaker „Go Out“. Ein wagemutiger Song, der Lautsprecherboxen auf die Probe stellte, so wie „Music Is My Radar“ damals. Ein Song, bei dem man sich fragte: „Wieso trauen sich das eigentlich keine jungen Bands mehr?“ Das war also schon mal ein Statement.

Die zweite Vorab-Nummer war „There Are Too Many Of Us“, eine elegante Ballade a la „The Universal“. Das Gegenteil von „Go Out“. Okay, jetzt waren wir wirklich superduper gespannt.

Der dritte Vorbote: „Lonesome Street“ weckte ganz unverschämt Erinnerungen an die Britpop-Blur von „Modern Life Is Rubbish“. Die Blur, von denen sie sich selbst doch nach „The Great Escape“ so losgesagt hatten.

Danach ein Auftritt bei Jules Holland im BBC TV: Sie spielten „Ong Ong“, einen Ohrwurm, der eine Single von „The Great Escape“ hätte sein können, und „I Broadcast“, was wiederum eine bessere Single vom „Blur“-Album gewesen wäre als „M.O.R.“ damals.

Und dann gab’s noch eine hinreißende Vorab-Ballade vorab: „My Terracotta Heart“ hätte gut auf „13“ gepasst.

Man kannte also schon sechs Songs, bevor das ganze Album da war. Sechs Songs, die alle diverse frühere Fäden von Blur aufnahmen und die uns den Mund wässerig machten.

Die erste kleine Enttäuschung ist nun, dass dies auch praktisch die sechs besten Songs bleiben.

Nach ein paar Durchläufen wiederum ist das keine Enttäuschung mehr. Denn sechs so starke Songs auf einem Album? Von einer Band, bei der man mit keinem Album mehr rechnete? Und dann: Hat dieses Abum ja so viele Stellen, die beim Langzeit-Fan Glücksmomente auslösen, einfach nur, weil sie Erinnerungen triggern – so, wie Grahams Solo in „Fool’s Day“, über das ich mich oben so ausgelassen habe, damals Erinnerungen triggerte. Nein, das Album zu hören ist eine riesige Freude.

Zumal: Nach ein paar Durchläufen entpuppt sich „Ice Cream Man“ als subtiler Blubber-Pop, auch die fernöstlichen Melodien von „New World Towers“ sind sehr fein – der schleichende Song wurde allerdings meiner Meinung nach falsch im Album-Tracklisting positioniert, an zweiter Stelle nimmt er zu früh Luft raus. „Mirrorball“ wiederum ist ein würdiger Abschluss.

Nur dem zähflüssigen „I Thought I Was A Spaceman“, dem easy Listening-Gewippe von „Ghost Ship“ und dem energiearmen „Pyongyang“ habe ich bisher noch nichts abgewinnen können. Aber das macht immer noch 9 prima Songs von 12. Was toll ist.

Blur_The_Magic_Whip bandWollen wir die Platte nun in Blurs gesamte Diskographie einordnen. Tja, wollen wir? Hmmm. Das Album ist natürlich eine Anomalie, schon des langen zeitlichen Abstands zu „Think Tank“ wegen. Es ist aber auch deshalb keine typische Platte, weil dies eine Art Blur-Rundumschlag ist.

Jedes der anderen Blur-Alben hat seinen klaren Charakter: „Leisure“, das noch etwas holprige Debüt. „Modern Life Is Rubbish“, das aus der Krise geborene, trotzige Gegenprojekt zum damals dominierenden Grunge, das den Britpop auslösen sollte. „Parklife“, das selbstbewusste „Hier! Jetzt! Britpop!“-Statement. „The Great Escape“, die erste Auflösungserscheinung des Britpop. „blur“, die definitive No-More-Britpop!-Platte. „13“, die totale Pop-Verweigerung. „Think Tank“, ohne Graham, im Nachhinein eigentlich der Vorläufer zu „Everyday Robots“, Damons Soloplatte aus dem letzten Jahr. Jedes dieser Alben zeigte Blur an einem bestimmten Punkt ihrer fortschreitenden Entwicklung. Diese Entwicklung ist auf „The Magic Whip“ nicht mehr am Fortschreiten. „The Magic Whip“ ist ein Rückblick auf diese Entwicklung. Mit dem Laserpointer higlighten Blur mal hier, mal dort einen Punkt aus ihrer früheren Metamorphose, aber sie morphen nicht mehr selbst.

Frage: Wenn Blur in 15 Jahren noch Shows spielen, werden sie wohl Songs von „The Magic Whip“ in ihrem Best-Of-Set spielen? Dies sind zwar starke Lieder – im Sinne von: feine Melodien mit schlauen Texten, gewitzten Sounds und originellen Arrangements. Aber sie bringen nicht den Zeitgeist auf den Punkt wie Blur damals.

Viel ist geschrieben worden darüber, wie diese Platte entstanden ist – ich fasse es trotzdem noch mal zusammen:
Die vier Mitglieder standen neuen Sessions skeptisch gegenüber, aber nach der Absage eines Festivals in Japan fand sich die Band in Hongkong wieder. Ein Rückflug nach Europa hätte sich nicht gelohnt, denn eine Woche später waren bereits Konzerte in Singapur(?) gebucht. Man hatte eine Woche in Hongkong totzuschlagen, also buchte man kurzerhand ein Studio und spielte drauflos. Die vier tobten sich aus, gar nicht mal unbedingt mit dem Plan, dass ein Album entstehen sollte. Graham Coxon war’s, der Monate später die Aufnahmen mit Producer Stephen Street nach Verwendbarem aussiebte und aus unterschiedlichen Fragmenten komplette Tracks zusammen fügte. Als er das Ergebnis dann Damon Albarn präsentierte, war der so angetan, dass er zum Texteschreiben extra wieder nach Hongkong flog, um sein Mindset wieder auf die Zeit der Sessions kalibrieren zu können.

Diesen Verlauf finde ich durchaus beeindruckend. Denn wenn ein derart starkes Album entsteht, obwohl Blur nicht mal konkret planten, eins zu machen, stellen sich zwei Fragen: Erstens: Wie stark ist diese Band, dass sie etwas so Gutes mal eben relativ unorthodox zusammen stöpseln kann? Zweitens: Wie gut könnten Blur noch mal sein, wenn sie tatsächlich mit der Agenda ins Studio gehen, ein Album wie ein Statement abzuliefern? So wie vor der Trennung? Das wäre letztlich meine Idealvorstellung für das, was aus „The Magic Whip“ auf lange Sicht vielleicht mal werden könnte: Das Album, das Blur zeigte „Wir können’s noch“, und das ihre glorreiche zweite Schaffensperiode einläutete. Wäre das nicht ein Traum?

Blur_The_Magic_Whip wertung

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