Interview: Paul Weller

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…und noch so ein Interview, das laaange lange lange auf meinem Rechner lag und erst jetzt zum Einsatz kommt, da ich den alten Blog aufgegeben habe.

Ich war halt ernsthaft bei Paul Weller! Für die Kollegen vom Classic Rock Magazine. In Woking war ich, im Studio des Modfathers. Durch englischen Regen so dicht wie ein Duschstrahl, über einen Feldweg am Stadtrand an Hecken und Farms vorbei in eine unscheinbare schwarze Hütte. „The Black Barn“, Pauls Studios. Innen ein halbes Rockmuseum. Gitarren, Gitarren, Gitarren, Plakate, Bücher, Vinyl, Postkarten, gerahmte NME-Cover von The Small Faces, The Beatles und den diversen Inkarnationen von Paul Weller selbst. Dass er The Jam-Frontmann war, dann The Style Council anführte und schließlich als cooler Onkel den Britpop prägte und nun immer noch als elder Statesman den jungen UK-Bands zeigt, wo’s lang geht, muss ich hier niemandem erklären, oder? Nach etwas Wartezeit im Aufnahmeraum mit ein paar netten Bandmitgliedern, die uns Tee machen, trifft ein drahtiger Paule ein. Wir ziehen uns in den Vocal Booth seines Studios zurück zum Gespräch.

Also, zuerst mal vielen Dank für die Einladung in dein Reich!

Willkommen, Kumpel.

Toll, diesen Eindruck zu bekommen.

Ja, schon gut anzusehen, oder?

Wirkt sehr gemütlich.

Ja, ein angenehmer Ort. Bin gerne hier.

Du lebst hier um die Ecke?

Ich wohne in London, genauer in West London. Aber es ist echt nah. Je nach Verkehr sind’s vielleicht 50 Minuten, eine Stunde? Geht ganz schnell.

Paul WellerIst hier her zu kommen, wie ins Büro zu kommen? Ich frage, weil Damon Albarn gerade in den Medien ist wegen seiner Soloplatte – und man zitiert ihn, er gehe tatsächlich 5 Tage die Woche von 09 bis 05 ins Studio, wie bei einem Job. Wie findest du das?

Naja, jeder muss es so machen, wie’s für ihn am besten ist, oder? Für mich wäre das nicht das Richtige.

Bist du mehr so jemand, der die Nacht durcharbeitet?

Ja, das ist immer so, dass wir bis spät in die Nacht arbeiten. Normal sind wir hier immer 2, 3, 4 Tage am Stück und arbeiten dann echt sehr schnell und konzentriert. Dann machen wir ne Pause, lassen die Sachen sich setzen, und setzen uns wieder ran. Sieben Tage die Woche, das ginge nicht mehr für mich. Als ich jünger war, da habe ich das gemacht. Heute wäre ich dafür zu alt. Aber wenn wir ein paar Songs oder Ideen haben, treffen wir uns hier, arbeiten sehr intensiv, und später kommen wir zurück, um uns das wieder mit ein bisschen Abstand anzuhören.

Ihr arbeitet, wenn halt die Inspiration zuschlägt.

Manchmal, ja. Manchmal muss man auch graben nach der Inspiration. Ist ja nicht so, dass man jeden Morgen aufwacht und sofort inspiriert ist. Man muss auch manchmal darauf hin arbeiten.

Die kommende Platte ist deine zweite Solo-Compilation.

Yeah.

Was, denkst du, ist bezeichnend für diese Phase deiner Karriere? Hast du einen roten Faden entdeckt?

Oh, das Zeug ist so unterschiedlich! Weisst du, es sind ja schon echt viele musikalische Styles, die ich in der Zeit abgedeckt habe. Gibt’s also einen roten Faden…? Weiss nicht!

Als du die Sachen noch mal durchgehört hast, sind dir da Sachen offenbar geworden, die dir damals beim Aufnehmen vielleicht nicht klar waren?

… nicht wirklich. Weil alle Platten ja so eklektisch sind. Roter Faden … hmm, alle Songs haben starke Melodien? Die melodische Seite meines Schreibens ist echt noch stark. Was die Melodien angeht, werde ich sogar immer noch besser. Das ist das, was ich vor allem draus ziehe.

Ich stelle mir vor: Wenn du Sachen aus deinem Frühwerk hörst, dann ist es manchmal, wie wenn man Kinderfotos anschaut, oder? „Wie, wirklich, das war Ich?!“ 

Ja, sicher.

Ich denke, wenn du dagegen heute etwas anhörst, das 15 Jahre alt ist, sagst du: “Klar war das ich.“ Zwischen 18 und 33 verändert man sich extrem, zwischen 40 und 55 wohl weniger.

Mm-hm.

Bist du also noch der Changingman, oder hast du deinen Groove jetzt gefunden?

Also, ich versuche weiterhin, die Musik immer zu verändern. Ich schaue schon immer, wie wir Neues adaptieren können und wie wir das Ganze weiter bringen können. Aber als Person – ich denke, ich habe mich in der Zeit sicher sehr verändert. Aber ich glaube, je älter man wird, desto langsamer gehen diese Veränderungen vor sich. Diese Verwandlungen, die verlangsamen sich, weil man ja nicht mehr so neu in allem ist wie damals, als man jung war. Aber ich bin damit glücklicher. Ich bin in meinem Leben jetzt gefestigter. Auch wenn sich viel verändert hat.

Ich habe was mitgebracht. (Ich halte ihm eine 7“ Single von The Style Councils „Walls Come Tumbling Down“ entgegen.)
Die hier habe ich mit 14 gekauft. 

thestylecouncilwallscometumblingdownWow. Das ist die deutsche Pressung?

Ist sie, ja.

1985.

1985. Ich war 14, lernte gerade mein Schulenglisch, ich kämpfte mich durch die Texte – und durch die Sleevenotes vom „Cappucino Kid“.

Ach ja, genau.

Weisst du was? Diese Zeilen gehörten zu den ersten, die mir politische Meinungen nahebrachten.

Verstehe.

Anderes Beispiel: Ein Song aus der Ära wie „Smalltown Boy“ von Bronski Beat damals – das war der Song, der mir als Teenager beibrachte, nicht homophob zu sein. Und diese 7“-Single hier und das „Our Favourite Shop“-Album waren mein erster Schritt in Sachen linker politischer Einstellungen. Die Platten, die mir zeigten „Der kleine Mann ist wichtig, nicht nur der Große.“

Mm-hm.

Und die Frage, die ich mir stellte, war: Wo sind die jungen Bands, die dies den Teenagern von heute nahe bringen?

Puh. Ich weiss es nicht, Mann. Komisch, oder? Das ist heute echt nicht mehr so. Mir fällt keine einzige Band ein, die so was heute macht. Es könnte sie natürlich geben. Es gibt ja auch durchaus tolle Musik da draußen. Was die Bands heute vermutlich nicht tun, ist sich auch so direkt auszudrücken.

Diejenigen, die noch etwas aussagen, sind oft diejenigen, die schon lange dabei sind. Bobby Gillespie zum Beispiel – selbst Morrissey. Auch wenn er oft in seiner Wortwahl übers Ziel hinaus schießt, er will wenigstens aktiv Dinge verändern – und wenn es ums Robbenschlachten in Kanada geht. 

Mm-hm. Ja, stimmt, mir fallen keine zeitgenössischen Bands dieser Art ein. Aber wir leben in einer anderen Zeit, und die Welt ist eine andere. Als diese Platte („Walls Come Tumbling Down“) erschien, in den 80s, da gab es in Großbritannien Margaret Thatcher, in den USA Ronald Reagan, die beide die damalige politische Landschaft komplett umpflügten. Es war echt eine komplett andere Welt. Ich weiss nicht, ob es heute überhaupt noch möglich ist, genauso wütend auf Politiker zu werden wie damals. Denn heute sind sie alle so austauschbar, alle sind so aalglatt – sie geben einem nicht wirklich Angriffsfläche, dass man sich über sie so richtig aufregen kann. Warum das so ist, weiss ich nicht. Wir leben in einer anderen Zeit.

Meine Freunde in England sind alle sehr wütend auf David Cameron und seine Politik, zum Beispiel den NHS betreffend. Es scheint heute schlimmer zu sein als damals. 

Klar, die gleiche Scheisse wie damals passiert weiterhin. Aber es ist heute schwerer, diese Wut auf eine Person zu richten. Das ging leichter bei Thatcher, weil sie eine so hassenswerte Figur war. Aber Cameron, oder Tony Blair – da ist es schwer, sich vergleichbar aufzuregen. Das sind ja praktisch alles die gleichen Typen. Und die Leute, auf die wir am wütendsten sein sollten, das sind alles Leute, deren Namen wir nicht mal wissen. Die Leute im Hintergrund des Establishments mit ihren versteckten Plänen. Diejenigen, die wirklich die Fäden ziehen. Das sind die, auf die wir unseren Ärger richten sollten. Aber es ist halt schwer zu wissen, wer diese Leute sind.

Hast du noch den Drive, um die „Nation zu wecken“?

Naja, das habe ich ja versucht. „Wake Up The Nation“ war sehr wohl mein Versuch, die Nation wach zu rütteln. Wir sind raus auf Tour, und wir spielten diese Platte. Aber das schien so – whoosh – über die Köpfe der Leute hinweg zu gehen. Die Leute wollen nicht aufgeweckt werden – sie mögen ihren Schlummer zu gerne.

Frustriert dich das, oder hast du es akzeptiert?

Ich glaube, ich bin alt genug, zu akzeptieren, dass es nun mal so ist. Das reicht nicht, das ist nicht wirklich, was ich will. Ich warte immer darauf, dass endlich die Revolution kommt, aber ich glaube nicht mehr ganz dran, dass sie in diesem Land kommen wird. „Wake Up The Nation“ ging aber nicht nur gegen das politische, sondern auch gegen das damalige musikalische Klima. Da wollte die Sachen mal wieder aufmischen.

Was die Politik angeht, ich weiss nicht, wie’s in Deutschland ist, das kann ich nicht beantworten, aber hierzulande ist es heute einfach anders. Alles wird von Großunternehmen gelenkt, so gesichtslos, deswegen ist es so schwer, wirklich auf jemand bestimmten wütend zu werden. Auf der Oberfläche scheint alles okay. Aber die gleiche Scheisse wie damals passiert weiterhin.

Ist 55 das neue 40?

Keine Ahnung. Vielleicht ist es das neue 30?

Könnte doch sein. Wir leben heute alle viel gesünder, und wenn wir 65 sind, planen wir nicht, die Füße hoch zu legen.

Stimmt schon, oder? Auch unsere Wahrnehmung vom Alter hat sich verändert. Hey, als ich ein Kind war, da waren Typen über 50 für mich antik, uralt. Aber bei der Generation, die nach dem Krieg groß werden, ist es glaube ich anders. Diese und die folgenden Generationen erlebten Rock’n’Roll, und Popkultur, Musik und Moden, seit den 50s. Das sind einfach andere Menschen. Wir haben andere Perspektiven, andere Standpunkte. Selbst bei meinen Eltern ist das so – Mein Vater ist von uns gegangen, aber meine Mom, sie ist jetzt in ihren 70ern. Aber auch sie ist immer noch ein Kind des Rock’n’Roll. Sie hört heute noch die Platten, die sie hörte, als sie jung war, sie mag immer noch Rock’n’Roll und sie geht sich immer noch Bands angucken – die Künstler aus den 50s und 60s, die noch auftreten, die schaut sie sich an. Ich denke also: Es ist heute anders, unsere Wahrnehmung vom Altern ist anders. Wir sind jetzt andere Menschen. Und ich glaube, wenn du auf Musik stehst und auf Popkultur – bei mir war das auf jeden Fall so, ich wurde in den 70s groß und da war dieser Einfluss sehr stark – dann wirkt sich das auf dein Leben aus, dein wird dein Leben ein anderes. Das ist meine persönliche Meinung.

Ich seh’s ja an mir – ich bin jetzt 43 und führe ein Leben wie ein Student. Ich frage mich auch manchmal: Muss ich erwachsen werden? Oder gilt das heute nicht mehr so?

Es gilt nicht mehr. Wenn Musik das ist, was du liebst, wenn es Teil deines Lebens ist und du leidenschaftlich mitgehst, dann ist das richtig so für dich. Little Richard hat uns verändert. Little Richard und Chuck Berry und all diese Leute, sie veränderten die Welt. Das war ja sogar noch, bevor es mit den Beatles los ging.

Paul-Weller-2014Manchmal frage ich mich aber schon, ob Rock der neue Jazz wird.

Näääh!

Na, die Kids von heute, sie stehen auf Games und andere Dinge – die Fans von Rock werden eine kleinere Gruppe.

Na gut, ein bisschen ist das so. Weil es heute so viel Technologie gibt, auf die die Leute stehen können. Ich meine, als ich ein Kid war, da gab es nur Musik – oder Fussball. Vielleicht noch Klamotten, Mode. Aber das waren die Sachen, wo du dir etwas auswählen konntest – deine Musik, dein Fussballteam, die Kleider, die du anziehst. Jetzt gibt es so viel mehr verschiedene Dinge, so viele mehr Outlets für die Leute. Trotzdem denke ich… weil ich es an meinem Sohn sehe, an meinem jüngeren – also, der ist ein absoluter Computercrack. Aber trotzdem liebt er Jake Bugg, oder die Arctic Monkeys. Also glaube ich, dass Rock immer noch die Kids erreicht. Auch wenn weniger Platten verkauft werden, denke ich doch, dass die Leute Musik immer noch lieben, dass sie immer noch Rock’n’Roll lieben. Dass Rock der neue Jazz wird, glaube ich nicht. Der Rock hat nicht diese aufgeblasene, pseudo-intellektuelle Komponente. Rock kommt immer noch aus dem Bauch heraus.

Du hast in den 80s mit The Style Council doch durchaus selbst Jazz-Elemente verwendet.

Hey, ich stehe heute noch auf Jazz, Mann! Ich will nur sagen, du hast nicht recht mit deinem Argument. Rock ist zu ursprünglich. Die intellektuelle Seite des Jazz, die ist ja eigentlich näher verwandt mit klassischer Musik.

Vielleicht ist dann ja Prog-Rock der neue Jazz…

Ach, was ist das eigentlich, Prog-Rock? Jazz hat sich jedenfalls nicht unbedingt selbst geholfen, damit, dass in vielen Jazzclubs so eine hochnäsige Attitüde herrscht. Dass man sich an einen Tisch setzen und dinieren muss. Der frühe Jazz war Tanzmusik, die Leute sind zum Jazz gegangen, um zu tanzen! Das hat eine sonderbare Entwicklung genommen.

Aber es ist für Kids nicht mehr unbedingt ein Akt der Rebellion, Rock zu hören, oder?

Vielleicht doch, wenn du 16 bist? Wenn du 16 bist, und die erste Band, die du hörst…

Vielleicht, wenn du 16 bist und auf die Sex Pistols stehst und nicht auf Two Door Cinema Club.

Aber vielleicht stehst du auf Two Door Cinema Club und deswegen fängst du an, dich für Musik zu interessieren, und lernst darüber andere Bands kennen, so ist es doch, oder? Das ist alles verlinkt, das macht alles Sinn irgendwann. Es gibt für die Kids immer einen Punkt, an dem sie in die Welt der Musik eintreten. Eine Band, eine Platte, die dich aufhorchen lässt. Und wenn das passiert ist, versuchst du auch, über andere Musik etwas raus zu kriegen, das ist der Beginn einer langen Reise. Und die Reise geht immer noch weiter.

Stimmt schon, ich habe damals ja auch nicht mit Style Council Platten angefangen – ich musste mich dort erst hin arbeiten. 

Ja, es ist eine Reise, oder? Ich glaube jedenfalls, dass Musik den jungen Leuten durchaus noch was wert ist. Was sich verändert hat, ist die Art, wie wir Musik rezipieren. Diese Download-Kultur, wo du einfach einen Song picken kannst, statt das ganze Album anzuhören. Das hat sich verändert, und das hat auch eine Menge geändert. Weil die Leute sich nicht mehr so sehr zu einem Künstler bekennen – du kannst einfach nur einen Song laden, dir den ein, zwei Mal über dein Telefon anhören. Das erfordert nicht die gleiche Hingabe, wie in den Plattenladen zu gehen, um die Platte zu besorgen, auf die du gespart hast. Zwei Wochen lang hast du gespart, weil du dir diese Platte kaufen wolltest! Jetzt drückst du nur aufs Knöpfchen, Pew! Da ist der Song!

Ich muss gestehen, ich verhalte mich heute genauso. Ich merke, dass ich oft gar nicht die Geduld habe, ein Album komplett durchzuhören. Ich stelle meinen Ipod auf Shuffle. 

Oder man spielt halt nur einen Track statt dem ganzen Album.

Sagen wir, ich stehe morgens auf, mache mich fertig für die Arbeit. Dann stelle ich den ipod auf Shuffle, lasse mich überraschen, was kommt. Ich weiss, dass ich praktisch jeden Song mögen werde, dafür habe ich ihn mir schließlich drauf gezogen.

Ja, die Art, wie wir Musik hören, die verändert sich.

Benutzt du daheim den ipod Shuffle?

Das habe ich durchaus schon gemacht. Aber ich habe das verdammte Ding gerade verlegt. Ich mag diesen Aspekt – man hört Songs in einem anderen Zusammenhang. Heraus gelöst aus ihrem Album-Kontext. Das gefällt mir. Aber ich höre auch noch Vinyl, und im Auto CDs. Auch vom Rechner spielen wir Musik, das macht dann eher meine Frau. Ich nehme mal dies, mal das.

Noch mal zu jungen Bands. Vor mehreren Jahren sprach ich mit dem Sänger der Dogs.

Ach ja, Johnny.

Er erzählte, wie du sie ansporntest. Dass du so was wie ihr Mentor warst.

Hmm, naja.

Er war jedenfalls sehr stolz, dass du ihn mal zu Weihnachten angerufen hast. Ich spreche das an, weil ich fragen wollte, ob du gerade wieder junge Bands unter deine Fittiche genommen hast.

Unter meine Fittiche, naja. Also, es gibt eine echt starke junge Band namens White Room. Mit denen habe ich gerade eine Single aufgenommen, jetzt suchen wir einen Deal für sie. Ansonsten gibt’s so einige Bands, die hier her kommen, ins Studio.

Du betreibst dieses Studio kommerziell? Oder du hilfst ihnen, bringst sie unter, gibst Tipps, lässt sie aufnehmen?

Ja, das meiste davon. Die meisten von ihnen haben ja kein Geld, hehe.

Soll ich das geheim halten, damit du jetzt nicht von Anfragen deutscher Bands überschwemmt wirst?

Wäre wahrscheinlich besser, haha. Es ist ja doch ganz nett, ab und an mal bezahlt zu werden. Naja, wenn wir einen Deal ermöglichen und dann etwas abkriegen, ist das schon in Ordnung.

Auf der Compilation gibt es auch einen neuen Song, „Brand New Toy“. Was fällt dir als erstes ein zu der Nummer?

Gleich mehreres, eigentlich. Er hat was von deutschem Cabaret der 20er, in den Strophen. In den Refrains wird er ziemlich soulig. Da passieren eine Menge verschiedener Dinge auf der Nummer.

Wie kam der Song zu dir? Wie läuft es normalerweise ab bei dir mit dem Songwriting?

Ich habe einfach angefangen, ihn zu spielen. Ich saß am Klavier, spielte vor mich hin, dat – dat – dat…

Läuft das meistens so ab? Oder steht auch mal der Text an erster Stelle?

Das verändert sich immer. Es ist immer gleich, aber immer anders. Manchmal habe ich ein paar Textzeilen, die ich wirklich mag, manchmal habe ich ein musikalisches Fragment, um das ich dann herum schreibe – und manchmal spielt man einfach nur Klavier oder Gitarre, und ein Song materialisiert sich. Alles möglich, es ist immer verschieden.

Hat es dir Spaß gemacht, die Alben noch mal durchzuhören, und die Compilation zusammen zu stellen?

Aber klar!

Na, hätte ja sein können, dass du viel ungeduldiger schon an Neuem arbeiten wolltest.

Das ja, definitiv, da bin ich sogar sehr ungeduldig. Trotzdem war’s nett, an der Zusammenstellung zu arbeiten – mir ist selbst nie aufgefallen, wie viel Material das war! Mir war nie klar, wie lange das tatsächlich her ist! 15 Jahre!

Die Deluxe-Version hat gleich 41 Songs!

Okay, weil auch ein paar Live-Tracks dabei sind. Jedenfalls, ich war selbst ganz überwältigt von der Menge an Material, die sich da in der Zeit angehäuft hatte. Genauso bin ich jetzt happy, an der neuen Platte zu sitzen.

Und – was dürfen wir von der erwarten?

Von der neuen?

Ist „Brand New Toy“ ein Wegweiser, wohin die Reise geht?

… nein. Denke ich nicht. Weil sich alles immer verändert. Wir haben so etwa sechs Songs, über die wir wirklich happy sind. Die haben schon so etwas wie eine gemeinsame Richtung, aber irgendwie sind sie trotzdem individuell verschieden. Aber im Moment haben die Songs ganz verschiedene Stilrichtungen, und ich weiss nicht, wo’s hingehen wird. Etwas rhythmischer wird’s vermutlich. All die neuen Songs haben einen Groove.

Wird es in 15 Jahren dann wieder ein „Even More Modern Classics“ geben, was meinst du?

Puh, keine Ahnung. Wie alt bin ich dann? Dann bin ich 70! Keine Ahnung, wer weiss das? Ich hoffe es aber.

Hast du da schon mal drüber nachgedacht?

Schon, ja. Ich denke drüber nach, und dann denke ich ganz schnell an was anderes. Ich stelle den Gedanken ab. So viel Zeit haben wir nicht, weisst du? Als ich 20 war, da schien es mir, als ginge das Leben noch für immer weiter. Plötzlich bin ich 55, bald 56. Und ich weiss nicht, wo die Jahre hin sind! Es ging so, whew! an mir vorbei!

Dabei ist ja unsere Wahrnehmung von außen, dass du eine Art Role Model dafür bist, wie man jung und relevant bleibt.

Oh, das ist nett, danke.

Mann, ich stelle heute aber auch gemeine, fordernde Fragen.

Haha, ich versuche, das nicht zu beantworten. Ich bin jedenfalls einfach immer überrascht, wie schnell die Zeit doch vergeht. Unglaublich. Aber ich hoffe, dass ich noch Musik mache in 15 Jahren. Doch wer weiss das schon?

Gibt es etwas, dass du in all den Jahren noch nicht gemacht hast, musikalisch gesehen, aber immer mal tun wolltest?

Soundtrack! Einen Film-Soundtrack. Ich möchte mal einen echt stimmungsvollen Soundtrack schaffen. Mal keine Songs, sondern Atmosphären. Etwas mehr künstlerisches. Das würde mich reizen, ja.

Hast du schon mit Regisseuren Kontakt gehabt diesbezüglich?

Ja, ich habe einen Freund, der gerade versucht, einen Film auf die Beine zu stellen, er versucht gerade, die Finanzierung dafür zu bekommen. Wenn er das hinkriegt, könnte das was wirklich Gutes werden. Es geht über einen Boxer in South London. Ich drücke echt die Daumen, dass daraus etwas wird. Ich habe dieses Musikstück geschrieben – obwohl der Film ja noch nicht gemacht ist, obwohl er noch nicht mal über die Planungsphase hinaus ist – trotzdem habe ich schon mal ein Stück dafür aufgenommen, mein längstes überhaupt. 27 Minuten lang. Ziemlich avantgardistisch. Könnte aber ziemlich gut werden. Auch wenn es nicht die Sorte Musikstück ist, die man normalerweise auf ein Album packen würde. Aber als Teil eines Soundtracks, denke ich, kann das wirklich cool werden.

Es klingt auf jeden Fall interessant.

Es wäre natürlich erheblich experimenteller als das, was ich normal mache. Aber schon alleine, dies mal als Möglichkeit zu haben.

In einem Albumkontext, meinst du, gesteht man dir das nicht zu?

Ich würde es mir wünschen, aber ich glaube nicht daran.

Auf „22 Dreams“ hast du aber doch auch viel gewagt.

Ja, stimmt, das habe ich. Das war ja auch ein Doppelalbum. Aber ein 27-minütiges Avantgarde-Stück, das eine Seite einer LP einnimmt, das ist dann doch zu krass. Das, glaube ich, akzeptieren die Leute nicht. Aber als separates Ding – da hätte ich sehr große Lust zu. Da gab es diesen polnischen Komponisten, Krzysztof Komeda, der all die frühen Polanski-Filme vertont hat. Dessen Musik mag ich wirklich sehr.

More Modern Classics - CMS SourceWas war die letzte Sache, die dich zum Lachen gebracht hat?

Hmm… bestimmt meine Kids, Mann. Ich habe die Zwillinge, die gerade mal etwas älter als zwei Jahre sind. Die bringen mich immer zum Lachen! Und natürlich haben wir gestern Abend auch hier im Studio viel gelacht.

Ja, so wirkt das auch hier. Das ist die Atmosphäre dafür. Freunde hängen gemeinsam rum, sind kreativ. Es ist wirklich angenehm hier, es ist schön, das zu erfahren. Man hat das Gefühl, ihr legt gleich wieder mit der nächsten Gitarren-Aufnahme los, sobald wir hier verschwunden sind.

So wird’s vermutlich auch sein.

Was war die letzte Sache, über die du dich aufgeregt hast?

Wahrscheinlich Syrien. Was da abläuft. Seit drei Jahren gibt es diesen Krieg. All diese Menschen, getötet und vertrieben, obdachlos. Und die Tatsache, dass niemand dazwischen ging und half oder rettete. Damit meine ich nicht die humanitäre Hilfe, sondern die United Nations. Das macht mich wütend, weisst du? Es geht schließlich immer noch weiter, es ist nur von den Titelseiten verschwunden. Es ist nicht mehr in den Nachrichten, aber es geht verdammt noch mal immer noch weiter. Das ist wirklich beschämend.

Das Problem hierbei ist wohl auch, dass man nicht weiss, auf welche Seite der Parteien man sich stellen soll, ohne möglicherweise den Falschen zu unterstützen. Andererseits, klar, viel falscher als Assad kann’s nicht werden.

Ja, ich weiss es natürlich auch nicht genau. Die politische Situation in der Region ist tiefgründig sehr vertrackt. Trotzdem ist es schockierend, was dort passiert.

So, ein paar Minuten haben wir noch. Ich frage immer gerne nach Anekdoten. Was war denn der bisher verrückteste Gig, den du je gespielt hast?

Ähm – vermutlich war das noch in den Siebzigern mit The Jam. Das war in Amerika, irgendwo in Texas, wir waren als Support von Be-Bop Deluxe gebucht, dieser verdammten 70s-Rockband. Überhaupt nicht unser Publikum – und das Ganze fand auf einer rotierenden Bühne statt. Das war ziemlich komisch.

paulwellerDie Bühne drehte sich das ganze Konzert durch?

Das komplette Konzert, ja. Du nimmst gerade ein bisschen Kontakt auf, baust eine Beziehung auf zu einem Gesicht im Publikum, da bist du schon wieder weg. Das war komisch.

Ja, das klingt in der Tat komisch. Haben wir zur Compilation noch irgendwas ausgelassen?

Ach, das Ganze ist ziemlich klar, oder? Es sind die Singles, alle Singles aus den 15 Jahren. Habe ich was weggelassen? Naja, auf der Bonus CD habe ich eine Art Director’s Cut gemacht, da habe ich ein paar B-Seiten weggelassen, sowas in der Art. Es ist nun mal, was es ist. Eine Compilation.

Naja, manchmal steht eine Compilation für eine Phase, die man abschließt, manchmal ist es eine Sache für die Plattenfirma, weil ein Wechsel ansteht. 

Das Ganze war meine Idee. Einfach, weil mir klar wurde, wie viele Songs da zusammen gekommen sind über die 15 Jahre. Das sind eine Menge Platten. Ich fand einfach, es war mal wieder Zeit, das letzte Mal war ja lange genug her. Aber eine „stopgap“ ist es nicht. Ich meine, ich bin ja mittendrin in meiner Arbeit am neuen Album. Die Platte erscheint, und man kann sie kaufen, wenn man will, oder nicht, wenn man nicht will. Beides okay. Hey, komm auf unsere Show in München!

Alles klar, mache ich! Und damit vielen Dank!

Danke. Hast du noch Zeit? Ich kann dir von der Neuen ja was vorspielen, wann geht dein Flug?

Wir haben dann tatsächlich noch einen neuen Song gehört. Der war ganz schön wild. Erinnerte mich an eine Mischung aus „XTRMNTR“ und „Helter Skelter“. Wir können uns weiter auf das freuen, was Paul Weller uns noch alles um die Ohren hauen wird.

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