Interview: Sturgill Simpson

Header SturgillDieser Typ ist ’ne Sensation. Sturgill Simpson hat meine Lieblingsplatte des Jahres 2014 gemacht und mir eine neue Welt erschlossen: Seit ich seine Musik kenne, habe ich mich wieder neu ins Thema Country (die traditionelle bzw. alternative Variante) reingebissen. Im September war ich dann in Stockholm, um den Mann, der Country mit seinen zwei Alben gerade einen Adrenalin-Schuss ins Herz verpasst hat, vor seiner Show im Bryggarsalen fürs Classic Rock Magazine zu treffen.

Das folgende Gespräch dreht sich erst um Sturgills Musik, artet aber bald ins Politische aus. (Sorry, dass ich auf dem Gebiet immer nur so Halbwissen rauspusten kann.) Jedenfalls, was für’n Typ!
Als ich mein Aufnahmegerät anschalte, bedauert Sturgill gerade, noch nicht in Deutschland gespielt zu haben.

Sturgill: …Mann, ich war echt unhappy, dass wir wieder keine Show in Deutschland auf dieser Tour hatten. Ich hatte dem Label spezifisch gesagt, dass wir in Deutschland spielen wollen.

ich: Aber in Amsterdam warst du neulich, richtig?

Ja, in Amsterdam war ich, und es war sogar rammelvoll – ich war solo da. Wenn ich die Band dabei gehabt hätte, das wäre sicher ne richtig ordentliche Show geworden!

Ich wollte schon die Amsterdam Show besuchen, aber das hat dann nicht geklappt. Dann sah ich, dass du nach Stockholm kommst, und das war auch eine Gelegenheit, um Freunde zu besuchen, also bin ich hier.

Nun gut. Ich glaube, du hörst gleich dein Lieblingskompliment von mir. Du hast wiederholt gesagt, dass du gerne hörst, wenn Leute zu dir sagen „Ich wusste gar nicht, dass ich Country mag!“

Hahaha, ja, das ist in der Tat mein Ziel. Neue Leute zu erreichen. Denn meistens, wenn Leute sagen, sie mögen keinen Country, dann meinen sie die Art von Country, die mir genauso am Arsch vorbei geht. Also ist das immer schön zu hören.

01 Sturgill simpsonAlso, das was man „alt.Country“ nennt, habe ich schon immer mit verfolgt…

Mm-hmmm.

Ansonsten war’s halt immer vor allem Indie- und Alternative-Kram, den ich höre. Aber ich muss ganz ehrlich sagen: Ich hab’ deine Platte gehört – und auf einmal so, „Whoah!“, hat sich mir eine neue Welt aufgetan. Dann habe ich versucht, was über dich im Netz zu finden und stieß auf die Website „Savingcountrymusic“. Hier finde ich fast wöchentlich jemand, der brandneu für mich ist!

Ja, das ist echt eine gute Quelle, um gute Country Music zu finden. Diese Musik scheint schon auch ein bisschen mehr… in Mode gekommen zu sein. Mir fällt gerade kein besserer Ausdruck dafür ein. Es gibt mehr von diesem Sound zu finden in den letzten zwei Jahren.

Ja, das Gefühl habe ich auch, Deswegen fand ich auch, das Thema sei relevant genug, um es dem Magazin anzubieten, für das ich dieses Interview jetzt führe. Country scheint an einem Punkt zu sein, an dem es sehr spannend wird, wo er sich hin entwickelt.

Ja, da stimme ich zu. Stimmt.

(Sturgills Gitarrist Laur Joamets will sich mit seiner Freundin an den Tisch setzen, hält inne.)

Laur: Hoppla, du gibst ein Interview.

Sturgill: Setz dich ruhig, du kennst die Stories doch eh alle schon.

Ja, mach doch mit! Erzähl uns was von der estnischen Country-Szene!

Laur: Na, wenn ich das tun wollte, dann müsste ich aber sehr leise sein!

Sturgill: Die nicht-existente Country-Szene in Estland.

Es ist schon sonderbar, wie verschieden es ist in Europa. In Holland zum Beispiel ist Country ein Riesending. In Deutschland, da ist das, was du machst, schon eher ein Underground-Thema.

(Laurs Freundin): Beim Grand Prix d’Eurovision-Beitrag lief doch ein Country-Song sehr erfolgreich.

Den würde ich jetzt eher als Americana bezeichnen, aber stimmt. Und genau, der Titel kam aus Holland.

(Laur und Freundin setzen sich dann doch wieder abseits)

Ich habe den Ausdruck „Alternative Country“ verwendet, fühlst du dich diesen Musikern näher als Radio-Country-Musikern?

Naja, wenn du „Alternative Country“ sagst, von was sprichst du dann?

Naja, ist ein weites Feld, schätze ich.

Also, den Ausdruck alt.Country, den muss ich wohl zum ersten Mal in den 90s gehört haben. Uncle Tupelo, solche Bands.

Whiskeytown…

Whiskeytown, genau. Nun, wenn diese Bands heute raus kämen, würde man sie „Americana“ nennen. Deswegen achte ich nicht so sehr auf diese Bezeichnungen. Und um deine Frage zu beantworten, ganz ehrlich achte ich zur Zeit überhaupt nicht mehr besonders auf die Musik anderer Leute. Ich meine, klar wird sicher eine Menge tolle Musik gemacht. Ganz offensichtlich kommt man an jemand wie Jason Isbell zum Beispiel gar nicht vorbei, selbst wenn man wollte. Aber vor zwei Jahren etwa habe ich mich bewusst entschieden, mir nichts mehr anzuhören, das irgendwie neu ist. Denn ich habe meine Karriere so spät begonnen – da gibt es so viele Einflüsse in meiner Musik aus meinem Leben bis jetzt, die ich rüber bringen will, dass ich denke, wenn ich jetzt was Neues höre, dann landet das am Ende nur auch noch in meiner Musik. Also habe ich das alles abgestellt. Deswegen könnte ich dir nicht sagen, welchen aktuellen Künstlern ich mich verbunden fühle. Ich habe noch nicht mal „The Southeastern“ komplett durchgehört! Dabei ist Jason ein Freund von mir und sein Producer Dave Cobb ist ebenfalls ein Freund von mir. Ich weiss natürlich, dass das großartige Musik ist. Aber ich will auch nicht, dass ich in diese Stimmung komme „Ich muss jetzt einen Song schreiben!“ und dann klingt er genau so!

Du hast viel Aufmerksamkeit bekommen für dein Album. Ich meine, heute tretet ihr in Stockholm auf! Letzte Woche hast du einen Award gewonnen, bei den Americana Awards. 

Ja, das war ein verrücktes Jahr. Ein surreales Jahr. Schwer zu sagen. Ich will nicht undankbar rüberkommen, …aber, naja, ich bin froh, dass mir das alles erst jetzt mit 36 passiert. Nicht mit 23. Denn wenn du jünger bist, dann steigt dir sowas vielleicht zu Kopf. Dann bildest du dir am Ende ein, das hätte etwas zu bedeuten. Ich empfinde das alles viel mehr als Ablenkung. Ich sollte mich doch wirklich nur darauf konzentrieren, die besten Songs zu schreiben, die mir möglich sind und die die besten Platten aufzunehmen, die ich kann.

SturgillSimpson_by_Crackerfarm_2Ja, ich habe ein Interview gesehen, in dem du dich vorgestellt hast als „Truckdriver, der auch Songs schreibt.“

Ja, hehe. Genauer gesagt ein Tourbusfahrer. Der halt nur abends zufällig auch noch Musik spielt. Ja, das ist schon komisch. Auch in den Staaten ist es jetzt ja erst in den letzten Monaten los gegangen. Auf einmal spielen wir all die ausverkauften Konzerte, und hunderte und aberhunderte Leute kommen und kennen die Texte – das ist alles sehr neu für mich. Obwohl ich dies ja mit Unterbrechungen eigentlich schon mein Leben lang tue. Aber vorher halt praktisch nur für meinen eigenen Spaß. In Bars aus der Gegend, mit Bands aus der Gegend – oder für mich alleine, zu Hause. Diese Vorstellung, dass ich jetzt tatsächlich Musik als Beruf betreibe, damit komme ich gerade erst klar. Ja, es gab viel Aufmerksamkeit. Und auch viel Hype. Aber all dem versuche ich, aus dem Weg zu gehen. Denn das, was mir bei dem ganzen am wenigsten Spaß macht, das ist all diese Aufmerksamkeit. Macht das Sinn?

Doch, das macht es. 

Ich bin halt eine sehr private Person. Ich geh nicht mal gerne aus dem Haus.

Das kommt ja erstaunlich oft vor bei Sängern.

Sicher.

Es sind oft extrem introvertierte Leute, die es dann es aus irgendeinem Grund leichter finden, auf einer Bühne ihre Gefühle und Ansichten zu vermitteln als im Gespräch.

Ich bin immer sehr vorsichtig, was ich sage, denn es ist schon knifflig. Bei dieser letzten Platte jetzt, da haben mich natürlich viele Journalisten gefragt: „Wovon sprichst du hier?“ Aber man spielt da mit einer Idee, in einem Song, oder spielt eine Rolle in einem Song, und oft genug werden diese Worte dann dir als Person auf den Leib geschnitten. Dann wird gesagt, dass du diese Person bist. Und okay, klar, ich habe ein Interesse an Philosophie. Ich bin vermutlich nicht der archetypische amerikanische Country-Sänger, auch was andere Themen und Denkweisen angeht. Aber ich versuche, da nicht zu viel drüber zu reden. Denn ich will keine Probleme kriegen, und wenn ich was zu sagen habe, versuche ich es halt im Song zu sagen.

Das hatte ich mir natürlich notiert, diese Themenvielfalt, die du behandelst. Du ragst nun mal wirklich heraus mit diesen Texten, die so komplett untypisch sind – gerade für Country.

Ja, das stimmt sicher. Es ist insofern nicht verwunderlich, dass die Leute so extrem darauf reagieren. Aber das war halt, was in meinem Kopf herumschwirrte, als ich die Songs schrieb. Das war, wofür ich mich interessierte, worüber ich las. Diese Idee, all diese Gedankengänge in etwas so Simples wie eine Country-Platte zu übertragen, diese Herausforderung, die fand ich einfach echt spannend. Ich meine, es ist ja immer noch ganz klar ein Country-Album. Es sind halt nur ein paar andersartige Songs darauf… ich las viel über alte Hindu-Kosmologie, und tibetanischen Buddhismus. Da gab es ein paar Ideen und Konzepte, die ich immer sehr spannend fand und die ich irgendwie einbringen wollte – in einen Country-Song. Mir fällt niemand ein, der so etwas schon mal gemacht hätte, also dachte ich mir: Das wird Spaß machen. Ich habe mit meinem Producer Dave Cobb darüber geredet, und er ist ein enger Freund von mir, er meinte nur: Klar, mach, was du für richtig hältst! Danach haben wir dann versucht, diese Ideen auch klanglich einzufangen. Ich denke: Die Songs dienen dem Album, aber das Album dient auch den Songs. Ach, mir macht es einfach nur Spaß, Platten zu machen.

Ja, ich habe gelesen, deine nächsten drei Platten willst du noch im nächsten Jahr(!) heraus bringen? 

Naja, wir haben drei neue Platten, die wir machen könnten. Es ist eine Zeit- und Geldfrage. Das ist noch was, was gut daran ist, wenn man seine Karriere erst mit 35 so richtig beginnt: Es mangelt einem nicht an Ideen. Ich kann zurückkommen auf all die Platten, die ich immer schon mal machen wollte. Die damals ein unerfüllbarer Wunschtraum waren, und die ich jetzt plötzlich in die Tat umsetzen kann. Es geht jetzt ums Timing und dann um das bestmögliche Ausführen dieser Vorstellungen.

Wirst du bei den drei Alben die Songs sozusagen in drei zusammengehörige Gruppen aufteilen?

Oh, sie sind schon eingeteilt. All meine Lieblingsalben, als ich groß wurde, das waren die Art Alben, zu denen man Konzeptalbum oder Song Cycle sagen würde. Platten wie „Pet Sounds“ oder „What’s Going On“, oder all die 70s-Platten von Willie Nelson, die alle thematisch sehr zusammenhängend waren. (Sturgill bekommt sein Abendessen serviert) Oh, danke, das sieht großartig aus!

Wo waren wir? Ja, das erste Album, das waren eigentlich alles Songs, die sich auf meine Kindheit und meine Jugend beziehen. Es behandelte all die Dinge und Erfahrungen, die dazu geführt haben, dass ich zu einem Country-Singer/Songwriter wurde. Nicht gleich autobiographisch – aber  alle Songs hatten gemeinsame stilistische Elemente. Dieses zweite Album, da war es ein viel kryptischeres Konzept. Übers menschliche Bewusstsein. Über das menschliche Erlebnis.

Das heisst, dass die nächsten Platten das nicht wieder aufgreifen werden, weil du es ja diesmal schon getan hast?

Genau, ja. Ich hab’s abgehakt, und über eine Sache bin ich mir sicher: Dass ich mich auf keinen Fall wiederholen will! Ich will Alben machen mit Songs, die zusammen passen. Und wenn Labels der Meinung sind, unter diesen Songs Singles zu finden, dann ist das ihr Business, aber mir ist es egal. Ja gut. Mit der nächsten Platte können wir vermutlich im Januar anfangen.

Wir sprachen darüber, dass es spannend ist, wo der Country sich hin entwickelt. Wie ist deine Wahrnehmung?

Hm. Also, es gibt die Pop-Seite, die Mainstream-Seite. Was nicht unbedingt etwas Neues ist. Sowas hat es immer gegeben. Nun, die Radios müssen sich anpassen, um zu überleben – weswegen sie alle sich extrem fokussiert haben, auf eine sehr spezifische Zielgruppe. Und zwar auf die Leute, die einfach nur Spaß haben und tanzen wollen. In den Songs dieser Programme stecken nicht viele Gedanken, und herrje, sie machen Spaß. Sie haben das ja nicht neu erfunden, Pop hat es immer gegeben. Das hat jetzt halt nur die Welt des Country infiltriert, weil Country die Musik ist, die in den Staaten mehr Musik verkauft als jede andere. Naja, sowas wird es immer geben.

Aber wovon du vorhin gesprochen hast, es begann im Untergrund, scheinbar überall gleichzeitig. Mehr und mehr Leute sind hungrig nach den Klängen, die sie früher gerne hörten und nicht mehr finden können. Deswegen tauchen jetzt mehr und mehr Künstler auf, die das bedienen.

sturgill_simpson_by_Reto_SterchiFür Leute wie mich ist es ja sogar eine richtig neue Musik.

Stimmt, es ist wieder neu. Für junge Ohren ist es wieder neu. Für mich ist es wie mit der Evolution: Alles, was überleben will, muss sich anpassen, entwickeln, und fortschreiten. Deswegen habe ich auch kein Interesse daran, Musik zu machen die 1:1 so klingt wie die von Conway Twitty oder George Jones – denn das haben die ja schon erledigt. Vielleicht ist das auch gerade der Grund, warum das Album so gut läuft? Dass die Leute es hören und sagen: „Sieh an – das ist was, das ich so noch nicht gehört habe!“ Ich habe jedenfalls kein Interesse mehr daran, Trinklieder zu schreiben.

Ich erwähnte die Website „Savingcountrymusic“. Jüngst postete der Macher einen Beitrag, in dem er einen Nachruf auf Bro-Country schrieb. 

Ha! Echt jetzt?

Er meinte, der Markt sei von Bro-Country jetzt übersättigt.

Ein Nachruf auf Bro-Country. Den Artikel muss ich raussuchen. Also, der Typ, der den Blog macht, er heisst Trigger – er ist ein junger Typ. Und ich glaube, er ist ein echt intuitiver, guter Schreiber. Aber er muss auch immer mal Posts machen, die seiner Website Hits bringen. Ich weiss, dass er ziemlich unhappy darüber ist, dass all seine negativen Posts immer viel mehr Aufmerksamkeit und Klicks bekommen, als seine positiven. Er schreibt einen begeisterten Artikel über einen tollen jungen Songwriter – und der kriegt dann nur einen Bruchteil der Hits einer seiner Tiraden. Das muss frustrierend sein, weil ihm die Country Music wirklich sehr am Herzen liegt. Am liebsten mag ich wiederum seine satirischen Beiträge. Die sind einfach famos, er hat’s echt drauf. Die sind komödiantisch, die sind bissig. Der Artikel, von dem du sprichst, war wahrscheinlich einer von diesen.

Ich lese diese Texte auch sehr gerne, aber auch seine Reviews – weil er mir ja so viele Künstler vorstellt, die ich noch nicht kannte. So jemand wie Pokey LaFarge, der war vorher nicht auf meinem Radar.

Manchmal kommt es mir so vor, als ob der Online-Musikjournalismus der einzige übrig gebliebene echte Musikjournalismus ist. Die großen Magazine kauen oft nur nach, was sie von den Pressesprechern der Künstler vorgelegt bekommen, und dann werden nur noch Lobhudeleien geschrieben. Die Blogger können vorurteilsfrei an die Sache gehen. Klar, es gibt auch unglaublich viele aufgeblasene Wichtigtuer mit Website, die sich aufspielen und sich einbilden, man müsste sich für ihre Meinung interessieren. Aber es gibt auch großartige Schreiber da draußen, Savingcountrymusic ist einer davon, und es gibt noch ein paar andere, die aufgetaucht sind.

Bevor du als Sturgill Simpson Musik gemacht hast, warst du in einer Band namens Sunday Valley.

Hmmm – naja, das war meine kleine lokale Band. Schon verrückt, in den letzten zwei Monaten habe ich über diese Band mehr gesprochen als je zuvor in meinem Leben.

Bei all der Aufmerksamkeit, die du jetzt bekommst, fragte ich mich, ob das Album von Sunday Valley vielleicht wiederveröffentlicht wird.

Nein.

Da möchtest du den Deckel drauf halten.

Ich will nicht den Deckel drauf halten, ich bin nur damit durch. Ich war sehr viel jünger… es war doch nur eine kleine Lokal-Band in der Stadt, in der ich damals lebte. Wir waren nie auf Tour, wir haben immer nur in einem einzigen Club gespielt. Wir haben eine CD aufgenommen mit einem örtlichen Producer, aber mit der Band ist nie irgendwas passiert. Aber jetzt, wo dies hier ins Rollen kommt, graben all die Leute in der Vergangenheit und finden Zeugs auf youtube. Und sie fragen, ob ich weitere Sunday Valley Platten machen werde – und das werde ich nicht.

Ich rechne ja nicht mit einer neuen Platte. Aber die Nachfrage ist doch jetzt sicher da, weil wir halt alle interessiert sind zu wissen, wie du damals klangst.

Die Platte ist vergriffen. Aber jetzt Geld und Investitionen da rein zu stecken, dass ich etwas öffentlich machen kann, was ich aufgenommen habe, als ich jung war und blöd und ein starker Trinker, da habe ich keinen Bock zu. Ich finde einfach, es ist nicht gut genug. Es entspricht nicht dem Qualitätsstandard, den ich mir jetzt erarbeitet habe. Ich sehe ein, das ist ein bisschen selbstsüchtig.

Aber es ist ein nachvollziehbares Argument. 

Nochmal zurück auf den breiten Graben zwischen Mainstream Country und Alternative Country. Spürt man diesen Graben auch im Publikum? In den Ansichten? Es scheint mir so zu sein, dass die alternativen Musiker auch eher die alternativen Denker sind. Tja, und deine philosophische Platte zeigt dich ja definitiv als alternativen Denker.

Ein gefährliches Statement. Weiss nicht. Ja. Also, die meisten meiner Lieblings-Rock’n’Roll-Künstler… also, im Rock-Radio, da spielen sie zehn verschiedene Songs, und du hörst zehn komplett verschiedene Bands, zehn komplett verschiedene Sounds, Texturen, textliche Inhalte, Aussagen. Innerhalb einer Stunde kriegst du lauter völlig verschiedene Ansätze präsentiert. Aber im Country, da ist tatsächlich alles sehr homogenisiert. Manchmal ist es, als ob die Platte hängt, immer wieder kommt das Gleiche. Also, als ich diese Platte machte, da hatte ich gar nicht den Gedanken, dass das jetzt so progressiv oder bahnbrechend sein würde – wenn überhaupt, dachte ich, diese Platte wird das Ende meiner Karriere, alleine der Sachen wegen, über die ich spreche. Weiss nicht, es ist wahrscheinlich in der Tat ziemlich ungewöhnlich für einen Country-Sänger, über String-Theorie und tibetanischen Buddhismus zu singen. Andererseits, in welchem Genre wäre das auch typisch?

Ich muss an die Band Klaxons denken, kennst du die? 

Doch, ja.

Weil sie ihre Texte auch um solche Dinge kreisen lassen. Griechische Kosmologie, philosophische Konzepte.

Mmm-hmm.

Natürlich bin ich in der Thematik nicht so drin. Ich habe nur ein paar Schlagworte mitbekommen.

Klar. Nicht jeder steht auf diese Art Nachtlektüre. Was aber zum Beispiel die Referenzen an bewusstseinserweiternde Drogen angeht – das ist eine Textzeile, in einem Song! Und das alleine macht den Song für manche zur Drogenhymne. Also, was wir definitiv versucht haben, das war, die Platte wie eine Pink Floyd Platte klingen zu lassen. Es gibt schließlich so viele andere Musik außer Country, die ich liebe und die mich beeinflusst, das wollten wir einbauen. Aber letztlich bin ich ein Country-Singer/Songwriter, also ist Country das, was am Ende bei mir heraus kommen wird. Trotzdem finde ich nichts spannender als die Möglichkeit, mit den Sounds zu experimentieren.
Aber um deine Frage zu beantworten: Ich glaube, progressives Denken führt zu Veränderungen. Und Veränderungen sind in meinen Augen immer gute Dinge. Und dieses Essen hier, das ist umwerfend gut. Du solltest dir auch einen Teller nehmen!

Riecht in der Tat gut.

Oh Man… it doesn’t suck!

Ja, vielleicht komme ich nachher auf das Angebot zurück.

Von wo in Deutschland kommst du?

Aus München. Warst du schon mal in Deutschland?

Nein. Noch nie, und ich muss dir sagen, ich war wirklich enttäuscht, als ich gesehen habe, dass wir auch auf dieser Tour wieder nicht in Deutschland waren. Ich meine, es liegt doch fast auf dem Weg, wenn man eh schon in Skandinavien und dem UK ist.

Suchst du einen Booker für Deutschland?

Also, ich habe einen Booking-Agenten für Europa, aber vielleicht konnte er die Dates nicht in Einklang bringen. Als ich letztes Mal im UK war, war ich beim Vertrieb im Büro und habe auch einen deutschen Mitarbeiter getroffen – naja, ich möchte auf jeden Fall unbedingt dort spielen. Bei der nächsten Tour müssen wir das einrichten.

SturgillSimpson_by_Crackerfarm_3Ich sagte ja vorhin, in Sachen Country bin ich ein ziemlicher Neuling. Klar kenne ich Johnny Cash… 

Das ist doch schon mal ein guter Anfang

Hank Williams, Waylon Jennings… aber über wen arbeite ich mich am besten in die Historie? 

Oh, jetzt öffnest du Pandoras Büchse! Conway Twitty. Alles von George Jones, egal ob Frühwerk oder Spätwerk. Ray Price, Jerry Reed – ich bin auch großer Roy Orbison-Fan. Sogar Ray Charles hat mal ein umwerfendes Country-Album gemacht. Ach, da gibt’s so viele. Ich könnte dir eine 300-seitige email schreiben! Und um ehrlich zu sein, ich entdecke ja selber noch – eigentlich bin ich ja Bluegrass-Musiker. (Im großen Saal wurde Musik angemacht und ausgerechnet Stakkato-Riff-Wichtigtuer-Metal dringt seit wenigen Minuten in den Backstageraum) Sorry, ich muss mal die Tür zu machen. (kommt zurück) Das ist möglicherweise die einzige Musik, die ich auch privat NICHT höre.

Ja, ich habe diese Leute nie verstanden, die ihren Testosteron-Level demonstrieren müssen.

Die sind so wütend! Eine sehr eindimensionale Denkweise.

Ich frage mich, ob die echt so sauer sind, oder nur glauben, dass sie so tun müssen.

Mm-hm.

Wenn jemand so unbedingt den Leuten zeigen muss, wie böse und stark er ist…

… dann überkompensiert er für was anderes. Ich glaube, da hast du gerade den Nagel auf den Kopf getroffen. Jedenfalls nach den Erfahrungen, die ich mit bestimmten Bands gemacht habe. Dabei werde ich es belassen, aber ja.

Klingt aber nach einer spannenden Geschichte.

Naja, meiner Erfahrung nach – und das betrifft auch mich selbst, ich war ein sehr wütender junger Mann.

Das liegt aber nun mal auch an den Hormonen. Ich war auch mit 20 viel genervter als jetzt.

Man macht so seine Phasen durch in seinem Leben, man entwickelt sich. Und die Leute, sie alle haben ihre Lebensgeschichte mit ihren Hintergründen. Entweder sie bekennen sich dazu, oder sie geben Anderen die Schuld, oder sie verstecken sich hinter Alkohol und Drogen oder wasauchimmer – aber die Leute, die ich im Leben traf, die sehr wütend waren, das waren alles Menschen, in deren Leben es nicht viel Liebe gab. Es gibt dann diejenigen, die das kultivieren… und ich fälle da kein Urteil, aber diese Musik hat mich halt nie angesprochen. Es ist mehr so: Mensch, du hast doch schon genug Aggression in deinem Leben!

Naja, immer noch besser, sie schlagen in ihre Gitarrensaiten als sie laufen zu ISIS über.

Ja, Jungs, lasst es raus. Redet mit jemandem!

Ich würde gerne Fragen auch über die Musik hinaus stellen – ich beobachte manche Sachen der USA von Europa aus und verstehe sie einfach nicht. Vielleicht kannst du mich ein bisschen in die die zentral-amerikanische Denke einführen…

Na, ob ausgerechnet ich der Richtige dafür bin, hehe.

Trotzdem wäre es interessant, dann deine Ansicht dazu zu hören. Eine Sache, die zum Beispiel rein gar nicht in meinen Schädel will, ist die Faszination mit Schusswaffen. Hier in Europa haben wir das rein gar nicht. Ich meine, nehmen wir wieder Savingcountrymusic. Was mir da gleich auffiel: In seinem Bewertungssystem gibt er Alben nicht Sterne oder Nummern, sondern „Guns“. „1 1/2 Guns nach oben! Zwei Guns nach unten!“

Er ist aus Texas. Da ist es einfach ein großer Teil der Kultur und der Geschichte. Was Waffen angeht, will ich nicht sagen, auf welcher Seite ich stehe. Was die amerikanische Besessenheit mit Waffen angeht, lass mich sagen: Wir sind ein sehr junges Land. Ein junges Land, dessen kurze Geschichte geprägt ist von Gewalt. Es gab einen Krieg nach dem anderen. Und wir reden hier von einer Zeitspanne von nur 400 Jahren, ein kurzer Zeitraum verglichen mit der Geschichte der alten Welt. Am besten ausgedrückt habe ich es mal gelesen, als jemand schrieb: Unser Land ist wie eine sehr große Welpe, mit sehr scharfen Zähnen. Es weiss noch nicht genau, was es macht, aber es ist sehr aggressiv und hat das Potential, den anderen Hunden richtig weh zu tun. Es lernt noch und wächst noch. Ich weiss nicht, ob Waffen dabei wirklich das Hauptproblem sind. In England haben sie nicht viele Schusswaffen, dafür aber viele Messer. Da werden dann die ganze Zeit Leute angestochen. Ich denke: Wenn jemand andere Leute umbringen will, dann findet derjenige schon seine Möglichkeit. Aber klar, die Schusswaffen machen das alles noch mal extrem einfacher. In der derzeitigen Situation sieht es so aus, als seien die gefährlichsten Waffen auf dem Schwarzmarkt und in den Händen von Kriminellen. Klar, eine sehr gefährliche Kombi. Und klar, ein jeder und seine Großmutter können in den Laden gehen und ein Maschinengewehr kaufen oder ein 50-Kaliber-Zielschuss-Gewehr. Ich wüsste nicht, warum ein Durchschnittsbürger sowas brauchen sollte… auch wenn ich ungefähr verstehe, dass manche Leute auf ihr Recht pochen, kaufen zu dürfen, was sie wollen. Aber ich will so was nicht haben.

Es schafft doch eine Atmosphäre der Angst.

Genau das tut es.

Weil man mit der Furcht leben muss, dass der Gegenüber eine Waffe haben könnte.

Das können wir wirklich gut, vielleicht ist dir das aufgefallen. Wir stehen darauf, Ängste zu kultivieren. Manche Leute stehen vielleicht wirklich darauf, sich zu fürchten.

Es kommt einem echt so vor – ich meine, wir kommen total von der Musik ab, aber denken wir mal an ISIS und die Tatsache, dass sie Leute geköpft haben. So fürchterlich das ist, sind es zahlenmäßig bisher doch nur ca 5 Westler, die sie auf diese Weise getötet haben. Wenn 5 Menschen bei einem einzigen Autounfall sterben, kommt es nicht mal in den News. 

Nee, das kommt nicht in die News.

Autos sind gefährlicher als ISIS.

Die wissen aber, wie man Aufmerksamkeit generiert. Sie glauben, sie haben eine Berufung. Sie sind sehr wütend, und dies ist ihre Stimme, so werden sie gehört. Wenn sie einem Briten oder einem Amerikaner auf einem Video den Kopf abschlagen, dann kriegen sie uns dazu, dass wir ihnen zuhören.

Ich habe mal folgende Theorie gelesen: In vielen Familien im Orient dreht sich vereinfacht gesagt demnach alles um den Erstgeborenen. Er erbt alles, die späteren Söhne können mehr oder weniger sehen, wo sie abbleiben. Sie suchen entsprechend nach Möglichkeiten, sich zu profilieren.

Warum killen sie nicht einfach den Ersten? Hehe. War’n Witz.

Es ist aber auch bescheuert von mir, so generell darüber zu reden. Ich habe so viele muslimische Freunde, die völlig anders drauf sind. Es ist, als würde man über die Westboro Church reden und ihr Verhalten auf alle Christen anwenden.

Richtig, ISIS repräsentiert nicht den Islam an sich. Der muslimische Glaube ist etwas Schönes.

Im Mittelalter, da haben wir Deutschen praktisch in die Wälder geschissen, und die Moslems bauten in Spanien die Alhambra und beobachteten die Sterne.

.. und erfanden die Schrift und die Arithmetik… sie sind in der Tat der Geburtsort der Zivilisation. Aber gerade in Amerika stellt man sie gerne dar als steinzeitliche Wilde, die in Höhlen leben. Es haut einem echt den Schalter raus, mit was für Propaganda die Öffentlichkeit da gefüttert wird. Was wiederum tragisch ist, weil ja auch der Iran, Russland und alle anderen Länder wiederum ihre Meinung über die USA anhand der idealistischen Präsentationen unserer Regierung bilden. Aber viele von uns sind nun mal komplett anders drauf als die Welt denkt, vor allem, wenn man die USA beurteilt an den letzten 15 Jahren ihrer Geopolitik. Ölfirmen haben einen großen Einfluss darauf, wer im weißen Haus sitzt und welche Entscheidungen getroffen werden – weswegen, wenn man uns Videos zeigt von Leuten, die anderen die Köpfe abscheiden, unsere Antwort ist, die gesamte Region kaputt zu bomben, Raffinerien zu treffen… da fragt man sich echt… genauer, da frage ICH mich echt, was es für unser Land für eine Hoffnung geben kann.

Letztendlich wird es das, was zur Zeit passiert, nur weiter perpetuieren, weil es den Effekt bekämpft, und nicht die Ursache.

Richtig. Und es ist reaktionär. Man macht keinen Fortschritt, man reagiert immer nur auf das, was passiert. Mit Gewalt.

Oh Mann, wo hat dieses Gespräch uns hin geführt? Andererseits muss man die Terroristen aufhalten dabei, in ihrem Land Menschen zu töten.

Da stimme ich zu. Aber um es zu stoppen, muss man da ansetzen, wo es angefangen hat.

Ja… bei diesem Wunsch der westlichen Zivilisation, anderen ihre Werte aufzudrängen.

Wir haben das aber nicht erfunden. Aber wir haben es bei den Besten gelernt.

Dann wiederum gibt es die superreichen Kleinstaaten, Qatar, Dubai, wo Geld aufgrund der Ölressourcen keine Rolle spielt. Futuristische Skylines, die aber als Zivilisation komplett entsetzlich sind. Weil dort praktisch Sklaverei herrscht, eine Zweiklassengesellschaft, die die Arbeiter unmenschlich ausbeutet.

Ich war schon in diesem Teil der Welt, in den Emiraten, Dubai, Bahrain. Als ich im Militär war. Aber du hast recht, dort bist du entweder geradezu ekelhaft reich, oder du hast NICHTS. Und es gibt keine Trennung, man sieht diesen obszönen Reichtum und Prunk, und der Rest der Menschen lebt buchstäblich in Pappkartons. Ich habe keine Ahnung, wie die sich vorstellen, dass sie diese Art zu leben langfristig aufrecht erhalten wollen. Aber dann schaut man nach Amerika und sieht, dass vieles da schon genau so läuft. Schau der die Konzentration des Reichtums auf einer Tabelle an: die Reichen behalten buchstäblich alles unter sich! Es gibt keine Mittelklasse mehr in den USA. Man nennt es noch so, aber existieren tut sie nicht mehr. Ich weiss nicht, wie – es ist einfach verrückt, dass die Oberschicht dafür noch nicht größere Probleme gekriegt hat. Oh Mann, nach diesem Gespräch werde ich Probleme kriegen. Ich weiss nicht, ob du diese Konversation mit vielen anderen Country-Sängern führen würdest.

Möglicherweise mit einigen von den Leuten, die auf „Savingcountrymusic“ gefeatured werden.

Stimmt. Also, ich besitze Feuerwaffen. Aber alleine für den persönlichen Schutz, in dem Fall eines Einbruchs. Das ist auch nicht lächerlich, mein Vater war eine State Policeman, mein Großvater war ein Kriegsveteran. Ich bin also immer unter Waffen aufgewachsen, aber mir wurde auch immer großer Respekt vor Waffen gepredigt.

Ich war mal auf den Färöer Inseln, ich weiss nicht, ob du den Namen mal gehört hast.

Mm-Hm.

Sie liegen im Nordatlantik, zwischen Norwegen und Island etwa. Natürlich leben sehr kleine Gemeinschaften dort, aber die Sache ist: Dort schließen die Menschen ihre Haustüren nicht ab. Wer dort lebt, der darf beim Anderen einfach vorbei schauen. Die Türen stehen offen, weil die Leute eben voreinander nichts Böses befürchten.

Solche Gemeinden gibt es in den States aber auch noch. Viel weniger natürlich als vor 40, 50 Jahren. Und heute haben natürlich viele Türen schon beim Bau ein eingebautes Security System.

Es sind ja nun mal auch mehr Leute mit Waffen unterwegs in den USA.

Aber es gibt natürlich heute auch sehr viel mehr Armut und damit den Hauptauslöser für all die  Krankheiten einer Gesellschaft. Auch hier sind wir wieder bei Ursache und Wirkung.

Für manche Leute sind das natürlich einfach nur Faulenzer, die nicht arbeiten wollen.

Damit macht man sich es natürlich sehr einfach, ein größeres Problem runter zu reduzieren: Ach, das ist nur ein Haufen Penner. Aber der Mangel an Möglichkeiten führt zu Verzweiflung führt zu…

Wenn ich immer die Diskussionen über Steuern höre: „Stehlt mir nicht mein Geld!“

Jedes Jahr kommen die Umfragen, in welchem Land sich die Menschen am glücklichsten fühlen. Und oben stehen immer Länder in Skandinavien, wo die Steuern sehr hoch sind. Warum? Weil Steuern zurück fließen in die Gemeinschaft. Weil man dafür ja auch seine Leistungen aus dem großen Topf bekommt. Eine junge schwangere Frau in Skandinavien muss sich nicht ängstigen, dass sie ihr Kind nicht großziehen kann – der Staat unterstützt sie.

Ich war gerade in Norwegen, und ich versuche immer, so viel mit den Leuten zu sprechen wie möglich, und zu erfahren, wie es anderswo ist. Norwegen ist ja ein extrem reiches Land.

In Norwegen hat man all das Geld vom Nordseeöl auf die Bevölkerung, auf die Gemeinden verteilt. Das Gegenbeispiel wäre England. Vom schottischen Nordseeöl profitieren nur eine Handvoll Industrieller, dafür hat die Regierung Thatcher in den 80s sehr früh gesorgt. Den Schotten könnte es theoretisch ähnlich gutgehen wie den Norwegern, weswegen die Sache mit dem Öl eine zentrale Rolle gespielt hat bei der Abspaltungsdebatte der Schotten vom UK.  

Verstehe.

Wobei die schottischen Ölfelder wohl nicht mehr lange etwas hergeben. Höchstens noch ein oder zwei Jahrzehnte.

Das ist interessant. Sozio-Politik und Meta-modern Sounds in Country Music. Norwegen fand ich faszinierend. Ich habe mich in Oslo mit vielen Leuten unterhalten. In der Stadt alleine sind zur Zeit ca 26.000 Stellen offen, und eine Arbeitslosenrate beträgt nur 3%- und klar, die Steuern sind hoch, aber die Gehälter ja auch. Sogar in der Service-Industrie. Ein Barkeeper verdient, was in den Staaten ein sehr ordentliches Gehalt wäre. Aber der Hauptunterschied ist natürlich: Wenn ich morgen Krebs bekomme, und ich bin ein Norweger, dann werde ich behandelt, dann wird man sich um mich kümmern. Aber in den Staaten, wenn ich bei McDonalds arbeite und morgen Krebs kriege, dann sitze ich verdammt in der Scheiße. Das wird eine harte Tour. Wenn ich überlebe, kann ich den Rest meines Lebens dafür schuften, die Rechnung für die Medizin zu zahlen. Das macht einem echt Angst.

Was ist mit Obamacare, hat das nichts geändert?

Das weiss ich nicht wirklich. Man hätte es definitiv ein bisschen besser vermarkten können. Das Programm läuft jetzt auch noch nicht wirklich lang genug, dass die Leute gesehen haben, wo es gegriffen hat.

Bist du über Obamacare versichert?

Also meine Familie, wir haben Krankenversicherung. Aber wir hatten das schon, bevor es Obamacare kam. Es ist schon nicht gut, dass man Leuten ihre Krankenversicherung quasi aufdrängen muss. Aber es ist genauso eine Schande, dass Leute keine Krankenversicherung haben, weil sie sie sich nicht leisten können. Das ist das echte Problem.

Weswegen ich es so eklig finde, dass bestimmte manipulative Medien die Bevölkerung absichtlich falsch informieren und davor warnen,

… sich bei Obamacare anzumelden.

Weil es ja so schlecht für die „Wirtschaft“ sein wird!

Es wird schlecht sein für die Leute, die sich nie darum Sorgen machen müssen. Weil weniger Geld in ihren Taschen landet.

high top mountainJetzt lass uns aber doch noch mal zur Musik zurück kommen.

Oh gut – denn inzwischen haben wir meine Karriere in den Staaten praktisch ruiniert.

Ach, das Gespräch wird nicht auf englisch publiziert! Ich glaube nicht, dass ich das alles im Classic Rock-Interview verbraten kann – und dann müsste es ja wiederum jemand aus Deutschland zurück in die Staaten bringen.

Hehehe, na dann ist ja gut.

Und selbst wenn das passieren würde – du sprichst hier ja über das, wofür du stehst.

Und wenn mich in den Staaten niemand mehr auf die Bühne lässt, ist mir das auch egal. Lieber spiele ich in Europa für Leute, zu denen ich einen Bezug habe.

Du hast auch bei der letzten Platte gesagt, sie würde deine Karriere beenden – und guck, was passiert ist!

Ach, ich bin mir sicher, dass ich es noch schaffen werde, sie zu ruinieren. Ganz im Alleingang. Ich bin ja eh nicht interessiert an einer „Karriere“.

Wenn du aktiv versuchst, deine Karriere zu sabotieren, wird nur alles noch viel größer, wetten?

So läuft’s normalerweise, was? Ich bin jedenfalls ein Künstler. Ich will keine ACM-Preise gewinnen.

Zum Schluss kommt bei mir jedenfalls immer die Frage nach der Anekdote. Und meine Frage wäre die nach dem verrücktesten Gig, den du je gespielt hast.

Wow. der verrückteste Gig. Das wird schwer. In meinem Leben, oder mit dieser Band?

Och, was immer dir in den Sinn kommt.

Der verrückteste Gig… also, ehrlich gesagt ist ja in jedem Gig irgend etwas Verrücktes. Oh Mann, jetzt stehe ich aber trotzdem echt vorm Wald. Ich bin mir sicher, in dem Moment, wo du gehst, habe ich zehn Stories.

Easy, ich habe eh schon viel zu viel Material.

(zur Band) Hey guys, was war der irrste Gig, den wir je gespielt haben?

Kevin Black, Bass: Billingham, Alabama? Das eine Mal, als praktisch nur deine Familie da war, und du aufpassen musstest, dass du keine Schimpfworte verwendest?

Miles Miller, Drums: Lexington! Als all die Leute bodygesurft sind!

Sturgill: Stimmt, Lexington, Alabama. Nach ein paar Songs fingen echt 60% des Publikums an, eine Reiche zu bilden und auf die Bühne zu klettern und runter zu springen.

Kevin: Erzählt er von Sunday Valley-Zeiten?

Miles: Lexington, Mann, du warst doch dabei!

Kevin: Ich war dabei? Ich erinnere mich nicht!

Sturgill: Das ging eine halbe Stunde, ohne Scheiß. Eine endlose Schlange von Leuten, die nach oben auf die Bühne kam und runtersprang. Am Ende haben wir 15 Minuten lang am gleichen Song gejammt, weil’s so lächerlich war. Ich meine, ok, es ist ja lustig. Für so etwa zehn Sekunden.

Miles: In einer Punkrock Show macht’s ja auch Sinn. Aber bei Country?

Sturgill: Es wurde deswegen jedenfalls eine komplett beschissene Show von uns, vor unseren Augen. Mir hat es den ganzen Abend versaut.

Miles: Ach, die hatten ihren Spaß! Wenn wir halt nur auch so betrunken gewesen wären wie die Leute, hätten wir auch Spaß gehabt,

Sturgill: So waren wir halt letztlich nur die Nebensache in ihrem Partyspiel.

So, jetzt habe ich eure Zeit aber wirklich überstrapaziert! Ich bedanke mich für dieses lange Interview und freue mich sehr auf die Show!

… und damit habe ich das Aufnahmegerät abgestellt. Wir haben uns aber sicher noch eine halbe Stunde weiter unterhalten, als das Gerät nicht mehr lief. Tja, schade, denn Sturgill sagte noch viele interessante Sachen. Ich stelle mal ein paar Gesprächsfetzen nach, auch wenn dies nun nicht hundertpro der Originalton ist.

Sturgill über seinen Gitarristen Laur Joamets alias Little Joe:

Little Joe ist eigentlich kein Country-Gitarrist. Ich habe ihn über einen gemeinsamen Freund kennengelernt, der eine Show in Estland spielte. Joe spielte mit seiner Band, und mein Kumpel war extrem begeistert. Hinterher unterhielten sich die zwei und Joe meinte, er möchte unbedingt zum Gitarre spielen in die USA kommen, er suche eine Band. Ich habe dann youtube-Clips von ihm gesehen, die mir Dave Cobb, mein Producer, gezeigt hat, und wir beide waren extrem beeindruckt. Also haben wir ihn eingeladen, um mal auszuprobieren, was passiert, wenn er mit uns spielt. Und es hat sofort grandios gepasst. Nicht nur, weil er sich im Country sofort eingefunden hat, viel mehr auch, weil er so viel von außen einbringt.

Mich erinnert sein Spiel an John Squire von den Stone Roses. Was auf „It ain’t all light“ passiert, das ist vergleichbar mit „I am the resurrection“

Oh Mann, du hast voll Recht! Ich habe das noch nie so betrachtet, aber jetzt wo du’s sagst, kann ich den Vergleich total nachvollziehen.

– – – – –

Über Skrillex / Dubstep:

Ehrlich gesagt, ich wollte auf „It ain’t all light“ am Ende sogar in Richtung Dubstep gehen. Ich habe mich dann aber dagegen entschieden, weil ich glaube, da wären mir viele Country-Fans dann echt  nicht mehr gefolgt. Ich habe Skrillex auf einem Festival gesehen und das war echt einfach umwerfend. Das war ein Frontalangriff auf die Sinne – die Lightshow, die Frequenzen. Ich kann total nachvollziehen, warum Kids heute EDM spannender finden als vier Typen mit Gitarre.

Über Daughn Gibson:
Klar, kenne ich. Gefällt mir sehr – man sieht an ihm auch, die Synthese aus Elektronik und Country kann klappen. Das ist das Schlimme am Bro-Country – dass sie aus beiden Genres ausgerechnet das Primitivste nehmen, um es zusammen zu kleistern.

Über Radiohead:

(ich vergleiche den Unterschied zwischen „High Top Mountain“ und „Metamodern Sounds“ mit dem Unterschied zwischen „Pablo Honey“ und „The Bends“)

Mann, das ist mal ein echtes Kompliment! Menschenskind, als „The Bends“ damals rauskam, das war Wahnsinn, oder? Das war eine Platte, die einem die Augen geöffnet hat, was musikalisch alles MÖGLICH ist!“

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