Review: Swervedriver

swervedriver coverSwervedriver – I Wasn’t Born To Lose You

You’ve been away for sooo long –
you can’t ask why…
You’ve been away – you can’t ask why…
You can’t ask why…

(INDUSTRIESTAUBSAUGER-GITARRENRIFF!!)

Das muss vorausgeschickt werden: „Duel“ von Swervedriver ist und bleibt der Song, der das Mixtape meines Lebens eröffnen wird.

Noch so eine Zeitreise also. Schon sonderbar, dass die Bands, die 1991 meine Lieblingsbands waren, einfach nicht von der Bildfläche verschwinden. Slowdive und Ride haben sich reformiert. Blur haben ein neues Album angekündigt. Die Pixies und MBV waren vor einem bzw zwei Jahren dran. Das jüngste Werk der Charlatans habe ich kürzlich erst rezensiert. Und jetzt Swervedriver. Es muss doch was aussagen, dass die Bands zurück auf die Bühne gerufen werden, von ihren inneren Stimmen, und von Legionen von Fans. Dass die Bands den Absprung verpasst haben und nicht aus diesem Leben raus können? Dass das, was aus dem UK nachrückt, halt nicht in diese Schuhgrößen passt? Aber doch am ehesten: Dass diese Bands eben doch verdammt großartig waren.

Es ist ja nicht mal so, dass Swervedriver damals so irre erfolgreich gewesen wären. Aber ihre vier Alben haben die Zeit erstaunlich gut überdauert und neue Fans gesammelt – keine riesigen Massen, aber genug, dass es sich für Adam Franklin und Jimmy Hartridge lohnte, die Sache wieder auf die Beine zu stellen. Sie touren seit 2008, und jetzt gibt es also ihr erstes neues Album seit 1998. Was herrlich ist.

Man hat Swervedriver damals in die Shoegazer-Szene mit eingerechnet, was einerseits nicht unkorrekt war. Denn auch sie stammten aus der gleichen Gegend wie Ride, Chapterhouse und Slowdive und auch ihre Gitarren waren ein Frontalangriff auf die Sinne. Aber wo die anderen Bands via Feedback in die Sphären drifteten und die viel zitierten „Sonic Cathedrals“ errichteten (in den USA nannte man den Style nicht von ungefähr „Dreampop“), war es ein früher Singletitel, der Swervedrivers Sound am besten bezeichnete: „Sandblasted“. Swervedrivers Gitarren waren ein Gebläse, ein Sandstrahler. Körnig, staubig, desorientierend, ein Buran im Ohr. Hat man sich in dem Sturm zurecht gefunden, kann man die Schemen der Melodien ausmachen und sich vom Jetstream mitnehmen lassen wie in einem Wingsuit.

Über ihre vier Alben haben Swervedriver an den Stellschrauben gespielt. Ihre zwei späteren Alben „Ejector Seat Reservation“ (’95) und „99th Dream“ (’98) fächerten den Sound in sein Spektrum auf, da gab es akustischere, groovigere, bluesigere, röhrendere Tracks. „I Wasn’t Born To Lose You“ ist dagegen straighter, klassischer Swervedriver-Sound. Es klingt wie das Album, dass sie zwischen „Raise“ (’91) und „Mezcal Head“ (’93) hätten machen können. Aber dieser Sound of ’92 kommt auch 2015 trotzdem zum richtigen Zeitpunkt.

Eine Sache, die mir beim Hören von „I Wasn’t Born To Lose You“ auffiel, war wie sehr sich meine Hörgewohnheiten in den letzten Jahren verändert haben. Heutige Indiepop-Songs sind – ob gewollt oder nicht – durchs Download-Zeitalter geprägt. Sie beginnen mit Melodiechen, die ein Klingelton sein könnten. Sie klatschen uns einen Ohrwurm-Refrain hin, der leicht verdaulich sein muss, denn diese Songs müssen oft beim ersten Hören schon gewinnend sein. Nehmen wir als Beispiel eine Band wie Urban Cone – die ich ja mag, gerne sogar. Wenn Urban Cone einen Song auf Hit bürsten, dann läuft er ab wie eine Kette kleiner Explosionen an einer Zündschnur, ungeduldig jagt ein Höhepunkt den nächsten. Swervedriver funktionieren so komplett anders, dass sie aus einer anderen Zeit zu kommen scheinen. Was sie, okay, ja in der Tat tun.

Jedenfalls: Diese Songs existieren nur für sich. Sie buhlen nicht mit schnell wirkenden Effekten um den Hörer. Ja, es gibt Melodien in diesen Songs. Aber man muss schon bereit sein, die sandige Decke anzuheben, und sie suchen zu gehen. Hartridges Gitarrenriffs und Franklins Gesangslinien kommen nicht auf den Punkt – sie streunen um den Punkt herum, wie ein Kojote, verschwinden in der Nacht, tauchen wieder auf.

Ich genieße das sehr. Diese Songs sind diffus, unscharf – und dadurch rätselhaft. Man kann sich von den Gitarren ummanteln und auf dem fliegenden Teppich in die Sonne mitnehmen lassen, mit dem einsetzendem Raketenschub der Sandstrahlergitarren. Mann, was habe ich dieses Feeling, das einem in der Tat nur Swervedriver geben, geliebt. Ich gebe zu, in den Jahren ist mir nicht wirklich aufgefallen, dass es fehlte. Aber jetzt steige ich sehr gern wieder in ihr Sandstrahlerschiff ein.

Eine Sache gibt’s, die ist nicht so meins: Manchmal neigen Swervedriver dazu, das mit dem Sandsturm zu wörtlich zu nehmen und in den Desert Rock / Stoner Rock-Modus schalten. Eine so heavy schleppende Nummer wie „Red Queens Arms Race“ packt mich einfach nicht, und auch „Lone Star“ hat diese zähen Momente. In meinen Augen können diese Stücke nicht mithalten mit rasanten Rauschern wie „Last Rites“ oder „Deep Wound“ bzw mit körnigen in-die-Sonne-Blinzlern wie „Autodidact“ und „Setting Sun“. Aber das ist schon okay. Hauptsache, Swervedriver sind wieder da, mit ihrer alten Wirkung, nicht als Abklatsch ihrer selbst, sondern auf dem Topniveau, auf dem wir sie in Erinnerung haben.

15 03 Swervedriver

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