Review: The Cribs

cribs sistersThe Cribs – For All My Sisters

Es trifft sich ganz gut, dass parallel zu den Circa Waves, die ich hier neulich ein bisschen einbremste, auch The Cribs eine neue Platte rausbringen. Denn auch The Cribs sind eine Band, die einer althergebrachten Indie-Ästhetik entsprechen, insofern könnte man da ein paar Vergleiche ziehen. Auch sie erfinden das Rad nie neu, sondern sind halt eine Indiegitarrenband, nicht mehr und nicht weniger.

Warum stehe ich trotzdem hundertpro hinter den Jarman-Brüdern? Weil die drei grimmigen Nordbriten aus Wakefield mehr noch als eine Ästhetik einen Indie-ETHOS verkörpern: Drei Rebellen gegen den Rest der Welt.

Erst mal: Wer könnte eine eingeschworene Clique sein als drei Brüder? Die zu Beginn eine Zeitlang bettelarm mehr oder weniger in ihrem Proberaum lebten? The Cribs sind auch die Band, die sich wohler fühlt, wenn sie zu dritt im schratteligen Van durch die USA tuckern kann, wobei man sich beim Fahren ablöst, als sich im Luxus-Nightliner auf der Insel von einer Halle kreischender Teenies zur nächsten chauffieren zu lassen. The Cribs sind unsauber und agieren ohne Rücksicht auf Verluste – Es gab eine Zeit, da war auf Livebildern von Ryan Jarman grundsätzlich Blut zu sehen (er hatte sich so oft den Mund am Mikro angeschlagen, dass es quasi schon chronisch war und bei jeden Gig gleich neu aufplatzte). Berühmt sein Absturz bei den NME Awards 2006, als er sich auf einem Tisch voller Gläser warf und die Scherben ihm ernsthafte innere Verletzungen zufügten. Auch schon neun Jahre her, das. Was ein Reminder ist, wie lange wir die Cribs schon haben und wie treu sie sich geblieben sind.

Um „For All My Sisters“ einzuordnen, gehen wir doch noch mal die Cribs-Diskographie im Schnelldurchlauf durch:

„The Cribs“ (2004) war beinahe ein Fehlstart – die Welt hatte sich gerade an Post-Strokes-Garagenbands satt gehört und die drei Jarmans wurden trotz ihrer Sonic Youth- und Pavement-Einflüsse erst mal dort eingeordnet. Crispy-crunchy Indiehits wie „Another Number“ sicherten aber doch, dass man die Band auf dem Schirm behielt.

„The New Fellas“ (2005) war dann der Durchbruch – klanglich sehr nah am Debüt, aber diesmal kriegten die Singles „Hey Scenesters!“ und „Mirror Kissers“ die verdiente Aufmerksamkeit. Damals gab’s keinen Atomic-Abend ohne diese Songs.

„Men’s Needs, Women’s Needs, Whatever“ (2007): die Platte, die den Status der Cribs als Major Indie Player etablierte. In den Staaten waren sie jetzt auf einem großen Label, kriegten mehr Budget und das hörte man. Auf diesem (van Alex Kapranos produzierten) Album findet sich ihr größter Hit („Man’s Needs“), hier kriegten sie ihren Sonic Youth-Helden Lee Ranaldo dazu, mitzuspielen und einen Song einzusprechen („Be Safe“)

„Ignore The Ignorant“: Das Album mit Johnny Marr. Johnny Marr! Mal eben ein Album lang bei den Cribs eingestiegen! Er brachte Smiths-Riffs mit („We Share The Same Skies“ – wobei, das war sogar mehr das Riff von The Thes „Slow Emotion Replay“) und machte die Platte zur saubersten, poppigsten Scheibe der Jarmänner. Was einigen Fans sauer aufstieß. Was sich auch nicht auf Dauer aufrecht erhalten ließ – als man sich zu Sessions fürs Folge-Album traf, war die Magie/Chemie nicht mehr da. Aber: Ich MAG Pop. Für mich war die Kombi Jarman/Jarman/Marr/Jarman eine Traumhochzeit. Deswegen war „Ignore The Ignorant“ auch mein Lieblingsalbum 2009.

Und: Deswegen packte mich auch „In The Belly Of The Brazen Bull“ (2012) weniger. Das war die „Back To The Roots – and the some“-Platte. Die erkennbare Gegenreaktion auf Johnny Marr-Radiofreundlichkeit. Die Platte war sogar sperriger und lärmiger als ihr Debüt und kostete The Cribs eine Menge Airplay. So sehr die Platte die Band ästhetisch wieder zu ihren Anfängen zurück führen sollte, so war doch sicher nicht geplant, auch die Verkaufszahlen wieder ähnlich nach unten anzupassen. Die folgende Singlecompilation „Payola“ diente dann wohl eher dazu, die nun kriselnde Partnerschaft mit dem Langzeit-Label Wichita zu beenden.

Trotz des Durchhängers mit „…Brazen Bull“ haben The Cribs vor „For All My Sisters“ auch auf der Insel erstmals einen Major-Deal unterschrieben. Klar, dass die Sony sich wünscht, die erfolgreichsten Zeiten der Band wieder herauf zu beschwören. Als Producer wurde Ric Ocasek an Bord geholt – und wenn man den Ex-Sänger der Cars verpflichtet, dann weil man hofft, dass er seine Zauberei vom blauen Debütalbum von Weezer noch mal so hin bekommt. Das klappte zwar nicht ganz, aber Ryan, Ross und Gary zeigen sich hier doch wieder von ihrer offensten Seite. Will sagen: Ihr sechstes Album liegt sound- und gefühlsmäßig zwischen „Men’s Needs, Women’s Needs, Whatever“ und „Ignore The Ignorant“. Lieder wie „Different Angle“ und „Burning For No One“ gehören zu den poppigsten Nummern der Jarmans’schen Karriere, „City Storms“ hat für mich sogar das Zeug, als Indie-Dancefloor-Burner in die Fußstapfen von „Man’s Needs“ zu treten.

Frage: Was erwartet man von einer Band, die beim sechsten Album angekommen ist?

Eine komplette Neuerfindung wird an diesem Moment einer Entwicklung in den seltensten Fällen stattfinden (und in noch selteneren Fällen etwas anderes sein als der Ausdruck von kreativer Verzweiflung). Wahrscheinlicher ist an diesem Punkt der Karriere ein gewisser Stillstand, ein going-through-the-motions, ein „So-haben-wir’s-immer-gemacht“.

Prima ist also schon mal, wenn man nicht das Gefühl hat, dass eine Band nach Schema F ihren Stiefel runter spielt, sondern dass sie’s noch wissen will und immer noch Hummeln im Hintern hat – auch wenn das bei den 34-jährigen Zwillingen Gary und Ryan spürbar weniger sind als mit 24. The Cribs haben jedenfalls mit ihrem sechsten Album einen Longplayer an den Start gebracht, der den Level ihrer Karrierehighlights hält – und damit darf man mehr als happy sein.

cribs wertung

p.s. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass „For All My Sisters“ nur Teil 1 von zwei Alben sein soll, die The Cribs dieses Jahr veröffentlichen wollen. „Sisters“ ist demnach das Popalbum, Teil 2 soll die Punk/Grunge-Platte werden. Na gut. Schau’mer mal.

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