Atomic. End of.

Britwoch für Blog

Ich schreibe es nicht auf facebook, ich schreibe es hier. Es wird ein zu langer Aufsatz.

The Atomic Café. Eine Ära geht zu Ende. Wie wir jetzt wissen, noch früher als erwartet. In nicht mal drei Wochen, am 6. Dezember.

Es gibt eine Geschichte, die ich immer wieder heraus hole, wenn man mich übers Atomic befragt. Ihr kennt ja alle die Lampe über dem Kiosk? „SANDWICHES – SWEETIES – T-SHIRTS – KIPPEN“? Ich arbeitete eine Zeitlang nebenbei im Atomic Büro. Ich kam damals eines Vormittags in die Räume in der Holzstrasse, als diese Lampe gerade geliefert worden war. Ich hatte gar nicht mitgekriegt, dass man sie in Auftrag gegeben hatte. Plötzlich lag sie da, auf der Ablage über dem Farbdrucker. In all ihrer Atomic-Pracht: Außen orange, runde Ecken, die typische Atomic-Font… Mann, war ich begeistert! Ich wollte laut losjubeln und lobhudeln, aber Roland deutete „Pssst!“, denn er war gerade am Telefon. Roland hatte den Hersteller dieser Lampe an der Strippe und er beschwerte sich bitterlich. Der Blauton der Unterlegscheibe – das war ja wohl nicht der Blauton, den er bestellt hatte!

„Die Lampe ist doch super!“ meinte ich, als er aufgelegt hatte. „Das merkt doch kein Mensch, ob das jetzt so ein oder so ein Blau ist!“ Eine Einstellung, die Roland komplett befremdete. „Aber… dann sind ja völlig verschiedene Blaus im Laden!?!“

Ich glaube, es gibt kein besseres Beispiel, um das Atomic zu kapieren. Das Atomic, das war der Ort, an dem die Ästhetik – und zwar bis ins kleinste Detail  – wichtiger war als das Geld. Hier gab man sich nicht mit dem falschen Blauton zufrieden! Roland und Chris waren eben eigentlich Grafiker, keine Gastronomen. Deswegen die wunderschönen Flyer. Deswegen die Deko. Chris und Roland hatten das Auge, sie hatten Geschmack. Sie machten den Club, in den sie selbst gerne gehen wollen würden. Sie schauten nicht, wo sie sparen konnten. Sie versuchten statt dessen, den Club noch schöner zu gestalten. Das Atomic sollte ihr eigener Lieblingsclub sein. Und dafür bestellten sie eben speziell angefertigte Lampen für den Kiosk, bei denen dann aber auch der Blauton sitzen musste.

(Ich kann seitdem in keine Clubs gehen, ohne zu vergleichen. Ich kenne keinen Club, der sein Konzept so konsequent durchzieht – aber so viele Läden, die das Auge BELEIDIGEN! Clubs, wo die Frage bei der Gestaltung „Kommen wir damit durch?“ oder „Können wir da noch sparen?“ lautete. Nicht „Hey, ist das mal cool, oder was?!“)

Was für den Look galt, zog sich konsequent durchs Programm: Lieber buchten die zwei die spannende Newcomerband oder die nur in ihrer Szene bekannten 60s-Veteranen, als eine Kommerz-Mistband auf die Bühne zu lassen – egal, dass die Uncoolen ein ausverkauftes Haus garantierten. Auch ihre DJs (da – Hüstel! – zähle ich mich dazu) fuhren keine beliebige Chart- oder Trendschiene, sondern ein Cliquenprogramm maßgeschneidert für bestimmte (heute würde man sagen „spitze“) Szenen. Der Laden brummte trotzdem. Ich glaube, dass es – unterbewusst oder bewusst –  eben beim Publikum rüber kam, dass dies ein von A biz Z stimmiges Gesamterlebnis war. Ein Stil, ein Bekenntnis, eine Zusammengehörigkeit. Außerdem, das angesprochene Cliquenprogramm, es richtete sich ja nicht exklusiv an diese Szenen, sondern inklusiv. (Gibt’s das Wort? Ihr wisst, was ich sagen will:) Jeder wurde eingeladen, sich in dieser Szene wieder zu finden. Ich bilde mir ein, es war so.

Leute sagten zu mir: „Aber mit dem Club könnte man doch viel mehr Geld verdienen!“ Ich meinte: „Könnte man das wirklich?“ Viele Discos waren vor dem Atomic in der Location, sie alle mussten schnell dicht machen. Das Konzept Atomic, das war nicht „So viel Geld wie möglich“, sondern „So viel Style und Spaß wie möglich – so viel Geld wie nötig“. Das machte den Club so anders und so glaubwürdig, damit hielt sich das Atomic immer genug über Wasser, um als Oase für seine treuen Minderheiten funktionieren zu können.

Ach ja. Jetzt nur nicht sentimental werden. Das Atomic. Das Team. Das Publikum. Die Bands. Ich war da zu Hause. An der kleinen Bar. Das Atomic ist ein Teil von mir. Ein nicht mehr wegdenkbarer Teil von mir. Es prägte mich. Ich war länger im Atomic als auf der Schule. Ich definiere mich übers Atomic, es ist ein Teil meines Selbstverständnisses. Ich konnte ins Atomic gehen, ohne mich vorher mit jemandem verabreden zu müssen – ich wusste ja, es wird ein Haufen Leute da sein, die ich kenne und mag. Ich habe mich im Atomic verliebt und bin im Atomic über Trennungen hinweggekommen (oder so). Ich habe da getanzt und mitgesungen und bin auf Konzerten auf und ab gesprungen. Praktisch alle meine Freunde haben irgendeine Connection zu dem Club.

Ich gehe seit 1997 ins Atomic. Es muss folglich ca im Sommer 1997 gewesen sein, als ich zum ersten Mal den Spruch hörte „Das Atomic ist nicht mehr wie früher.“ Seitdem gehört er zum Club wie das Bild vom Muppets-Nachrichtensprecher. Auch typisch: „Es sind ja nur noch junge Kids hier!“  Ich habe immer gesagt: „Nein, das Atomic bleibt total gleich – nur wir selbst, wir werden älter.“ (und Holla, bin ich älter geworden!)

Dennoch, ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich in den letzten Jahren nicht auch immer mal dieses „nicht mehr wie früher“-Gefühl gehabt hätte. Ich habe vorhin auch ein paar Absätze geschrieben über jüngere Entwicklungen, die ich ungut fand. Ich habe das aber wieder gelöscht, weil das etwas für einen anderen Zeitpunkt und einen anderen Ort ist. Wenn überhaupt.

Jedenfalls, das Idyll, das ich oben beschrieben habe, vom Club, der über schnöden wirtschaftlichen Dingen steht, weil Kunst und Seele und Hingabe und Witz und Smartness und Style und Freundschaft und Authentizität und Sexyness und die weltbeste Musik die höheren Werte sind – natürlich war er eben sehr wohl den wirtschaftlichen Zwängen unterworfen. Wir leben nun mal im Kapitalismus. Wir leben nicht von Karmapunkten. Geld muss verdient werden. Im Falle eines Clubs inmitten der Münchner Innenstadt sogar seeehr viel Geld. Und auch die Generationen, sie ändern sich. Nicht alles am Atomic konnte so idyllisch und idealistisch bleiben, wie es begann. Trotzdem blieb es für mich die beste aller Oasen.

Wirtschaftliche Zwänge sind auch nicht der Grund dafür, dass das Atomic jetzt endgültig schließt. Das ist der auslaufende Mietvertrag, der nicht mehr weiter auszureizen ist. Nicht mal bis zum Ende des Jahres.

Mein Britwoch ist immer der vierte im Monat. Es wäre der 24. Dezember gewesen. Ich habe mich seelisch schon darauf eingestellt, es meinen Eltern beizubringen: „Sorry, ich werde Heilig Abend nicht mit euch feiern – es ist mein letzter BRITWOCH!“ Nun gut, dieses Problem habe ich nicht mehr.

Mein letzter Britwoch ist nämlich schon nächste Woche, am 26.11.

Tja. Das Ende einer Ära. Nach fast 18 Jahren Atomic, nach über zehn Jahren Britwoch. Un-fucken-believable.

Fragen, was als nächstes kommt – ob Clubnächte in anderen Locations weiter existieren werden, welcher Laden in des Atomics Fußstapfen wird treten können (schwierig – ein Club, der z.B. den Britwoch übernimmt, aber sonst einen anderen Style fährt, wird einem Indie-Gläubigen kaum diese HEIMAT geben können)… ach, diese Fragen interessieren mich erst nach dem 06.12.

Ich lege noch zwei Mal auf: Morgen (20.11.) mache ich noch mal „Hank Furbisher’s Hee Haw Humdinger“, meinen Americana-Abend.

Nächste Woche, wie gesagt, kommt dann mein letzter Britwoch (26.11.)

Ich bin gefragt worden, ob ich schon weiß, welches Lied ich zum Schluss spielen werde. Denn ich habe ja die Angewohnheit, als letzte Nummer einen sentimentalen Rausschmeißer auszusuchen. Der muss auch sein, der gehört dazu. Aber ich werde das Lied spontan entscheiden. Wird es ein alter Klassiker, der eine tiefe Bedeutung hat? Ich glaube eher, ich picke etwas Neues. Als Zeichen. Denn ich will nach vorne gucken. Nicht in Wehmut versinken, sondern das Neue, was kommen kann, offen entgegen nehmen.

So will ich auch den 06.12. begehen. Im Atomic, natürlich. Dort das Feiern, was war, wovon man Teil sein durfte. Nicht die Gram, dass es vorbei ist, siegen lassen. Sondern dankbar würdigen, dass es passiert ist. In der Hoffnung auf kommendes Großes aus anderen Quellen.

Klar, das sage ich jetzt. Vielleicht brauche ich, wenn’s so weit ist, dann doch wen, der mich hält.

L I V E  F O R E V E R

und: Love goes on anyway.

sagt der Henning.

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