Review: Noel Gallagher

Noel Gallagher CoverNoel Gallagher’s High Flying Birds – Chasing Yesterday

Wer beim Kicker-Managerspiel ein Team angemeldet hat, ärgert sich jeden Montag, wenn die Noten vergeben werden. Da kriegt der holzhackende Innenverteidiger vom Abstiegskandidaten, der ein Unentschieden rettete, einen Bestwert – dabei KANN er gar nicht besser gespielt haben als der Top-Stürmer vom Gegner, der ausnahmsweise mal nicht getroffen hat und zur Strafe gleich Minuspunkte kriegt. Denn beim Kicker benoten sie offenbar nicht das tatsächliche Spiel, sie benoten eher, wie nah der einzelne Fußballer den oberen Rand seiner Leistungsgrenze abruft. Wer wenig drauf hat, aber alles rausholt, kriegt seine Belohnung – ein Fußballgenie dagegen, das nicht sein komplettes Potential zeigt, wird abgestraft. Ihr ahnt schon, was das alles jetzt mit Noel Gallagher zu tun haben wird.

Wir alle LIEBEN Noel Gallagher als Type. Derzeit machen wieder einige Zitate aus der aktuellen Interview-Rutsche die Runde, für die man dem Mann lebenslang einen ausgeben will. Noel redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist – wer sonst tut das noch in der Musikbranche, wo schon jeder Neuling PR-trainiert nur mit angezogener Handbremse antwortet, um ja nicht anzuecken. Noel gibt herrliche Soundbites, in denen er rüberkommt wie ein gewitzter Typ, der mit sich im Reinen ist, der sich über alles, was er sieht, eher amüsiert als aufregt und eigentlich nur seine Ruhe will. Das sei ihm gegönnt. Nur: So ein Mindset ist nicht unbedingt die beste Ausgangslage, um eine neue Platte zu machen. Und weil es Noel Gallagher ist, von dem wir hier reden, dürfen wir schon auch mal richtig enttäuscht sein.

Denn einerseits zeigt uns Noel ja auf „Chasing Yesterday“, dass er es eigentlich sehr wohl noch drauf hat. Die Vorab-Single „In The Heat Of The Moment“ war endlich mal wieder eine Nummer von ihm, die man auch auf dem Indie-Dancefloor anbringen konnte. Dass Gitarrengott Johnny Marr, Noels Förderer und Buddy seit vor-Oasis-Zeiten, mal bei ihm mitspielt, war auch längst überfällig und Johnnys unaufdringlicher Beitrag gegen Ende von „The Ballad Of The Mighty I“ hebt die Nummer regelrecht in die Stratosphäre. „Lock All The Doors“ ist zwar praktisch eine 1:1 Kopie vom Song „What’s The Story (Morning Glory)“, aber endlich mal wieder ein Burner wie aus „Definitely Maybe“-Zeiten (und in der Tat, wie man liest, ist der Song ist ein übrig gebliebener Titel aus der Ära, den Noel endlich mal aufgenommen hat.)

Aber sonst so? Hat man leider zu oft das Gefühl, dass Noel halt mal wieder ein Album gemacht hat, weil… tja… warum eigentlich? Weil man das nun mal von ihm erwartet. Weil er’s kann, und weil er sich ja auch irgendwie beschäftigen muss. Echt jetzt – ein guter Teil der Songs klingt, als sei Noel bei den Aufnahmen in etwa so motiviert gewesen wie beim Müll rausbringen. Was soll’s, das muss  ja gemacht werden, mach ich’s halt, hoffentlich habe ich bald wieder meine Ruhe.

Wir erlauben Noel viel. Wir erlauben ihm, schamlos bei anderen Songs zu klauen, ob von den Beatles oder von sich selbst. Wir erlauben ihm hanebüchene Nonsens-Texte, in denen er sich aus Zitaten anderer Autoren potentiell sinniges, aber auch potentiell hirntotes Gewäsch zusammen kleistert. Wir erlauben ihm das, weil dabei so zauberhafte Dinge wie „Whatever“ und „The Masterplan“ entstanden sind. Aber sollen wir’s ihm auch erlauben, wenn er uns so dröges Geplodder wie „The Girl With The X-Ray Eyes“ abliefert?

Okay, „The Dying Of The Light“ ist eine echt schöne Nummer, aber halt auch Noel-by-Numbers. Auf „The Right Stuff“ wagt sich Noel eine Fußbreit aus der Komfortzone, aber weil er das viel extremer in diese Richtung gehende Amorphous Androgynous – Projekt wieder eingestampft hat, fühlt es sich an wie ein Schwanzeinziehen. Statt dessen hält Noel es heute für revolutionär, dass auf „Riverman“ ein Saxophon auftaucht. Och, Noel.

Hui, wenn ich das bisher Geschriebene so checke, liest es sich, als sei „Chasing Yesterday“ eine richtig miese Platte. So ist es ja gar nicht. Die ist okay. Ein paar Songs sind richtig gut. Aber hey – Blur haben sich diese Woche mit einer knallschrägen Nummer zurück gemeldet, bei der einem die Ohren schlackern. Kasabian liefern uns seit ein paar Jahren Luftfaustmomente noch und nöcher UND wagen sich dabei immer auf neues Territorium. Und Noel, mei, er zeigt uns doch, dass er’s eigentlich nur wollen muss, und er kann immer noch ein „The Ballad Of The Mighty I“ aus dem Ärmel schütteln. Deswegen ist frustrierend, dass er – obwohl er in den vier Jahren seit seinem Solodebüt genug Zeit gehabt haben sollte – den Arsch so selten hoch kriegt und die Hälfte von „Chasing Yesterday“ so halbgar und lieblos abgeliefert klingt wie eine Steuererklärung. Nach der Logik des Kickers wäre das die Schulnote 4-. So will ich ja gar nicht so sein. Aber hey, Noel kann das doch so viel besser.

15 03 Noel

Noel Gallagher’s High Flying Birds – „The Ballad Of The Mighty I“

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