Interview: The Punch Brothers

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Oh, darauf habe ich mich gefreut! Chris Thile ist ein anerkanntes Genie! Der Mandolinen-Maestro ist nicht nur Vordenker der Punch Brothers, sondern hat noch zahllose weitere Projekte am Laufen, die Folk, Klassik, populäre und progressive Musik vereinen.
In unserem Telefoninterview ging’s allerdings vor allem um „The Phosphorescent Blues“, die aktuelle Platte der Punch Brothers – der Band, die zwar in der traditionellen Old Time String Band-Besetzung spielt (Banjo, Mandoline, Fiddle, Gitarre, Stehbass), sich aber auf inzwischen vier LPs in allen möglichen anderen Musikrichtungen austobt.

Zur Erklärung unseres Smalltalk-Einstiegs: Chris Thile & Co waren für ihre Interviews in Hamburg, als über der US-Ostküste gerade ein Rekordwintersturm niederging

Chris Thile: Hallo, wie geht’s?

Prima, danke. Deinerseits?

Auch sehr gut, dies ist ein guter Tag.

Nicht eingeschneit, wie Du es jetzt in den Staaten wärst. Ihr habt den richtigen Zeitpunkt für eure Reise gewählt.

Oh ja, überall ist es wohl zur Zeit besser als an der Ostküste.

Ich habe mich gefreut auf dieses Gespräch, denn ich muss sagen, ich bin ein Fan.

Oh, Vielen Dank!

Punch_Brothers_The_Phosporescent_BluesSagt dir der Ausdruck „Galacticos“ etwas?

…Galacticos?

Es gab eine Ära beim Fussballverein Real Madrid, da kaufte man sich dort alle Weltstars zusammen.

Oh, aha!

Und ich glaube, deine Band, das sind die Galacticos des Folk!

Oh, Danke, haha! Jetzt fällt es mir auch wieder ein – das war, als sie dort Ronaldo kauften, richtig? Und…

…Zidane, und Figo, und Beckham und Michael Owen…

Ja, ich erinnere mich. Die Galacticos des Folk. Haha, danke, das bedeutet mir ne Menge!

Du bist nun mal das Wunderkind der Mandoline, und Noam Pikelny beschreibe ich immer so: Der spielt schneller Banjo, als ich HÖREN kann!

Hahaha! Ja, seine Finger leisten echt Überstunden.

Das erste Mal seid ihr mir aufgefallen, als ihr mit „Movement & Location“ bei Conan O’Brien aufgetreten seid. Ich habe mir damals direkt ein paar eurer Platten im Downloadstore geholt. Meine Frage deshalb: Bemerkt man nach solchen Shows direkt die Auswirkungen? Plötzliche Ausschläge im Verkauf, solche Dinge?

Also, heutzutage merkt man vielleicht nicht unbedingt das plötzliche Plus im Verkauf, denn die Leute kaufen ja leider heutzutage nicht mehr so viel Musik. Aber man merkt auf jeden Fall, dass die Aufmerksamkeit steigt, weltweit sogar. Man sagt uns oft „Wir haben Euch bei der Jools Holland Show gesehen“, oder bei einer anderen TV-Show, oder man hat uns bei einer der großen Radioshows gehört. Man spürt definitiv eine Wirkung, und das ist ja auch der Grund, warum man solche Shows mitnimmt.

Die Leute, sie… lieben einfach Musik, immer noch. Auch wenn alles sich geändert hat, mit dem Internet – was die Musik angeht und eigentlich ALLES – trotzdem verändern sich die Menschen selbst nicht wirklich. Auch wir lieben Musik und es gibt heute so viel davon, sie ist heute so leicht zu bekommen. Aber es gibt so wenige Filter, was gleichzeitig etwas Gutes und etwas Schlechtes ist. Manchmal stürmt so viel Musik auf einen ein, dass man gar nicht dazu kommt, das zu finden, was man wirklich liebt, und wir geben uns mit dem zufrieden, das wir ganz okay finden. Das ist dann der Wunsch, den man hat, wenn man so eine Show spielt: Dass man ein Podium hat, sich darzustellen – und dass Leute, die aufnahmefähig sind für unsere Art Musik, sie so kennenlernen können.

Wenn du sagst, heute gibt es so viel Musik – viel davon stammt ja von Dir, haha! Du spielst auch noch in Nickel Creek, hast Soloplatten gemacht, zwei Duos am Laufen (mit Michael Daves bzw Edgar Meyer), du hast deine Klassik-Projekte… die meisten Bands, die ich interviewe, veröffentlichen alle zwei Jahre ein Album. In der Zeit machst du vier oder fünf! Was ist dein Geheimnis? Schläfst du nie? Gehst du nicht auf Tour?

Oh, ich toure sehr viel! Aber… Musik ist… sie ist für mich wie Atmen. Ich MUSS es tun. Mir geht es abends nicht gut, wenn ich keine Musik gemacht habe. Das muss sich natürlich auf mein kreatives Output auswirken, wenn es mir schlecht geht, wenn ich nicht wenigstens ein bisschen was getan habe. Ich tue also sehr viel, und ich setze mich dabei auch selbst unter Druck. Ich erwarte viel von mir…

Vielleicht gelingen dir immer die ersten Takes, wenn andere Bands zig Aufnahmen brauchen, weil du einfach ein Virtuose bist?

Ha, schön wär’s! Klar brauche auch ich mehrere Takes! Also, manchmal, da klappt es – auf unserer neuen Punch Brothers Platte, da ist der eine oder andere komplette Take auf der Platte, „Boll Weevil“ zum Beispiel. Aber… naja, ich habe immer einen Sound im Kopf, den ich versuche, hinzukriegen. So ist das auch mit der Band, wir haben einen bestimmten Sound in unserem gemeinsamen Kopf – und die Aufnahme soll diesem Sound möglichst nahe kommen. Und wenn diese Platte jetzt etwas von unseren früheren Platten unterscheidet, dann dies: Diesmal waren wir bereit, wirklich ALLES zu tun, damit die Aufnahme und der Klang in unserem Kopf überein stimmten. Wir haben diesmal mehr Studiotechnik eingesetzt. Es dauerte länger als normal. Aber was jetzt, zur Frage zurück kommend, was den Umfang meines Output angeht – ich kann einfach nicht anders. Ich MUSS all diese Musik machen. Anders kann ich’s nicht sagen.

Ich denke mir, dass die zeitliche Koordination all der Projekte ein Problem ist.

Das ist in der Tat ein großes Problem. Letztes Jahr habe ich so viel gearbeitet, das war zu viel. Ich will ein bisschen kürzer treten, mehr über Musik nachdenken. Ein bisschen mehr Input rein- und weniger Output raus lassen.

Punch_Brothers_Pressebilder_04Kommt es vor, dass die Punch Brothers sagen: Mann, MUSST du ausgerechnet jetzt mit Nickel Creek touren?!

Ich glaube viel mehr, sie haben sich gefreut über die Pause. Wir haben uns so lange nur auf die Punch Brothers konzentriert – was ein weiterer Grund ist, warum ich glaube, dass dies eine besondere Platte für uns ist. Dies ist die erste Platte, die entstand, nachdem wir mal eine spürbare Zeit voneinander getrennt waren. Diesmal sind wir nicht unmittelbar nach Ende der Tournee sofort wieder ins Studio gegangen, sondern haben uns erst mal Abstand voneinander genommen. Dann haben wir uns ein paar Städte ausgesucht, in denen wir uns für Schreibe-Sessions trafen. Da hingen wir dann gemeinsam rum, in der Frühe machten wir uns Kaffee und gingen gleich an die Arbeit. Und wir schrieben in einer sehr gemächlichen Geschwindigkeit. Am Ende hatten wir ca 60 Schreibtage angesammelt, über ein ganzes Jahr verteilt. So viel Zeit hatten wir noch nie! Wir waren für eine Woche hier, dann wieder einen Monat voneinander getrennt, und trafen uns woanders wieder. Da konnte man dann auch mit einem gewissen Abstand auf die Arbeit schauen und sagen: Hey, dies hier mögen wir immer noch – aber das und das dort, das ist letztlich nicht so begeisternd, das lassen wir liegen oder überarbeiten es noch mal. Oder, wenn wir was prima fanden, fanden wir vielleicht trotzdem noch Aspekte, die man verbessern konnte. Die Songs, sie entwickelten sich gemeinsam, sie entwickelten sich sehr langsam und deswegen, glaube ich, passen sie so gut zusammen. Weil es alles kleine einzelne Vignetten oder Variationen eines übergeordneten Ganzen sind. Und das ist ein Unterschied zu unseren früheren Alben. Wir taten definitiv unser Bestes, dass diese Alben als ganze Alben zusammen passten, aber letztlich waren es alles Sammlungen einzelner Songs. Die neue Platte aber, das ist ein ALBUM. Und die Tatsache, dass die Jungs und ich voneinander Abstand hatten, das half uns, genau zu bestimmen, was wir gemeinsam tun wollten.

Welche Städte habt ihr Euch denn ausgesucht für Eure Bandmeetings?

Zuerst waren wir in Charleston City, Carolina. Eine magische Stadt. Die Stadt kann ich nur jedem ans Herz legen, es ist ein toller Ort, um abzuhängen. Die Umgebung ist herrlich, es ist einfach ein Ort, der eine Magie hat. Da fingen wir an, dann machten wir einen anderen Aufenthalt in den Rocky Mountains von Colorado, in einem Ort namens Telluride. Der Ort hat ein bekanntes Bluegrass-Festival, wir traten dort auf und hingen nach der Show einfach noch eine Woche Aufenthalt an. Wo waren wir noch, lass mich nachdenken. Natürlich in New York – denn, c’mon, man muss auch nach New York, oder? Was nicht geklappt hat, das war, nach Europa zu kommen. Das war eigentlich der Plan, aber ich wette, das klappt beim nächsten Album. Dieses Mal hat es zeitlich nicht hingehauen. Jedenfalls, ich kann gar nicht genug über die Vorzüge solcher Schreibe-Sessions schwärmen. Wenn man den Rest der Welt einfach Rest der Welt sein lässt und nur mit seinen besten Freunden etwas erschafft.

Spiegeln sich die Orte, in denen ihr wart, irgendwie in den Songs? Klingt ein Song, den man in Charleston schreibt, anders als einer, den man in den Rockies schreibt?

Glaube ich nicht… das ist zwar denkbar, aber uns ging es mehr darum, an einem Ort zu sein, an dem wir uns wohlfühlen. Es ging darum, alles, was einen von außen stören könnte, auszuschalten, damit man sich umso mehr aufeinander fokussieren konnte. Es war nicht so, dass wir den Tag in der Stadt verbrachten und dann zurück ins Studio für die Musik kamen. Zwar kann ich nicht definitiv sagen, dass die Lieder NICHT klangen wie die Orte, an denen wir waren. Aber ich denke, dass auch die verschiedenen Orte sozusagen nur verschiedene Varianten der gleichen Melodie singen. Auf dieser Platte haben wir etwas ausgedrückt, das uns am Herzen lag… gleichzeitig, wenn man in einer Stadt ist, dann wird diese Stadt auch irgendwie ein Bandmitglied.  Hmm, das war eine sehr lange Antwort, um letztlich nur zu sagen: Ich weiss es nicht wirklich.

Punch_Brothers_Pressebilder_02Gitarristen sammeln ja oft Gitarren. Hast du eine Mandolinen-Sammlung? Und welches ist deine sonderbarste Mandoline?

Nein, ich habe keine richtige Sammlung. Ich habe zwei Mandolinen, die besser sind als der Rest, die spiele ich einfach am liebsten. Ich habe noch die eine oder andere, aber die habe ich nicht wirklich einer Sammlung einverleibt, sondern sie alle waren mal zu einer bestimmten Zeit mein Hauptinstrument. Ich spiele immer die gleiche Mandoline, bis ich eine finde, die besser ist. Ich habe so was wie einen idealen Mandolinen-Klang im Kopf, den ich suche. Ich bin noch nicht hundertpro dort, aber ich komme ihm immer näher.

Hast du deinen eigenen Mandolinen-Bauer?

Nein, habe ich nicht. Es gab einen Typen namens Lloyd Lore, der für die Gibson Fabrik in den frühen Zwanzigern Mandolinen gebaut hat. Ich finde, er hat es bisher besser hingekriegt als alle anderen.

Der Stradivari unter den Mandolinen.

Ja, genau. Es gibt nur ein paar hundert von ihm – und nicht alle sind großartig gelungen, aber seine besten, das sind die besten der Welt. Davon habe ich zwei, und die liebe ich, so richtig. Manchmal, ganz manchmal verwende ich auch andere Mandolinen, aber nur des Effekts wegen, die muss dann schon drastisch anders klingen. Aber alle Songs, die es letztlich auf die neue Platte geschafft haben, habe ich auf meinen Haupt-Mandolinen gespielt. Es gibt noch fünf Songs, die übrig geblieben sind, und die wohl nachträglich als EP erscheinen, da spiele ich zwei andere Mandolinen.

Wo ich gerade „Stradivari“ gesagt habe – gibt es einen ähnlichen Markt für Mandolinen? So eine Stradivari ist ja unendlich wertvoll, und wenn es auch nur wenige Lloyd Lores gibt, sind die doch sicher auch sehr gefragt.

Ja, das sind sie, auf jeden Fall. Allerdings, für eine echte Stradivari mit Stammbaum legt man 5,6 Millionen Dollar hin – bei einer absoluten Spitzenmandoline sind es nur etwa 200.000,- $. Sie sind also sehr wertvoll, aber lange nicht so wertvoll wie Geigen, was natürlich auch Sinn macht, die Mandoline ist ja nun einmal längst nicht so populär.

Wobei du ja sicher jemand bist, der die Popularität dieses Instruments enorm fördert, auch in der Welt der Klassik.

Vielen Dank – aber ehrlich gesagt denke ich nie so nach über die Mandoline. Denn das wäre ja, als würde ein Schnitzer sich große Gedanken über seinen Hammer machen, anstatt über das Kunstwerk, das er gerade bearbeitet. Die Mandoline, sie ist nur mein Meißel, haha, sozusagen. Für den Marmorblock, der die Musik ist, die ich versuche, zu schaffen. Deswegen – klar, dieser Meißel, er ist mich wichtig. Aber er ist mir halt nicht annähernd so wichtig wie die Skulptur, die ich schaffen will, also der Song, den ich versuche zu schreiben.

Na, dann reden wir doch mal über Songs. Normalerweise packen Bands an die erste Stelle ihres neuen Albums den Song, den sie für den Singlehit halten. Ihr aber habt eine zehnminütige experimentelle Klangwanderung an diese Position gestellt – was vom Hörer einiges abverlangt, nicht zuletzt Geduld – die ja heutzutage nicht selbstverständlich ist. Ihr hattet ja sicher einen Grund, so zu verfahren?

Naja… es war einfach der richtige Song für den Anfang. Es war einfach das Richtige. Dies war die Musik, die diese Platte eröffnen musste. Wir alle wussten, dass das kommerziell keinen Sinn macht. Ein Album mit einem zehnminütigen Abenteuer zu beginnen, wer macht denn sowas! Andererseits, die Punch Brothers… wir werden nie Justin Timberlake sein. Das ist nicht unser Ziel. Klar, wir freuen uns über jeden Hörer, den wir kriegen, und wir suchen sie, die Ohren, wir wollen so viele Ohren wie möglich für unsere Musik finden. Gleichzeitig glauben wir, … hmm … eigentlich ist es ganz einfach: Die Jungs und ich, wir sind keine Musik-Nebenbei-Hörer. Deswegen machen wir Musik nicht zum Nebenbei-, sondern zum Zuhören. Und ich glaube, Musiker die es ernst meinen, müssen Musik so machen, wie sie sie auch hören. Auch wenn die Musik dann nur an ein spezifisches Publikum einer einzigen Person gerichtet ist (an einen selbst), ist doch diese Person die einzige, in die man wirklich herein hören kann. Man muss sich selbst glücklich machen. Du musst die Musik machen, die DU. LIEBST. Das ist das Allererste. Danach erst kannst du dir Gedanken machen, wie du diese Musik anderen Leuten darbringen sollst.

Punch_Brothers_Pressebilder_03Wir haben also Musik gemacht, die wir wirklich mögen, die wir wirklich lieben. Und das diktiert dann quasi auch die Reihenfolge, in der die Musik auf dem Album erscheint. Wenn sich Leute hinsetzen und die Platte anhören, dann ist das einfach die korrekte Reihenfolge. Weil ich glaube, ich würde mich nicht wohlfühlen, wenn ich einen anderen Song an Platz Eins stellen würde, nur um ein paar Zuhörer zu bekommen. Denn wenn es uns um mehr Zuhörer ginge – dann würden wir einfach mehr Musik machen, die so klingt wie andere bekannte Musik. Und darauf habe ich keine Lust!

An einem bestimmten Punkt muss man sagen: Wo ziehe ich die Linie? Ist mein Ziel, Musik zu machen, die möglichst vielen Leiten gefallen soll? Oder ist mein Ziel, die bestmögliche Musik zu machen, die ich erschaffen kann? Und unser Ziel, das ist, die beste uns mögliche Musik zu machen. Nicht, weil wir Musik machen wollen, die weniger Leute erreicht. Ich glaube, die beste Musik, die sich über die Zeit beweist, wird einen jeden auf seinem Level erreichen. ich meine, nimm Mozarts 40ste Symphonie (singt die Melodie)! Das ist Musik, die den größten Musikgelehrten begeistern muss, aber gleichzeitig hat ein Teenager in der Mall die Melodie als Klingelton! DAS ist für mich das goldene Ideal! Womit ich nicht sagen will, dass das, was ich oder die Punch Brothers bisher gemacht haben oder je machen werden, auch nur ein Tausendstel so gut sein wird wie Mozart. Aber man sollte ja trotzdem nach diesen Sternen zielen, oder? Klar fragt man sich immer, ob man den Hörer auch so erreicht. Ich meine, wir unterhalten uns gerade, und schon ringe ich nach den Worten, die das rüberbringen sollen, was ich meine. Das Ganze tun wir musikalisch. Wir verändern nicht unsere Aussage. Man verändert mal ein Wort, aber nicht die Bedeutung. Aber im Ernst, wenn wir einen anderen Song genommen hätten, hätte das die Bedeutung der Platte verfälscht.

Ich glaube, du hast gerade wieder ein paar Fragen beantwortet, die ich erst noch stellen wollte – zum Beispiel, als du eben sagtest: Es interessiert euch nicht, so zu klingen, wie andere Bands schon klingen. Ich bin nämlich online auf eure Cover-Version von „Reptilia“ von den Strokes gestoßen.

Ah, ja.

Ich finde die Version sensationell. Weil sie mir erst die Augen geöffnet hat, was das Lied eigentlich für eine ausgefuchste Komposition hat.

RICHTIG, was? Genau, genau, den Leuten fällt oft gar nicht auf, mit was für krass interessanten Kontrapunkten die Strokes manchmal arbeiten!

Ich bin auch Indie-DJ, und ich würde eure Version supergerne auflegen und wünsche mir deshalb einerseits, dass ihr die Nummer mal proper aufnehmt. Andererseits verstehe ich: Wenn ihr das tut, landet ihr vielleicht in der Schublade: „Das sind die, die die Strokes mit nem Banjo gecovert haben!“

Ganz genau. Was wir aber getan haben, war, dass wir auf der letzten Platte unsere Version von Radioheads „Kid A“ aufnahmen. „Reptilia“, das haben wir bisher nur live gespielt, denn du hast Recht, wir haben uns da sehr nah ans Original gehalten. Wir dachten einfach, das ist ein Song, bei dem es den Leuten Spaß machen wird, ihn mal in einer Variante zu hören, die den Fokus auf etwas anderes legt – denn die Strokes, das ist eine Band, bei der man zuerst auf die Attitüde achtet, und diese coole, rebellische Attitüde überstrahlt alles so, dass man manchmal gar nicht auf die Musik selbst aufpasst. Aber wenn wir unsere „Reptilia“-Version im Studio aufnehmen würden, würden wir nicht wirklich was Neues mit dem Song anstellen. Und das ist der Unterschied zu unserer Version von „Kid A“. Da fanden wir, dass wir etwas Neues aus dem Track heraus holten. Zum einen, weil wir’s mit akustischen Instrumenten einspielten. Dann haben wir ganz genau überlegt, welche der Klänge wir wiedergeben wollten. Wir wir den Song als Komposition neu erschaffen, nicht als Klang- und Geräusch-Sammlung. Also, das Original finde ich unglaublich, und ich will nicht sagen, dass unsere Version gleich gut wäre. Aber ich denke, es war eine interessante Umsetzung eines interessanten Musikstücks.

Ein Unterschied ist natürlich, dass „Kid A“ kein Hit ist – das Lied hätten die Kids auf dem Dancefloor nicht wiedererkannt, weil schon das Original dort nicht gelaufen wäre.

Stimmt, klar.

Nach welchen Kriterien pickt ihr eure Coverversionen? Dieses Mal sind klassische Komponisten drauf, Debussy und Skrjabin. Letzteren kannte ich gar nicht, ich habe mich jetzt über ihn schlau gemacht und bin sehr froh, dass ich’s getan habe. Der Typ war ein echtes Original, Synästhetiker…

Genau – was für ein bizarrer Kollege! Ich kannte ihn auch nicht, bis Noam, unser Banjospieler, uns das Stück vorgestellt hat: „Hört euch DAS mal an!“ Das Debussy-Stück war ein Solo-Piano-Stück, das ich ins Bandmeeting mitnahm und fragte: „Sagt mal, meint ihr, wir können das als Band umsetzen?“ Die Anderen liebten es genau so wie ich, und dann verbrachten wir ein paar Tage damit, es für uns fünf zu arrangieren. Ich meine, wir haben ja für unser Live-Set schon viele Songs gecovert, einfach nur, weil wir den Song halt lieben, und das Lied etwas ist, das wir so nicht geschrieben hätten. Aber wenn wir einen fremden Song auch mit ins Studio nehmen und aufnehmen, dann deshalb, weil wir das Gefühl haben, etwas entdeckt zu haben in dem Song, das wir den Leuten zeigen wollen. Wobei wir nichts wiederholen wollen, weder andere Leute, noch uns selbst. Wir hoffen nur, dass wir eine neue Sichtweise finden auf das Musikstück, das wir präsentieren.

Punch_Brothers_Pressebilder_01Das Debussy-Stück zum Beispiel, es ist himmlisch, auch nur auf Klavier. Aber wenn ich es anhörte, dann hörte ich in meinem Kopf dazu noch all diese anderen Stimmen – und dass das Klavier, es hat natürlich einen bestimmten Klang. Aber ich wünschte mir beim Hören, dass dieser Klang breiter aufgefächert wäre, dass all diese Melodien für sich hervorgehoben werden könnten. Also war die Frage: Was wäre, wenn jeder dieser Parts von einem anderen Instrument übernommen werden würde, so dass man sich besser auf diese Einzelteile fokussieren kann und sie alle einen anderen Charakter kriegen? Das ist also so der Gedankenprozess, der reinspielt, wenn wir einen Song picken, um ihn als Coverversion aufzunehmen.

Ich habe mich gefragt, was ihr wohl mit den Punch Brothers nicht covern könnt. Ich dachte an Dubstep oder Death Metal. Oder habt ihr das auch schon probiert?

Hahaha – weißt du was, ich möchte das nicht mal ausschließen! Es hängt davon ab, ob die Jungs und ich eine Verbindung zu dem Stück finden. Wenn wir es lieben, würden wir es versuchen. Aber klar, nicht jede Coverversion funktioniert auch. Aber angenommen, wir würden es probieren und daran scheitern, dann läge es nicht am Musikstil. Es läge an was anderem. Ein Genre oder ein Musikstil, das ist letztlich immer eine Sache der Orchestrierung. Es ist der Klang bestimmter verschiedener Instrumente, und die Ästhetik der Textur. Es hat nicht wirklich was zu tun mit dem Skelett des Songs. Was ist die Melodie, was ist der Rhythmus, was ist die Harmonie, was ist die Form? DAS ist es, was einen Song zum Song macht. Nicht die Instrumente, auf denen man ihn spielt.

Euer Album hat einen thematischen roten Faden: Die Art und Weise, wie wir heute kommunizieren, mit unseren Smartphones etc. Ich glaube, du hast es vorhin angesprochen, als du meintest, wir Menschen würden uns nicht so stark verändern wie die Technologie um uns herum. 

Ich habe leider gerade das Signal bekommen, dass ich gleich Schluss machen muss – aber lass mich das eben noch beantworten.

Wir als Menschen sind so wie immer, aber wir lassen es zu, dass unsere Leben durch diese Technologien sehr stark verändert werden. Weil es immer so gewesen ist, vor den Smartphones waren die PCs, davor kamen die Fernseher, davor kam… die Glühbirne und das geht zurück bis zum Rad. Alles ist ein neues Gut, aber auch ein neues Hindernis. Haha, ich bin mir sicher, dass selbst, als damals zum ersten Mal jemand etwas zum Rollen gebracht hat, auch da wird es Leute gegeben haben, die meinten „Das verändert alles, ich weiss nicht, ob wir dafür bereit sind!“ Wichtig ist einfach nur, dass wir im Auge behalten, was uns wirklich glücklich macht und uns ausfüllt, und das wir ein pulsierendes Leben führen. Als Beispiel: Nie war es einfacher, mit Leuten in Verbindung zu bleiben – aber dafür nehmen wir diesen menschlichen Austausch untereinander auch für selbstverständlich. Einerseits sind wir mehr verbunden, andererseits ist diese Verbindung vielleicht eine schwächere. All diese Technologie kann uns, so sehr sie uns näher bringt, auch stärker isolieren. Wir sind mit der gesamten Welt verbunden, aber die Verbindung hat sich trotzdem reduziert auf ein kleines flackerndes Viereck in einem dunklen Zimmer. Wir wollen die neuen Technologien auf dem Album nicht schlecht machen, aber wir wollen uns die Frage stellen: Wie gehen wir damit richtig um? Wir nehmen hier quasi unsere Temperatur: Führen wir ein lebhaftes Dasein? Lieben wir lebhaft? Darum geht das Album.

Okay, dann vielen Dank für dieses sehr nette und interessante Gespräch! Darf man sich denn Hoffnungen auf ein Konzert in München machen? 

Das ist etwas, das wir sehr bestimmt in Angriff nehmen wollen! Wir wollen jetzt endlich mal in Deutschland spielen, eine richtige Tour, bei der wir all die großen Städte mitnehmen! Also, ja! Auch wenn ich noch nicht sagen kann, wann es passieren wird.

Na, da freue ich mich drauf! Vielen Dank und Cheers!

Prima Interview, vielen Dank! Bye Bye!

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