Review: Circa Waves

circa waves albumCirca Waves – Young Chasers

Ach jemine, England. Aber ihr habt’s euch ja selbst kaputt gemacht. Ihr habt erstens zu einer Zeit, als Indie eine echt starke Phase hatte, jede Band hochgejubelt, die Saiten auf eine Gitarre spannen konnte. Das ging nach hinten los und Indie fing an zu nerven. Also habt ihr Gitarren grundsätzlich zu „Indie Landfill“ erklärt und die guten Bands gleich mit verteufelt. Das war das eine.

Das andere ist die gesellschaftliche Entwicklung bei euch, dass sich Kids aus der Unterschicht praktisch nicht mehr leisten können, kreativ zu sein. Nur Sprößlinge aus gut situierten Familien können nach der Schule auch mal zwei Jahre vor sich hin muszieren und auf Plattenverträge warten, gerne während ihres Studiums auf einer der Pop-Akademien. So wachsen fast nur noch Bands auf, die wenig zu erzählen haben, die nur noch in den seltensten Fällen eine Message rüber bringen.

Aber Indie war doch mal die Bastion und die Überlebensgrundlage eurer Musikpresse! Die Musikpresse liegt entsprechend am Boden. Neue Bands müssen her, aber Indie wurde abgesagt. Damit herrscht eine Situation, in der Peloton-Mitfahrer hochgejubelt werden. Und so müsst ihr Circa Waves, die in jeder anderen Ära eine unter-ferner-Liefen-Band wären, im NME 8 Punkte geben – obwohl ihr euch im Text der Rezension dauernd für ihre miesen Texte entschuldigt und Ausreden dafür findet, dass sie so unoriginell sind.

Okay okay okay, ich rege mich wieder ab. Das Problem sind ja nicht die Circa Waves. Die vier Liverpooler sind eine okaye Bumm-Tschack-Indie Band. Ihre Songs wären okaye Kooks-B-Seiten, okaye The View-B-Seiten, oder okaye Razorlight-B-Seiten. Manchmal kann man sich dem Hurra ihrer Lieder nicht entziehen: „Stuck In My Teeth“ zum Beispiel geht ab – die Nummer ist ein kleines Festival der Hooks. Circa Waves sind also eine typische, junge Gitarrenband, die noch viel nachäfft, aber das immerhin schon mal ganz gekonnt auf die Reihe bringt. Sie können zum Songstart ordentlich in die Saiten dreschen, das dann in der Strophe sein lassen, und im Refrain wieder einsetzen.

Eigene Persönlichkeit und Wiedererkennungswert haben sie halt null. Wenn einer ihrer Songs im Radio oder auf einer Party liefe, würde kein Mensch sagen: „Unverkennbar Circa Waves!!“ oder „Die Stimme von Kieran Shudall erkenne ich sofort!“ Aber noch mal – die Jungs sind völlig okay als kleine Gitarrenband für eine ganz eingeschworene Szene, die ganz bestimmte Ansprüche stellt, die einen ganz spezifischen Gitarrensound will, einen ganz spezifische bpm-Quote, und bloß keine Abweichung von der Indie-Normierung. Und es gibt ja auch andere Bands wie z.B. New Yorks Drowners, die finde ich auch völlig okay, obwohl sie keine Ambitionen haben, sich über einen sehr eng gesteckten Indiepop-Rahmen hinaus zu bewegen.

Puh. Noch mal durchatmen. Was ärgert mich dann an Circa Waves? Doch eigentlich vor allem die Tatsache, dass der NME versucht, sie als Retter hoch zu jubeln (und dabei erkennbar nicht mal selbst überzeugt wirkt), obwohl sie einfach nur eine typische Indieband sind, die mit Wasser kocht. Mich als ehemals so extrem Anglophilen enttäuscht einfach vor allem, dass sich Indie-Britannien in eine Situation gebracht hat, in der so wenig nach wächst, und dass Circa Waves so exemplarisch dafür stehen. Wo sind die neuen Primal Scream, die neuen Smiths, die neuen Blur, Pulp, Radiohead, Mansun, Ride, Cooper Temple Clause, Kasabian, Franz Ferdinand? Bands, die echt was eigenes machen und einen Style prägen?

Erinnert sich jemand an Crashland? Eine okaye Indieband so zur Jahrtausendwende. Die waren in Ordnung. Sie konnten ein Album lang die Musikpresse interessieren, das war’s dann aber auch. Keiner wäre damals auf die Idee gekommen, in ihnen die Zukunft der UK-Gitarrenbands zu sehen. Auch wenn in ihren Texten ein deren gewitzter Zynismus fehlt, erinnern mich Circa Waves von allen Bands am meisten an Crashland. Dass sie jetzt Hoffnungsträger sind, ist bezeichnend für die UK-Indie-Situation. Und das ist das, was mich so stört. Es hat gar nicht so viel mit Circa Waves selbst zu tun, die hier ordentliche Songs geschrieben haben, die manchmal sogar richtig Spaß machen. Oh well.

15 03 Circa Waves

CIRCA WAVES – STUCK IN MY TEETH from Abbie Stephens on Vimeo.

Circa Waves // „So Long“ from Charles De Meyer on Vimeo.

Circa Waves // „T-Shirt Weather“ from Charles De Meyer on Vimeo.

Circa Waves – Get away from gareth phillips on Vimeo.

CIRCA WAVES – FOSSILS from Adam Powell on Vimeo.

Young Chasers – Circa Waves from My Brother Bob on Vimeo.

… und hier zum Vergleich Crashland: „Standard Love Affair“, 2000

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.