Review: Tobias Jesso Jr.

tobias jesso jrTobias Jesso Jr. – Goon

Wir leben in einer Ära, in der in der Musik (zumindest nicht in der elektronischen) relativ wenig neu entwickelt wird. Schon seit 20 Jahren und länger reicht es für viele Künstler, sich bei einem vergangenen Stil, einer früheren Ära zu bedienen, oder sie gleich komplett nachzustellen. Und immer wieder bejubeln wir diese Leute für ihren Klassizismus, nach dem Motto: „Wir dachten, das kann gar niemand mehr so gut wie damals.“

Es gibt aber auch einen Grund, warum man das nicht mehr können sollte: Weil die Welt sich weiter gedreht hat. Weil neue Kunst, wie auch immer man sie kreiert, in einem anderen Zeitzusammenhang steht.
Sagen wir’s so: Man könnte heute ja auch kein Woodstock-Festival mehr feiern. Weil die Unschuld, die man damals brauchte, dieser utopische Hippie-Glauben ans Gute im Menschen, schon in den 80s vom Turbokapitalismus überholt wurde und längst als Märchen ad acta gelegt ist. Ein heutiges Woodstock, das müsste entweder ein konspiratives Anonymous-Festival sein, auf dem man neben der Musik alternative Denkweisen propagiert – oder, wahrscheinlicher: es wäre ein Austin-Powers-Woodstock, auf dem man sich lustig im 68er-Stil verkleidet und den Look, die Sounds, die Räucherstäbchen und die Ideologie liebevoll nachahmt oder persifliert, aber nicht lebt.

Keine Angst, ich werde schon noch zu Tobias Jesso Jr kommen.

Vorher: Ich habe jedenfalls nichts gegen Retro-Künstler. Andernfalls dürfte ich gar keinen Indie-Blog führen! Fast jede Band, jeder Musiker bezieht sich in seinem Schaffen auf etwas, das schon da war, mal zeitlich näher, mal ferner – alleine, weil wir heute auf die gesamte Musikgeschichte viel leichteren Zugriff haben als je zuvor.

Da kann es schon fast ein Stück Originalität sein, sich ein Mikrogenre rauszusuchen, das man nachstellt. Manch einer kombiniert verschiedene Stile der Vergangenheit zu etwas vielleicht Neuem. Manch einer macht ein Update: Die alte Form, neue Inhalte oder neue Arten, die Form zu erreichen. Manch einer benutzt die althergebrachte Form, lädt das Ganze aber mit so viel eigener Persönlichkeit auf, dass man nicht auf die Idee käme, in seiner Arbeit einen Abklatsch zu sehen – ein Ben Folds zum Beispiel oder ein Rufus Wainwright sitzen am Piano wie damals Billy Joel oder Elton John, aber sind solche Typen, dass sie über Vergleiche erhaben sind.
Ich nannte diese zwei, weil ich jetzt endlich zu Tobias Jesso Jr finde – zu dem jungen Kanadier, der ebenfalls am Klavier sitzt und der mit „Goon“ ein Album veröffentlicht hat, von dem einige Kritiker jubeln, es hätte genau so auch 1971 erschienen sein können. Was aber meiner Meinung nach nicht unbedingt seine Stärke ist.

Es ist die eine Sache, einen Style akribisch zu kopieren. Klar, das verlangt Talent, Fingerspitzengefühl und Beobachtungsgabe, aber es verlangt nicht unbedingt eigene künstlerische Ausdruckskraft. Dass die Piano-Songs, die der 29jährige aus Vancouver hier komponiert und arrangiert hat (produziert haben übrigens u.a. Ariel Rechtshaid, Dan Auerbach und Chet White (Ex-Girls)) die ersteren Qualitäten zeigen, dem werden wenige widersprechen. Ein paar Songs hier klingen wirklich wunderbar klassisch: „Without You“ wäre auf einem frühen John Lennon-Soloalbum positiv aufgefallen und Paul McCartney gäbe viel dafür, klänge er sich seinem Wings-Ich noch mal so ähnlich wie Jesso auf „Can We Still Be Friends“, einer Art abgebremsten Variante von „Hey Jude“.

Sogar die Unschuld, die ich oben ansprach, versucht Jesso zu rekreieren. Seine Texte sind frei von Komplikationen. Sie drücken Sachverhalte so direkt, so unverschlüsselt, regelrecht naiv aus, wie man es gar nicht mehr kennt: „When I found out you had a new man, I felt so lonely that I cried“ singt er zum Beispiel auf „How Could You Baby“. Eine Zeile, die auch ein Englischschüler in der fünften Klasse so hätte formulieren können. Aber ist das ein Lob? Ist es nicht. Es ist einer der Momente, an denen ich sehr an Tobias Jesso Jr zweifle. Es ist einer der Momente, bei denen ich ihn am Kragen packen, schütteln und schreien will: „Wir haben 2015, Mann!“

Denn es ist keine Frage, dass Tobias Jesso Jr Melodien schreiben kann und dass er ein Verständnis für klassisches Songwriting hat, um das ihn viele beneiden werden. Aber was halt doch nicht erkennbar ist, das ist Relevanz fürs Jahr 2015, und dafür bräuchte er mehr eigenen Charakter (siehe Folds, Wainwright – oder z.B. Elliott Smith. Auch der hat sich massiv bei den Beatles bedient, aber sein eigenes Ding daraus gedreht)

„Goon“ zeigt Jesso Jr. also als herausragenden Kopisten. Ein Sammler könnte die Platte (auch vom Styling her) unter seine LPs der Seventies stellen, ein Hörer könnte sie zufällig rausziehen, auflegen und für ein Original aus der Ära halten. Das aber macht das Album zu wenig mehr als einer gekonnten Fingerübung. Für sein Debüt wollen wir ihm das durchgehen lassen, aber wenn Tobias Jesso Jr uns eine Karriere lang über mehrere folgende Alben bei der Stange halten will, wird das nicht gehen, ohne dass er seine eigene Persönlichkeit und seinen Wiedererkennungswert entwickelt.

tobias jesso jr wertung

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