Interview: Graveyard Train

Graveyard Train

Was, bitteschön ist „Horror-Country“? Das ist das, was Graveyard Train betreiben. American Gothic Sounds mit Psychedelia und Augenzwinkern – und mit der falschen Heimat. Denn dies sind keine Voodoo-Sumpfunken aus Louisiana, sondern: Australier. Es folgt: Ein email-Interview nach Melbourne mit Graveyard Train – Frontmann Nick Finch.
(Das Interview hätte natürlich schon im Juli auf dem alten Blog erscheinen sollen, aber … yada yada yada … naja, jetzt gibt es ja den neuen.)

Eure Band besteht aus sieben Leuten (zumindest 2012, als „Hollow“ in Australien erschien). Eine ganze Menge – kriegt man alle dazu, am gleichen Strang zu ziehen? Was sind die Pros und Contras eines Septetts?

Nick Finch: Was das Songwriting angeht, liegen wir alle auf einer ähnlichen Linie, obwohl wir so viele sind. Wir haben alle verschiedene Einflüsse und Ideen, aber wir alle haben eine Art Vorstellung, was der Geist dieser Band darstellt, was als Graveyard Train Song funktioniert und was nicht und deswegen vielleicht eher für ein anderes Projekt verwendet werden sollte. Manchmal reizen wir die Grenzen, was Graveyard Train darstellt, schon aus. Aber gerade das gehört auch wieder zu uns. Wir sind nicht richtig Country, nicht richtig Rock, nicht richtig Gothic, nicht richtig wasauchimmer. Unser Genre wechselt wie Suppe des Tages auf der Speisekarte – weil wir eben so viele Songwriter sind. Wenn so viele Leute mitschreiben, ist es eine logische Folge, dass die Musik abwechslungsreicher ist als bei einem Quartett. Der Nachteil ist, dass es extrem schwer ist, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, wenn wir nicht im Studio oder auf Tour sind. Ich sage immer: Graveyard Train zu etwas zu bewegen, das ist, wie eine Herde Katzen zu treiben. Außerhalb der Bands leben wir völlig verschiedene Leben. Zwischen dem ältesten und dem jüngsten Bandmitglied liegen 12 Jahre, also gehen wir im normalen Leben in ganz unterschiedliche Richtungen. Als wir „Hollow“ aufnahmen, da waren wir zu siebt, jetzt sind wir nur noch zu sechst, aus eben diesem Grund. Matt, unser Mann am Washboard, entschied sich, seine Karriere als Grafiker jetzt vorantreiben zu müssen, und seine Karriere als Washboard-Spieler dafür an den Nagel zu hängen. Was völlig legitim war. Denn in so einer großen Band zu sein, bedeutet ja auch, permanent pleite zu sein. Wenig geteilt durch Sieben, das ist richtig wenig.

Ihr macht als Country-ähnliche Musik. Da ich den Film „The Proposition“ gesehen habe, weiss ich um die Parallelen zwischen Australien und den USA. Zwei Länder mit junger Historie, die von der Küste aus ihren „wilden Westen“ erschlossen. Allerdings liegt Melbourne ja weit weg vom Westen. Was für eine Verbindung spürt ihr also zur archetypisch amerikanischen Kunstform Country?

Ganz am Anfang arbeiteten die meisten von uns gemeinsam in einer Bar/Plattenladen namens Prudence. Da lernten wir uns näher kennen, und die Band begann damit, dass wir uns dort gemeinsam obskure, alte, zumeist amerikanische Country Platten anhörten. Diese Platten hatten eine Ästhetik, die uns als junge betrunkene Typen ansprach. Aber auch Wu-Tang (noch so eine archetypisch amerikanische Band) haben uns extrem beeinflusst, in der Hinsicht, dass auch bei ihnen alle durcheinander singen und sie auf der Bühne echt ein Fass aufmachen. Andererseits – wir sind uns auch einig, dass ein Großteil der amerikanischen (aber auch der australischen) Country Music fürchterlich ist und wir nichts damit anfangen können. Und auch damals, als wir die alten Country-Sachen raussuchten, zog es uns immer zu den traurigen, dunkleren Songs. Zu den Songs in Moll. Davon gab es meistens nur einen oder zwei pro Album. Dieser traurigere, schrägere Country war es, der uns ansprach, die menschliche Seite. Nicht der Kram, wo’s ums Erobern des Landes oder Reiten auf Pferden geht.

Ihr tourtet schon in der ganzen Welt, und auch in den USA: Wie reagieren die Leute da auf euch? Man könnte ja sagen, ihr tragt dort Eulen nach Athen.

Da haben wir das große Glück, dass die Leute immer auf uns abzufahren scheinen, egal wo wir hingehen. Man hat uns schon sehr böse angeguckt in den Staaten und in Kanada, wenn wir in unseren Texten schreien, dass es keine Seele gibt und dass auf uns nur das große schwarze leere Nichts wartet – trotzdem scheinen die Leute es zu lieben, wenn darüber singt, dass wir alle eines Tages sterben müssen. Und auch wenn wir Instrumente wie Banjo, Dobro udn Harmonica spielen, glaube ich doch, dass wir keine typische Country Band sind. Die Lute reagieren jedenfalls sehr gut auf die Art, auf die wir mit den Vorstellungen, was Country sein kann, spielen.

Gibt es etwas an Euch, das unmissverständlich australisch ist?

Ehrlich gesagt bin ich mir da selbst nicht sicher. Australien ist ein sehr großes und facettenreiches Land. Es gibt viel, auf das wir stolz sein können und viel, für das wir uns schämen müssen. Das Gleiche gilt für australische Musik. Es gibt sehr viel davon, es gibt sehr unterschiedliche Musik, aber im Radio läuft auch ein Riesenhaufen Mist. Australischer Mainstream Country ist meistens ziemlich fürchterlich – das klingt alles wie das, was in Nashville Mitte der 90er gemacht wurde. Aber Graveyard Train kommen aus Melbourne, und das ist sowas wie Australiens Hauptstadt für Musik und Kunst. Vielleicht haben wir ja was, das unmissverständlich Melbourn’isch ist? Zum Beispiel geht es uns – wie den meisten Bands aus Melbourne – nicht darum, den Erfolg hinterher zu jagen. Wir machen einfach nur was wir mögen und haben Spaß dabei.

Melbourne hat eine sehr aktive Szene mit sehr verschiedenen Sounds (ich finde zum Beispiel, Alpine und World’s End Press gehören zu den stärksten Indie Bands, die zur Zeit unterwegs sind – und ich mag diese „Dolewave“-Geschichte mit Dick Diver, Lower Plenty, Twerps etc). Gibt es Austausch unter diesen sehr verschiedenen Szenen? Oder agieren die Bands mehr parallel, nebeneinander her? Was kannst du uns über die Musikstadt Melbourne erzählen?

Ich bin echt happy, dass du gerade all diese Namen genannt hast – denn ich bin der festen Überzeugung, dass Melbourne zur Zeit eine der Musikhauptstädte der Welt ist! Super, dass auch in Europa zugehört wird! Wir haben eine unglaubliche Szene, die gerade deshalb so gut funktioniert, weil all die verschiedenen Bands sich so austauschen. Es gibt viele tolle Läden, in denen jeden Abend eine Band spielt. Fast alle Barleute spielen in Bands, und alle unterstützen sich gegenseitig. Es gibt keine für sich geschlossenen Mikro-Szenen, wo die Bands mit bestimmten Sounds in bestimmten Läden unter sich bleiben – im Gegenteil, so viele Bands unterstützen sich gegenseitig, obwohl sie aus völlig verschiedene Genres kommen! Unser Drummer singt zum Beispiel in einer Dolewave Band namens The Rolling Blackouts – wenn du auf sowas stehst, hör sie dir an!
Der Nachteil ist der, dass Melbourne nun mal weit weg liegt vom Rest der Welt. Manchmal fühlt es sich an, als seien die Bands hier gefangen. Als bekämen sie nie die Möglichkeit, sich mal in den USA oder Europa zu zeigen. Es ist einfach zu teuer für eine Band, die vielleicht von der Arbeitslosenunterstützung lebt, mal zu euch rüber zu kommen. Dann spielen diese unglaublichen Bands nur in Melbourne und der einen oder anderen australischen Stadt und verschwinden spurlos in der Versenkung. Gott sei dank gibt’s das Internet, was? Ich muss meinen Freunden in Lower Plenty nachher unbedingt erzählen, dass sie in einer deutschen Zeitung erwähnt werden! (Übrigens: Echt viele Bands stehen auf Aussie Rules Football – es ist also auch nicht so, dass es so was wie einen Jocks vs Geeks-Konflickt gäbe) Also: Alle möglichen Leute spielen in Melbourne in Bands, und sie alle besuchen gegenseitig ihre Konzerte. Wenn dir unser Zeug gefällt, dann solltest du dir zum Beispiel anhören: Cash Savage & The Last Drinks, Eaten By Dogs, Cherrywood, Twin Beasts, The Murlocs, The Peep Tempel, Courtney Barnett, Little John, Sagamore, Harmony – Es gibt haufenweise der besten Bands hier unten, von denen du noch nie etwas gehört hast!

Die Liste der gespielten Instrumente im Booklet eurer CD nennt unter anderem den „Wooden Dry Wall Hammer“, die „Galvanised Chain“ und den „Iron Ball Peen Hammer“. All das benutzt ihr tatsächlich als Intrumente? Wie kam das zustande, und wie setzt ihr sie ein? Und: Wenn ihr auf Tour geht, wie erklärt ihr den Zollbeamten, dass das eure Instrumente sind?

Als wir die Band gründeten, da waren wir alle unglaublich betrunken. Adam kam am nächsten Tag zu unserer Bandprobe mit Hammer und Kette und bestand felsenfest darauf, dass wir gemeinsam entschieden hätten, dass die seine Instrumente in der Band sein sollten. Wir konnten uns alle nicht mehr daran erinnern, aber es klang nach einer guten Idee, also macht er das jetzt. Lustig: Sein einer Bizeps ist jetzt erkennbar dicker als der andere! Bei den Aufnahmen zu „Hollow“ war Adam dann ein bisschen übermotiviert und probierte mehrere Hämmer aus. Beim Reisen nimmt er normal nur einen mit, das reicht auch. Das ist kein Instrument, bei dem man plötzlich Ansprüche stellen muss. Und ja, die Zollbeamten haben schon oft ziemlich geschaut. Einmal hat Adam vergessen, die Dinger einzuchecken und musste sie im Handgepäck mitnehmen. Der Security-Typ hat fast die Waffe gezogen, als er die Kette und den Hammer auf dem Bildschirm sah!

Wenn man die CD öffnet und sie aus dem Umschlag holt, dann sieht man als erstes im Inlay einen Totenschädel, der einen anschaut und sagt: „Eines Tages siehst auch du so aus!“ Macht ihr immer so gute Laune? Was ist die Idee dahinter?

Ich kann nur für mich sprechen, aber meine Lieder auf der Platte gehen übers menschliche Befinden – über die Tatsache, dass wir alle sterben werden und dass uns kein Himmel oder kein Jenseits erwartet, wenn es passiert. Das Artwork ist eine Ergänzung zu dem Erzählbogen der Lieder. Dieser Zustand ist etwas, das für uns alle etwas Schreckliches ist, das wir aber jeden Tag verdrängen. Ich bin mir sicher, dass sich das in der Evolution heraus gebildet hat. Die Menschen gehen durch ihr Leben und ignorierne ihre Sterblichkeit – obwohl sich um uns die Leiber türmen – und wir wollen Leute nicht damit konfrontieren, um sie nicht zu beunruhigen. Die Menschen haben auch Angst vor Skeletten – dabei steckt eins in jedem von ihnen! Und wo ich das alles gesagt habe, glaube ich trotzdem nicht, dass die Tatsache, dass unsere Existenz etwas so flüchtiges ist wie ein Herbstblatt im Wind, unbedingt etwas Negatives ist. Es heißt eher, dass wir nur ein Leben haben und es deswegen feiern sollten!

Seit Mumford & Sons sind Banjos wieder gern gesehen auf Bühnen, aber sie waren auch nervig omnipräsent. Wie siehst du das – hatte ihr Erfolg auch auf euch positive Auswirkungen, sind die Leute ihretwegen offener für folkige Klänge?

Ich habe keinen großem Unterschied festgestellt. Wir waren nie und werden nie eine Band für den Mainstream sein, deswegen weiss ich nicht, ob Veränderungen im Mainstream sich auf unser Publikum auswirken. Ich kenne die Band auch nicht gut genug, um kommentieren zu können, was sie machen. Vielleicht war’s unterbewusst, aber als sie gerade durch die Decke gingen, da haute unser Banjo-Spieler Josh sein Banjo gegen die Wand und erklärte, jetzt E-Gitarre lernen zu wollen. Auf „Hollow“ hört man nun auch sehr viel mehr elektrische Gitarren und Dobro als Banjo.

Kannst du mir eine lustige Anekdote aus eurem Bandleben erzählen? Zum Beispiel über die schrägste Show, die ihr je gespielt habt?

Die verrückteste Show, die spielten wie hier in Melbourne für Gefangene und ihre Familien hier im Port Phillip Maximum Prison. Das hatte ein örtlicher Radiosender organisiert. Es schien eine prima Idee, wir stellten uns das lustig vor, wir dachten, das wird unsere „Johnny Cash at Folsom Prison“-Show. Tatsächlich war es aber wirklich bedrückend dort. Einfach nur ein Haufen echt harter Typen mit ihren Frauen und Kindern an einem wirklich fürchterlichen Ort. Unsere Show war schon okay und sie schien gut anzukommen – den Hammer und die Kette durften wir natürlich aber nicht mitnehmen. Auf dem Rückweg dachten wir, wir hätten einen Drumstick verloren – da machten die Wärter einen Riesenstress! Denn da hätten wir ja ein Klappmesser drin versteckt haben können! Zum Glück haben wir ihn noch gefunden. Naja, sagen wir’s so: Noch nie hatten wir ein so gefesseltes Publikum.

So, was sind nun eure nächsten Pläne?

Nun, unsere Alben „Hollow“ und die brandneue „Takes One To Know One“ wurden gerade in Europa veröffentlicht, also wollen wir Ende Juli / Anfang August hoch kommen. Was uns hier gerade sehr beschäftigt: Wir haben unser eigenes Label gegründet, Black Hat Rackets – das ist sehr spannend! Wir wollen in Bälde Platten von so tollen Bands wie Eaten by Dogs oder Cherrywood veröffentlichen. Wir freuen uns auf die Arbeit mit diesen Bands und darauf, ihnen dabei zu helfen, Gehör zu finden!

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