Interview: Embrace

embrace header… und hier ein weiteres Interview, das ich eigentlich schon vor Monaten online stellen wollte, als die Sache dazwischen kam, dass mein alter Blog vom Netz ging:

Embrace. Die guten, alten Embrace. Mann, was habe ich Embrace geliebt, als sie damals auftauchten gegen Ende des Britpop! Mit ihren großen Gesten und ihren gigantomanischen Refrains! All You Good Good People, damit ging es los. Fünf Alben folgten in unregelmäßigen Abständen. Dann waren sie acht Jahre weg, einfach weg. Um dieses Jahr zurück zu kommen, als wäre nichts gewesen. Es gibt eine Menge nachzuholen. Ein Anruf bei Danny McNamara.

Hallo?

Hallo, Henning hier, spreche ich mit Danny?

Ja, der spricht. Wie geht`s dir?

Sehr gut, danke – ich freue mich, euch zurück zu haben! Wie geht’s dir?

Gut, gut. Wir sitzen gerade im Studio und überlegen uns, was die nächste Single werden soll.

… und welche wird es sein?

Das haben wir noch nicht entschieden. Da gibt es ein paar Alternativen. Es gibt ja nicht wirklich ein schwaches Lied auf der Platte, finde ich.

EMBRACE-front-draf-1008x1024Ganz schön lange her, seit wir das letzte Mal gesprochen haben!

Zehn Jahre, neun, acht?

So etwa zehn kommt hin, denke ich – mit der letzten Platte wart ihr ja nicht in Deutschland.

Stimmt, ja.

Es war beim Haldern Festival damals.

Ja, genau.

Schön zu sehen, dass das Album gut läuft. Platz 5 in den UK-Charts.

Ja, schon. Nachdem wir acht Jahre weg vom Fenster waren, macht einen das doch sehr happy. Meine Freunde fragen mich, wie wir das anstellen. Auch andere Bands fragen. Das ist ja nicht üblich, dass man mal mehrere Jahre einfach weg ist und dann wieder auftaucht. Aber wir haben es schon ein Mal geschafft, aus dem Nichts zurück zu kommen. Das scheint irgendwie unser Talent zu sein. Auch die Tour ist praktisch ausverkauft, es ist umwerfend.

Ihr habt jetzt sieben Jahre lang nichts veröffentlicht – das ist ja nicht nur eine lange Zeit, ihr müsst ja auch irgend womit inzwischen Geld verdienen. Habt ihr andere Jobs angenommen in der Zeit? Oder konntet ihr von dem zehren, was ihr vor der Pause verdient habt?

Wir haben einfach die ganze Zeit an dem Album gearbeitet. Jedenfalls fünf der acht Jahre, die wir abwesend waren. Und, tja, uns ist tatsächlich das Geld ausgegangen. Zum Glück kommt jetzt wieder was rein durch die Gigs, die wir spielen. Aber ja, das war eine verdammte Achterbahnfahrt. Aber wir wussten ja auch: Wenn wir’s noch mal reißen wollen, wenn wir noch mal zurück kommen wollen, dann müssen wir auch ein Album hinlegen, das besser ist als unser erstes. Was ja letztlich das ist, was wir schon seit 16 Jahren versuchen. Aber diesmal, glaube ich, hat’s endlich geklappt. Ich glaube, wir haben endlich die Platte gemacht, die besser ist als alle unseren vorherigen Alben. Entsprechend stolz sind wir.

Ich bin schon mal erstaunt, dass ihr immer noch die gleichen fünf Mitglieder seit, nach all den Jahren – und dass ihr in der Zwischenzeit nichts anderes gemacht habt. Man denkt sich: Sagen wir, euer Bassist kriegt ja sicher weniger Tantiemen als die Songwriter. Also denkt man: Er hat doch bestimmt zwischendurch in einem Büro oder in irgendeiner Bar arbeiten müssen und vielleicht irgendwann gesagt: „Sorry, Jungs, ich bin raus, ich muss jetzt mal was fürs Konto tun.“

Also, das Geld, das wir noch auf der hohen Kante hatten, das kam von Touren und Festivals. Von diesem Gehalt haben wir jedem ein monatliches Gehalt zugestanden. Aber vor ca eineinhalb Jahren war das Geld dann aufgebraucht, und ja, danach wurde alles sehr viel schwieriger. Aber da waren wir mit dem Album schon so weit, dass wir wussten, es geht bald wieder.

Ich will euch aber natürlich nicht über die Finanzsituation ausfragen. Es ist nur, weil man sich ja fragt, wie ihr die Jahre verbracht habt. Ob ihr längst neue Jobs hattet und Embrace nur noch nebenbei gemacht habt, als Hobby. Aber ihr habt euch komplett nur dieser Sache gewidmet.

Ja, so war’s. Nur so konnte es so gut werden, wie es werden musste.

Über neue Songs hast du ja schon 2011 in deinem Blog geschrieben. Es hat dann aber noch gedauert, bis sie fertig waren. Woran lag’s? War’s Perfektionismus?

Stimmt schon, seit fast fünf Jahren schon reden wir über dieses neue Album. Aber es ist halt nicht leicht, uns so zufrieden zu stellen, dass wir sagen: Das war’s! Jetzt sind wir so weit, jetzt sind wir fertig! Und wenn man in seiner Geschichte Lieder wie „Ashes“ geschrieben hat, wie „All You Good Good People“ oder „Fireworks“, dann ist es ja gar nicht so leicht, die zu toppen. Darum haben wir so lange gebraucht, aber dadurch sind auch Lieder wie „In The End“, „I Run“ oder „Refugees“ entstanden, oder „Thief On My Island“ – Lieder, die für mich zu dem besten gehören, das wir überhaupt gemacht haben. Also bin ich froh, dass es so passierte.

Ihr habt euch ja ordentlich gepusht, ihr habt einige Sachen auf der Platte gemacht, wie man sie auf den Platten vor der Pause von euch nicht gehört hat.

Ja, aber das ist natürlich eine natürliche Entwicklung. Ich glaube, wenn man die letzte Platte und diese hintereinander anhört, dann wirkt der Sprung vielleicht gar nicht so groß. Aber klar, auch in den letzten fünf Jahren gab es eine Million kleiner neuer Dinge, die entwickelt wurden, und die man annimmt, über die man sich entwickelt. Es ist ja nicht so, dass wir vorher nicht mit Technologie gearbeitet hätten. Das haben wir schon auf der ersten EP, schon auf „Now You’re Nobody“ haben wir mit Computern gearbeitet. Aber die Technologie hat sich weiterentwickelt, und man entwickelt sich mit ihr mit.

Bei einem Song wie „Quarters“ musste ich zum Beispiel an Bloc Party denken, der Song hat eine ähnliche Zackigkeit und Rhythmik wie einige ihrer Tracks.

Stimmt, Bloc Party sind ohne Frage ein Einfluss auf ein paar neuen Liedern. Wir wollten, dass ein paar der Songs eindringlicher rüber kommen, dass sie mehr Rock’n’Roll-Drive haben. Dass nicht so viele der Songs unsere typischen verträumten Balladen sind. Vor allem an den Drumsounds haben wir deswegen sehr lange gefeilt. Und speziell in dem Bereich haben wir viel gemacht, das es bei uns vorher noch nicht gab.

„Quarters“ oder „Self Attack Mechanism“ haben auch eine Aggressivität, wie man sie bei euch kaum kennt.

Da allerdings kann man schon vergleichbares finden von uns, wenn man sich alte EP-Tracks anhört. Songs wie „Brothers And Sisters“ oder „Too Many Times“ gab es durchaus, aber vielleicht nicht unbedingt auf den Alben. Vielleicht, weil es Experimente waren, die noch nicht unbedingt funktioniert hatten. Auf diesem Album jetzt aber waren es Experimente, die eben doch funktionierten. Wir haben ja so viel experimentiert, so viel Material erarbeitet, dass wir am Ende nur die geglückten Experimente auswählen konnten. Dass es am Ende nur die besten zehn Experimente von 500 aufs Album schafften.

Was wird dann mit den anderen 490 Tracks passieren? Kommen die ins Archiv?

Ach, es ist schon so einiges dabei, das wirklich stark ist, und das wir vermutlich als Basis fürs nächste Album verwenden. Auf dieser Platte sind ja auch 3, 4 Dinge, die es noch aus früheren Zeiten gab. Die Strophe von „Devil Looks After His Own“, die Strophe von „At Once“, den Refrain von „In The End“, die sind alle schon älter. Auch diesmal haben wir ein gutes Dutzend solcher Strophen oder Refrains, die für sich stark, aber noch nicht abgeschlossen sind. Songs, bei denen der Refrain bereits echt stark ist, die aber noch die richtige Strophe brauchen. Das bedeutet hoffentlich auch, dass man auf die nächste Platte nicht wieder acht Jahre warten muss.

Der Song „Self Attack Mechanism“ liegt dir aus einem zweiten Grunde am Herzen – ich habe deinen Blogeintrag erst vor kurzem gelesen. Du schreibst darin über eine posttraumatische Belastungsstörung und Angstzustände, die dich lange verfolgten. Man ist ja immer erstaunt, wenn man so etwas liest, denn man denkt: Diese Leute, die sich auf eine Bühne stellen – die müssen ein unerschütterliches Selbstbewusstsein haben und total mit sich im Reinen sein.

Ich finde diesen Glauben, dass Sänger in Bands total ausgeglichen sind, immer fast schon witzig. Denn die meisten Typen, die man so kennenlernt, die in Bands sind, sind zwar latent narzisstisch veranlagt, aber sie haben oft nur sehr wenig Selbstbewusstsein. Und „Defense Mechanism“ ist wahrscheinlich wirklich das beste Wort dafür – es ist nur eine Art Schutzmechanismus für sie, sich auf eine Bühne zu stellen. Tja, haha, ich würde echt nicht sagen, dass all die Sänger der Welt mit sich im Reinen sind. Denn ich habe eine Menge von ihnen getroffen und wir sind fast alle gestörte Bastarde, haha! Die Leute, die ich so kenne, die glücklich und ausgeglichen sind, das sind Leute mit sehr einfachen Jobs, oft im Grünen. Leute, die in Gärten arbeiten, oder am Meer die Pegelstände ablesen. Das sind die, die vor sich hin pfeifen und kleine Hüpfer im Schritt haben, wenn sie die Strasse entlang laufen. Leute in der Kreativ-Industrie sind dafür oft ziemlich gequälte Seelen. Aber gut, es hat uns ja niemand drum gebeten. Wir können niemand anderem die Schuld geben, dass wir diesen Job gewählt haben, als uns selbst.

Aber wenn du diese Probleme länger schon mit dir herum trägst, hast du dann nicht darüber nachgedacht, vielleicht einfach einen dieser Gärtnerjobs anzunehmen und künftig fröhlich pfeifend durch die Strassen zu gehen?

Oh, das habe ich, auf jeden Fall! Ich denke die ganze Zeit drüber nach! Es ist schon schwierig. Aber Musik zu machen, das ist ja nun mal auch das, was mich antreibt. Ich habe da nicht wirklich die Wahl, was das angeht. Es ist etwas, das dich vollkommen vereinnahmt. Es lässt Platz für nichts Anderes. Ich habe im Grunde genommen alles andere, was mir etwas bedeutet, dafür verdrängt, nur um mich auf meine Musik konzentrieren zu können. Ich bin ein 43 Jahre alter Mann, der immer noch nicht sesshaft geworden ist, der nicht verheiratet ist, keine Kinder hat oder so etwas in der Art. Und das ist das Ergebnis davon, dass ich wirklich immer nur von Musik und von Songs besessen war. Also, ich meine, mein Privatleben ist gerade besser als je zuvor, aber es ist auch auf jeden Fall ein anderes, als ich mit 20 gedacht hätte, wie es mal aussehen würde. Und der Grund ist, dass ich dem Privatleben nie den Aufwand zugestanden habe, den es verdient. Ich habe immer nur alles, was ich hatte, in meine Musik gesteckt.

Als ich den Blogeintrag jedenfalls gelesen habe, dachte ich mir: Mensch, hoffentlich ging’s ihm okay in diesen Jahren.

Also, mir geht es heute besser. Das mit der posttraumatischen Belastungsstörung war viel schlimmer, als ich jünger war. Aber es ist immer noch das, wo vieles in meinem Songwriting herkommt – und es ist auch so, dass viele andere Leute verlautbart hatten, das sie unter Depressionen litten. Leute, von denen ich inspiriert war, so dass ich mir dachte: Über posttraumatische Störungen wird nicht so oft geredet. Und ich dachte mir: Wenn ich damals mit 19 im NME von jemandem gelesen hätte, der sich über seine PTBS äußert, dann hätte mir das geholfen, mich nicht so alleine zu fühlen. In meinem Blog darüber zu schreiben, dachte ich, ist ein angemessener Ort dafür.

Danke fei, dass du so offen bist. Ich find’s schon durchaus komisch, dich zehn Jahre nicht gesprochen zu haben und dich nun über so private Dinge auszuhorchen.

Denk dir nix, Henning, ich bin in einer Band. Ich bin es gewohnt, dass Leute von mir Privates wissen wollen. Das ist nicht das erste Mal und es wird nicht das letzte Mal sein.

Du bist 43 ohne Kids, ich bin auch 43 ohne Kids.

Haha, wir müssen das geregelt kriegen, Mann!

Naja, irgendwie denke ich: Wenn ich der Typ wäre für dieses Leben mit Langzeitbeziehung und mit Kindern, dann würde ich es ja wahrscheinlich führen. Oder ich würde dieser Sache ganz anders hinterher jagen, als ich es tue. 

Ach – man weiss nie. Vielleicht passiert’s dir ja mit 44. Man weiss es nicht.

Genau, ich schaue halt, was passiert. Aber ich habe halt das, was man „die Liebe“ nennt, schon mal erlebt, und drunter will ich auch nicht anfangen.

Also, da musst du vorsichtig sein. Denn keine zwei Menschen erwischen dich auf die gleiche Art und Weise. Manchmal passiert es, dass du gleich beim ersten Treffen von jemand voll erschlagen bist. Aber das führt dazu, dass dir das nicht noch mal passiert, weil du, ohne dass du es gemerkt hast, deine Deckung hoch hältst.

Das mag schon stimmen.

Ich war das letzte Mal vor ziemlich langer Zeit verliebt, aber diese Liebe war unerwidert, und das hat mich fast sechs Jahre echt kaputt gemacht. Am besten gibt man jedem seine Chance. Letztendlich geht es nicht darum, wie andere auf dich zukommen. Um sich zu verlieben, muss man zuerst mit sich selbst klarkommen. Man muss sich selbst lieben. Und wenn man das tut, wenn man glaubt, man ist es wert, geliebt zu werden, dann triffst du auch die richtige Person. Du wirst dich wundern – die meisten Leute glauben, es kommt von außen, sie denken, es wird jemand auftauchen, der kommt und alles wird gut. Aber so läuft das nicht. Man muss erst mit sich selbst happy sein, hinterher kommen sie dann.

Also, klar, ich laufe nicht durch die Gegend und trompete „Boah, bin ich super!“ Aber ich bin schon durchaus mit mir im Reinen, so ist das gar nicht. Hey, dies wird zu einer Therapie-Session für mich, aber wir wollen doch über eure neue Platte reden! Es ist sehr nett, mit dir auch über so etwas zu sprechen, aber wir haben hier doch einen Job zu erledigen!

Ich bin seit kurzem Onkel, du bist es ja schon lange. Die Kinder von deinem Bruder, Gitarrist Richard, müssen sogar inzwischen Teenager sein. Ich fragte mich daher: Beeinflussen die Plattensammlungen der Kids schon das, was ihr so tut?

In der Tat, wir hören sehr auf das, was Richs Kinder sagen. Sie haben ein echt gutes Gespür. Wenn sie etwas von uns hören und total verabscheut das Gesicht verziehen, dann weisst du, es ist vermutlich echt eher daneben. Aber es passiert auch, dass man sich über etwas vielleicht nicht ganz sicher ist, aber sie hören es und sind ganz begeistert. So: „Wow, was ist DAS, das ist IRRE!“. Wir lassen uns ganz zweifellos von ihnen beeinflussen.

Haben sie euch schon Bands gezeigt, die ihr ohne sie nicht gefunden hättet?

Das nicht, weil wir selbst immer noch sehr informiert sind, was das angeht. Wir sind Musikfans, es ist halt so. Wir kümmern uns nach wie vor um das, was erscheint und halten uns auf dem Laufenden. Aber Ella zum Beispiel, Richard’s Älteste. Wenn sie einen Song von uns nach ein paar Mal Hören für gut befindet, dann wissen wir: Okay, der ist und ganz offenbar gelungen.

In den letzten Jahren habe ich unabsichtlich meine Hörgewohnheiten geändert. Anstatt Alben durchzuhören, stelle ich meistens meinen Rechner auf Shuffle. Ich habe also lange keine Embrace-Alben mehr gehört, ich habe Embrace immer nur gehört, wenn mein Shuffle sie zufällig gepickt hat. Wie ist das bei dir? Hast auch du deine Art, Musik zu hören, geändert?

Hmmm – tatsächlich, das habe ich. Wenn ich zum Beispiel einen Song von einer neuen Band höre, und der Song gefällt mir, dann gehe ich heute als Erstes auf Spotify und klicke jeden anderen Song der Band an. Ich höre dann in die ersten 30 Sekunden rein, ob die mir genauso gefallen wie der erste Song. Man kann Musik heute viel leichter verschlingen! Man merkt auch, wie viel wichtiger heute Live-Konzerte und -Erfahrungen sind. Weil das die eine Sache ist, die das Internet noch nicht ruiniert hat. Auch wenn diese Meere aus Mobiltelefonen natürlich auch was kaputtmachen, so ist doch das Live-Erlebnis immer noch eine der letzten realen Musik-Erfahrungen, die man mitnehmen kann. Mit echten Menschen um einen herum.

Dazu wollte ich ohnehin etwas fragen: Nämlich, was die größten Unterschiede sind, die du in den fast 20 Jahren auf der Bühne feststellst.

Ach, da hat sich nicht so viel geändert. Aber ich habe den Eindruck, Konzerte sind ist wertvoller geworden. Weil sie noch nicht ruiniert wurden. Es sind immer noch fünf Jungs mit Gitarren und ein Publikum – die ursprünglichen Bestandteile des Rock’n’Roll sind hier unangetastet. Selbst das Internet wird diesen Rock’n’Roll nicht killen können.

Ihr habt ja auch wirklich ausgesprochen treue, hingebungsvolle Fans.

Ich weiss, ich weiss. Dafür sind wir auch extrem dankbar. Ohne diese Fans wären wir nichts. Sie sind diejenigen, die uns diese Woche in die Top 5 gehievt haben. Sie sind die, die die Konzerte auf unserer Tour ausverkauft haben. Also echt, Embrace müssen die besten Fans in der Welt haben. Klar, das sagen alle Bands. Aber die anderen liegen falsch!

Die Fans hatten sogar eine Kampagne am Laufen, mit der sie euch auf die Nummer Eins kriegen wollten. 

Stimmt, ja. Vor ein paar Jahren haben sie versucht, die Single „Ashes“ auf die 1 zu kriegen, jetzt haben sie’s generell erweitert auf „Embrace muss Nummer Eins werden“.

Da gab es zum Beispiel die Rezension Eurer Platte im Guardian – normalerweise kriegen solche Rezensionen zwei Kommentare. Eure hatte in wenigen Stunden 40, 50.

Hahaha. Ich habe gehört davon. Gesehen habe ich’s nicht.

Die Rezension war eigentlich gar nicht so schlecht. Im Text war der Autor recht positiv. Trotzdem gab er nur zwei Punkte. Da fragt man sich, ob ihn jemand von oben überstimmt hat. Naja, jedenfalls waren Eure Fans ziemlich zornig.

Also, ich habe es irgendwie geschafft, alles, was negativ geschrieben wurde, zu ignorieren. Das einzige negative, was ich gelesen habe, war die Review im NME. Ansonsten habe ich nur die besseren Artikel mitbekommen. Mein Management hat mir nur die guten geschickt, haha. Die negativen lese ich nicht, weil ich jetzt ja nichts mehr an der Platte ändern kann, jetzt wo sie draußen ist. Wenn wir anfangen werden, an der nächsten Platte zu arbeiten, dann nehme ich mir auch die negativen Kritiken vor. Dann schaue ich nach, ob da was konstruktives dabei ist, das wir uns zu Herzen nehmen können und das mich vielleicht inspiriert, etwas besseres zu schreiben.

Diese Einstellung überrascht mich – vielleicht war es naiv, aber ich dachte immer, dass negative Kritik an Leuten, die schon praktisch alles mitgemacht haben, abperlt.

Naja, aber wenn jemand etwas sagt, womit er einfach Recht hat – na, klar, das tut auch manchmal weh. Generell sind negative Kritiken aber eher frustrierend als schmerzend. Oft schreiben Autoren viel mehr über den Kontext. Als wir damals bekannt wurden, war das gegen Ende der Britpop-Ära. Also schreiben die Leute heute oft gar nicht über die Texte oder die Musik selbst, sondern sie schrieben Verallgemeinerndes über die damalige die Szene an sich. Als hätten sie Angst, die konkreten Dinge anzusprechen. Vielleicht ist es für sie irgendwie leichter, über was Abstraktes zu schreiben? Sie schreiben also über die Bandgeschichte, über das damalige Umfeld, über unseren Platz in der Welt, über den Stil der Musik – aber nicht über die tatsächlichen Lieder. Manchmal hören sie nicht mal hin. Ich meine, der Autor im NME meinte, meine Stimme auf „Refugees“ sei schwach…

…dabei singt die Nummer dein Bruder Richard. Ja, das habe ich auch gesehen. Da haben Eure Fans ihm die Leviten gelesen.

Ja, aber das hat sich doch der Journalist auch einfach null Mühe gegeben. Aber es gibt uns nun mal schon so lange – jeder Journalist hat sich seine Meinung über uns schon gebildet, jeder hat von uns in der Vergangenheit schon gehört. Aber trotzdem, wenn man über die neue Platte schreiben soll, ist es da nicht einfacher, einfach die Musik anzuhören? Anstatt sich über das Gesamtbild auszulassen, das man von uns vorgefertigt hat?

Wobei ich meine Zunft insofern verteidigen muss, weil ich die Situation kenne, in der jemand in der Tür steht und sagt: „Kannst du mir in der nächsten halben Stunde 500 Zeichen über dieses Album schreiben?“ Dann hat man dieses enge Korsett an Zeit und Buchstaben, in denen man gar nicht in die Tiefe gehen KANN. Auch wenn es extrem unfair ist, etwas in wenigen Minuten auf den Punkt bringen zu sollen, an dem die Macher Monate, Jahre, saßen. Da kann man schon mal ein schlechtes Gewissen kriegen.

Ja, das sehe ich ein. Für den Journalisten ist in dem Moment wichtig, als clever zu rüber zu kommen. Anstatt wirklich clever zu sein. Tja, das ist halt echt schade.

Was mir aufgefallen ist, ist dass sich mehrere Autoren über eure „rousing choruses“, eure mitreissenden Refrains, ausließen. Da frage ich mich: Wozu bitte sind Refrains denn da? Ist es nicht ihr SInn und Zweck, einen zu packen? 

Yeah. Tja, ich denke, sie unterstellen uns halt dabei pompösen Stadion-Bombast. Der da aber einfach nicht vorhanden ist. All diese Lieder funktionieren auch als runter reduzierte Versionen auf der akustischen Gitarre. Es steckt viel Tiefe in dem, was wir machen. Aber manche Leute glauben eben, sie wissen schon alles, wenn sie sich die Platte ein Mal am Sonntag Nachmittag nebenbei anhören, während ihre Deadline schon anklopft… und sie glauben, es wäre cooler, wenn sie, sagen wir, das neue Album von The Family Band gut bewerten, weil die zur Zeit nun mal auf dem aufsteigenden Ast sind… aber hey, ich darf mich nicht beschweren. Wir haben davon ja auch mal profitiert. Wir hatten all die Titelstories, als wir neu waren. Das muss man dann einfach akzeptieren. Wenn du als Band Langlebigkeit willst, dann wird es passieren, dass manche Leute mit der Zeit ihr Interesse an dir verlieren. Aber es gibt viele Leute, die sich nicht nur an diesen Medien orientieren, und so lange wir unsere treuen Fans haben, wird für uns alles okay sein.

Wir haben angesprochen, dass eure Band fast 20 Jahre alt ist. Nächstes Jahr wird es so weit sein. Habt ihr schon etwas geplant?

Nein – wir planen eigentlich nie so weit voraus. Das ist wie bei einem Videospiel – ab einer bestimmten Distanz ist alles schwarz. Man weiss erst, was kommt, wenn man kurz davor steht.

Aber vielleicht fällt dir ja jetzt etwas ein, wo ich dir die Idee in den Kopf gesetzt habe.

Tja, wenn ich nachher zu den Jungs gehe, spreche ich es mal an, haha.

Du musst sie alle schön grüßen, bitte.

Aber klar doch!

Alright! Vor Jahren sagtest du mal in Interviews, dass du an einem Roman schreiben würdest. Ist da etwas draus geworden?

Ich habe da in der Tat dran gesessen. Ich habe zuletzt aber doch der Arbeit am Album Vorzug gegeben. Jetzt stehen natürlich all die Tourneen an. Aber wenn wir das hinter uns haben, dann will ich mich wieder dran setzen.

Wie sieht’s sonst so mit den Zukunftsplänen aus? Meinst du, dieses Mal klappt es mit Deutschlandterminen?

Ich hoffe es schon. Uns hat es in Deutschland immer Spaß gemacht. Letztendlich macht es aber natürlich nur dann Sinn, wenn es auch einen Markt gibt für uns. Die Budgets von Plattenfirmen sind heutzutage sehr eng, und unterstützen kann man uns nur, wenn man glaubt, dass wir dann auch Platten verkaufen. Letztendlich hängt es ab von Leuten wie dir und den Magazinen, die das Interesse an uns wieder generieren müssen. Wenn es die Möglichkeit gibt, würde ich es natürlich lieben, nach Deutschland kommen.

So, und damit ist meine halbe Stunde jetzt fast um. Ich wollte zum Schluss versuchen, etwas Lustiges im Interview zu haben. Was war denn der Moment in den letzten Wochen und Monaten des Comebacks, der dich am meisten zum Lachen gebracht hat?

Äähm – ich denke, das war beim Videodreh zu „Refugees“. Richard muss mich in diesem Video tragen, eine Straße entlang, unter einer Brücke durch… er trägt dort entweder mich, oder seinen Sohn, der eine junge Version von mir spielt. Jedenfalls, im Laufe des Drehs waren seine Arme natürlich irgendwann völlig am Ende. Zum Schluss hat er mich nicht mehr hoch heben können, seine Arme haben nicht mehr mitgemacht.

Kein Wunder – du bist ja auch ein gutes Stück größer als Richard.

Was wir also gemacht haben, war, dass wir Steve, unserem Bassisten, Richards Klamotten angezogen haben. Wir wollten ihn für ein paar Szenen zumindest von hinten filmen, damit es so aussähe, als wäre das Richard. Der Regisseur hat ihm also alles noch mal erklärt, und Steve so: „Mach mal locker, das klappt schon alles.“ Also bückte er sich, um mich hochzuheben – und als Nächstes lagen wir beide nebeneinander am Boden! Da haben wir alle schon sehr gelacht! Steve konnte mich keine fünf Sekunden lang heben! Richard hatte den ganzen Tag durchgehalten, und Steve packte nicht mal wenige Sekunden!

Alles klar – interessant zu wissen, dass Richs Sohn mitspielt, da werde ich drauf achten, wenn ich das Video das nächste Mal anschaue.

ja, und es kommt auch ein Mädchen im Clip vor, sie sitzt auf einer Bank mit einen Hund. Das ist seine Tochter, und es ist sein Hund.

Alles klar – vielen Dank, es hat mich gefreut, mal wieder mit dir zu sprechen!

Danke, ganz meinerseits – und mit etwas Glück schaffen wir es ja vielleicht nach Deutschland!

Andernfalls muss ich wohl mal wieder auf die Insel kommen.

Ja, melde dich!

Wird gemacht! Für heute sage ich dann hiermit Tschüß!

Cheers, Bye!

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