Interview: July Talk

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So, es geht los. Ein paar Monate ohne Blog – da hat sich ein kleiner Stapel Interviews angestaut, die nun alle auf die Welt losgelassen werden wollen. Los geht’s mit July Talk. Das kanadische Quintett ist für mich eine der Entdeckungen des Jahres – da herrscht eine knisternde Elektrizität zwischen dem Front-Paar Leah Fay und Peter Dreimanis, die ich noch bei keiner anderen Band erlebt habe. Nach 60 Jahren Rock’n’Roll will das schon was heißen. Auch und gerade live kann man unmöglich weggucken: Peter geht ab, als stünde er unter einem Druck, dass ihm der Kopf platzt, und endlich darf er ihn entladen – immer wieder entfahren ihm kathartische Schreie. Leah, das ist das Tolle, nimmt diese Ausbrüche nicht ernst. Sie teast Peter, sie hat die Hände am Steuer, nur, um sie dann umso grinsender in die Luft zu reißen und sich auf den Crash zu freuen wie damals die Jungs von MTVs „Jackass“.

Im Juli spielten July Talk im Atomic. Ich hatte eine ganze Stunde Interview, denn wir führten erst ein „normales“ (Hüstel!) Gespräch über ihre Musik, und danach spielten wir unseren lustigen Fragebogen durch. Teil 2 wird hier in absehbarer Zeit folgen. Wir beginnen mit dem klassischen Interview, backstage im Atomic an einem der heissesten Tage 2014. Leah ist zuerst da, wir führen ein bisschen Smalltalk, als ich das Aufnahmegerät einschalte. Noch was: Wenn ihr die Aussagen von Peter lest, stellt sie euch SEHR LAUT gesprochen vor. Mit weit aufgerissenen Augen und wilden Gesten, die das Ganze untermalen. Peter ist ein intensiver Typ. Fürs Interview klickt hier:

…Habt ihr in Toronto auch manchmal so eine Hitze?

Leah: Auf jeden Fall, ja. Es ist so, Toronto liegt am Ontariosee. Wenn bei uns 25° Grad herrschen, dann ist es automatisch auch extrem schwül. Dann denkt man gleich, es wären 40°.

Sieh an, ich dachte, die Lage am See macht es leichter. Aber es ist umgekehrt, offenbar?

Leah: Genau, die Luft wird dadurch extrem schwer und dicht. Und dann ist da all der Smog aus der Stadt.
(jetzt stößt auch Peter zu uns) Peter: So, jetzt bin ich auch so weit.

Alles klar! Man hat dich vorgewarnt, dass dies gleich zwei Interviews werden? Ein „Normales“ und auch ein Fragebogen, der mehr so Spaß ist.

Peter: Also dann gibt’s zuerst den Fragebogen, und dann ein Interview?

Ich glaube, wir sollten’s lieber andersrum machen. Der Fragebogen ist das, wo man nicht nachdenken muss, ich glaube, wenn so ein Interview länger läuft, ist es besser zu wissen, dass das Leichtere im zweiten Teil kommt.

july talk 6Peter: Mir gleich. Ganz wie du meinst.
Leah: Schreibst du unsere Bio für Universal?
Peter: Nee nee, das ist nicht dieses Gespräch.

Ich habe aber in der Tat den Text geschrieben, den die Universal an die Radios geschickt hat, gemeinsam mit eurer hierzulande ersten Single „Paper Girl“. Ich habe Peter in dem Text mit dem Krümelmonster verglichen.

Peter: Hahaha!
Leah: Krümelmonster ist prima.

Ich war mir nicht ganz sicher, ob du wohl happy bist mit dem Vergleich. Ich wollte mich nicht lustig machen, ich wollte etwas schreiben, das den Leuten gleich im Kopf bleibt. Aber wie man Journalisten kennt, könnte es sein, dass du jetzt in vielen kommenden Interviews auf das Krümelmonster angesprochen wirst.

Peter: Nee nee, keine Angst, kein Problem. Haha.

Euer erstes Mal in München?

Peter: Ist es, ja.
Leah: Ich war schon mal hier, aber nie mit einer Band. Auf Rundreise.

Schon aufgeregt, was passieren wird mit euch in Europa? Ihr habt in Deutschland bei der Universal unterschrieben.

Peter: Also, wir sind gespannt, was passieren kann. Wenn wir künftig zwei, drei mal im Jahr nach Deutschland kommen spielen können, wäre das ein Traum. Ich stehe dermaßen auf Deutschland – es ist wahrscheinlich mein Lieblingsland in Europa. Von all meinen bisherigen Touren mag ich Deutschland einfach so gerne. Die Leute von der Universal redeten sehr viel sinnvolle Sachen, als sie uns das Angebot machten. Und wir meinten, Mann, das ist wirklich eine große Chance, um hier mehr Zeit zu verbringen, Freunde zu finden, und unserer Musik hier eine Art Heimat zu geben. Ein Sommerdomizil.

Du warst schon mit anderen Bands in Deutschland?

Peter: Yeah. Ein Künstler namens Eamon McGrath. Er ist einer meiner besten Freunde, und mit ihm war ich jetzt drei mal in Europa. Deswegen stehe ich so auf Deutschland.

Mei, jetzt bin ich aber geschmeichelt. Jetzt muss ich auch nachhaken – wir Deutsche glauben schließlich immer, wir wären die Uncoolen. Was ist denn so toll an uns?

Peter: Ihr seid alles andere als uncool!
Leah: Wir finden, das Publikum bei euch ist immer sehr ehrlich. Als Band nimmt man ja immer die Stimmung auf, die im Publikum herrscht. Das strahlt dann wieder zurück auf das, was bei uns auf der Bühne passiert und wie wir uns verhalten. Letztendlich ist es das, wo wir unsere Show herum bauen. Deswegen ist es auch anders, vor einer deutschen Crowd zu spielen als vor einer kanadischen, amerikanischen oder französischen. Deutsche Crowds sind sehr aufmerksam, sie passen auf und kriegen mit, was passiert, sie schauen zu. Und hinterher, wenn man ins Gespräch kommt, sagen sie einem knallhart, wie sie’s fanden. Das kriegt man anderswo selten, da gibt es selten Kritik oder Ehrlichkeit oder überhaupt dieses Interesse am Konzert, hinterher noch mal drüber reden zu wollen.

Ha, es ist in der Tat typisch deutsch, Leute verbessern zu wollen. Ich kann mir so richtig vorstellen, dass ein Fan nach der Show sagt: „Der Song hat nicht so gepasst. Und der Song braucht ein anderes Intro“

July Talk 9Peter: Yeah! Aber sie reden nichts schön. Sie wollen dir keinen Honig ums Maul schmieren. Der Stellenwert, den man Kunst und Künstlern in Deutschland gibt, der ist enorm. Die Deutschen finden einfach, dass Kunst ein wichtiger Aspekt der Kultur ist. Wie soll ich das beschreiben? Hmmm, wenn du ein Doktor bist, dann musst du all diese Dinge lernen und Prüfungen bestehen, das ist alles bürokratisch geregelt, da gibt es einen festen Lehrplan. Aber wenn du Künstler bist, dann hält dich nichts davon ab, genau die Kunst zu machen, die für dich die richtige ist. Es gibt also eine bestimmte Sache, die ich in die Welt einbringen kann, und ich werde versuchen, sie einzubringen, so gut und exakt ich es kann. Und deutsche Konzertbesucher erkennen das. Für einen Künstler ist es toll, in eine Stadt kommen, und die totale Aufmerksamkeit seines Publikums zu kriegen. Die Leute haben die Augen fest auf die Bühne gerichtet, sie bezahlen fürs Ticket, sie kaufen die CD, und sie wollen auch Gespräche beginnen! Sie wollen, dass die Show auch für sie etwas bedeutet, und dann entsteht diese Konversation zwischen uns und dem Publikum, und dafür sind wir dem Publikum auch etwas schuldig. Und das macht mir so richtig Spaß.

Du meintest gerade, ihr wollt künftig zwei, drei Mal im Jahr kommen – das wäre auch mein Ratschlag an Euch. Ich meine, ihr wisst ja bestimmt, wie groß eure kanadischen Landsleute Billy Talent in Deutschland sind.

Peter: Yeah.

Die sind hier größer als in den Staaten, vielleicht sogar größer als in Kanada. Deutschland ist eins ihrer Standbeine. Auch deshalb, weil sie sich hier oft und regelmäßig gezeigt haben. Mehr Bands von Übersee sollten begreifen, dass man Deutschland erobern kann, indem man Präsenz zeigt. Wenn man nicht nur in den immer gleichen 3, 4 Medienstädten spielt, sondern auch mal eine Tour mit 15 Städten durchzieht, die sonst nicht auf jedem Tourplan liegen. Deswegen sind auch viele schwedische Bands groß in Deutschland – in den USA ist die Nachfrage nach ihnen vielleicht nicht so groß, also kommen sie eben 3,4 mal im Jahr nach Deutschland und man kriegt sie auch zu sehen, wenn man in Regensburg oder Bielefeld lebt.

Peter: Da triffst du den Nagel auf den Kopf. Deutschland ist für uns das Land, das bezwingbar scheint. Die Leute sagen einem immer, man soll sich auf die Staaten und Großbritannien konzentrieren, da soll man seine ganze Energie rein stecken. Dabei würde es doch genau so Sinn machen, sich wirklich auf Deutschland zu konzentrieren und sich da seine Art zweite Homebase zu schaffen. Einen Ort zu haben, an den man immer zurück kehren kann, freundliche Menschen, gutes Publikum, der UK ist nicht weit weg, ganz Europa liegt in der Nähe… das wäre ein Traum!

So, aber jetzt zu euch. Es gibt in der Marketingsprache den Ausdruck USP – unique selling point. Ich denke, ihr habt einen USP: Das seid ihr zwei, als Frontmann und Frontfrau. Ich kenne keine andere Band, in der diese Kombi auf diese Weise wirkt. Das ist jetzt keine richtige Frage – aber könnt ihr diese Kombination irgendwie kommentieren? Von außen betrachten und analysieren, was diese Kombi ausmacht?

Leah: Also, klar gibt es auch andere Bands mit männlichen und weiblichen Sängern. Aber ich denke, wir zwei stellen immer die Persönlichkeit in den Vordergrund. Wir zeigen immer zwei unterschiedliche Stimmen, zwei eindeutig verschiedene Meinungen. Das ist uns wirklich wichtig. Und die Musik geht genau darum. Da gibt’s keine Effekte und keine elektronischen Spielereien. Es geht ums Lebendige, um Präsenz, um das Gemeinsame.

Ich denke, es ist der Kontrast, der bei euch so besonders ist. Wenn man es mit anderen Boy/Girl-Duetten vergleicht, sagen wir zum Beispiel „I Got You Babe“ – da singen zwei gemeinsam. Ihr singt im Konflikt gegeneinander.

Peter: Das ist genau der Punkt. Also, unser Bassist Josh und ich, wir sind gemeinsam auf der Filmhochschule gewesen. Und was man dort eingetrichtert bekommt wie nichts Anderes, ist das Folgende: Zu viele Leute wollen eine Geschichte schreiben, so a la „ich will von diesem Sommer erzählen, als ich ein Kind war, und wir in diesem Cottage waren und ich erlebte, wie meine Großmutter starb…“ so in dieser Art. Auf der Schule dort bringt man dir als Erstes bei: Es muss einen Konflikt geben. Es muss zwei Seiten geben! In jedem Film – selbst bei den Filmen, von denen du denkst, sie seien nur ausschließlich happy – auch da gibt es den Moment, in dem alles falsch läuft, bevor alles wieder gut wird. In der Kunst, glaube ich, da mögen es die Leute, Konflikte zu sehen! Sie mögen es, zu sehen, wie etwas einstürzt.
Leah: Und sie sehen gerne, wie Dinge, die nicht zusammen zu passen scheinen, am Ende doch zusammen passen.
Peter: Genau! Oder den Versuch, diese Dinge zusammen zu bringen und vielleicht daran zu scheitern! Und wir haben keine Angst davor, verletzlich zu sein, wir haben keine Angst, wirklich brutal ehrlich und offen zu sein. Mit unseren Texten und der Art, wie wir auftreten – ich meine Leah sabbert vielleicht die ganze Bühne voll oder ich schreie jeden an, so: „Was ist los mit Euch`? Warum bewegt ihr euch nicht?! Ihr seid langweilig, ihr langweilt euch selbst!“, oder ich mache nur „WAAARGH!“ – ich gehe auf der Bühne einfach keiner Konfrontation aus dem Weg. Denn im echten Leben, da macht man das die ganze Zeit. Dieses Abwägen, dieses Zurückstecken. Weil Konflikte ja auch fürchterlich sind. Ich will keine Konfrontationen mit meinen Freunden oder mit meiner Familie, diese Art Gespräche will man nicht führen. Aber in der Band geht es um genau das, um diese Ehrlichkeit. Und wenn die Leute so was dann sehen, macht es ihnen Spaß.
Leah: Manchmal ist es mehr flirtend, und manchmal ist es echt eine Schlägerei zwischen den Songs.
Peter: Yeah. Da springt einfach ein Schalter um, Peng!
Leah: Genau.

Dieser Kontrast zeigt sich auch visuell bei euch, zum Beispiel in den Videos, die immer streng schwarz-weiss sind.

Peter: Das war genau die Idee, da kommt es her. Dieser starke Kontrast, dieses extreme Schwarz-weiss. Auch unsere visuelle Seite funktioniert so: Wir verstecken uns nicht. Da gibts keine Projektionen und keine Schatten, die unsere Gesicht verdecken. Es ist so: Hier ist die Person. Das ist sie! Das ist er! Kein Bullshit, weisse Leinwand. Wir wollten nur simplen, noblen Scheiss, schwarz und weiss. Denn wir finden, das gibt wider, was unsere Musik macht.

Denkst du, ihr werdet in der Zukunft mal mit Farben arbeiten? Auf diesem Album wart ihr sehr streng.

Peter: Stimmt – also ich nehme nicht an, dass wir das ändern. Ich bin jemand, der sehr auf Konsequenz steht. Wenn etwas nicht mehr trendy ist, dann muss man trotzdem sein Ding weitermachen – denn wenn du dich änderst und danach richtest, jagst du nur einem Hund hinterher, den du nie einfängst. Ich denke, wenn wir finden würden, wir müssten jetzt was mit Farbe machen, dann würden wir ein neues Projekt anfangen. Aber für July Talk, da haben wir Entscheidungen getroffen, schon in unserem ersten Monat, und wenn wir uns an diese Entscheidungen nicht halten, was sind wir dann? Dann sind wir nicht stimmig, dann sind wir nicht konsequent.

Gleich im ersten Monat habt ihr wegweisende Entscheidungen getroffen?

Peter: Ja, haha! Ich meine, ich trage das gleiche verdammte Hemd auf jeder Show seit 2 1/2 Jahren.

Aber du hast ein paar dieser Shirts, ja?

Peter: Klar! Alles andere wäre ja ekelhaft! Am Anfang habe ich für jede Show ein neues gekauft. Aber (zu Leah) Du veränderst dich ein bisschen mehr, oder?
Leah: Also, als wir die Regeln mit dem Schwarz-weiss zuerst aufgestellt haben, habe ich schon daran gezweifelt. Also, ich mag schwarzweiss-Fotografie – aber ich war auch auf der Kunsthochschule, ich mag Farbkompositionen, ich mag alberne, putzige Kunst. Ich fand es nicht so leicht nachzuvollziehen, warum jetzt alles schwarzweiss sein muss. Da habe ich aufgeschrien: „ABER! Es gibt einen ganzen Regenbogen aus Farben! Ein ganzes Spektrum, das wir verpassen!“ Doch ich habe es jetzt angenommen, ich glaube aber auch, dass ich darauf ein bisschen anders reagiere. Peter ist da echt krass konsequent und felsenfest in seinen Entscheidungen, er ist da ein echter Hardliner. Ich denke, auch um den Kontrast zu geben, ist es mein Job, ich selbst zu sein, wie ich bin. Und das bedeutet eben, nicht jeden Abend das Gleiche zu tragen, oder niemals meine Meinung zu etwas zu ändern.

Diese Entscheidungen aus den ersten Wochen – waren das Ideen, die du vorher schon mit dir herum getragen hast? Für den Fall, dass du eine eigene Band gründest?

Peter: Schwer zu sagen. Ich denke, in meinem Hinterkopf werde ich gewisse Vorstellungen gehabt haben. Aber es gibt ja auch wichtigere Sachen, als sich eine spätere Band vorzustellen. Wie wirst du sein? Wirst du ein impulsiver Künstler sein? Jemand, der spontan entscheidet, auf welche Seite er sich stellt? All diese Entscheidungen sind sehr legitim. Ich weiss nicht mal mehr, ob das vorausgedacht war und ich schon mal drüber nachgedacht hatte. Woran ich mich aber erinnere: Also, Eamon McGrath, den ich vorhin erwähnte, den kenne ich, seit ich zehn Jahre alt bin. Und alles, was wir je getan haben, das basierte immer auf Regeln und Listen und Witzen, aber es war auch immer extrem spontan: „Wollen wir das machen? Dann lass es uns machen, jetzt gleich!“ So: „Idee? Ausgeführt!“ Das ist der Unterschied zu dieser Band. Da wollte ich wirklich, dass alles ein großes Ganzes ergibt, dass alles zusammen passt, dass alles mit einer Stimme spricht, die aus einem großen Lautsprecher kommt. All diese Entscheidungen, die wir trafen, unabhängig davon, wann genau – wir haben uns an sie gehalten. Leah kann tragen, was sie will – sie kann in 15 Millionen verschiedenen Farben kommen, und ihr Haar kann in alle Richtungen abstehen, sie kann total ausflippen – aber alles um sie herum, das hat wie ein schwarzweisses Gemälde zu sein. Es ist halt… ich HASSE es, wenn ich ein Kunstwerk sehe, oder einen Song höre, oder einen Film sehe, und alles ist prima gemacht und durchstrukturiert und dann kommt eine Sache, die einfach nicht reingehört – und man merkt, dass der Künstler das auf Teufel komm raus drin haben wollte, dass er nicht aufs Kunstwerk hin arbeitete, sondern… er war einfach selbstsüchtig in dem Moment.
Leah: Aber was passt und was nicht, das ist doch komplett subjektiv.
Peter: Ja und nein. Da gibt es doch lauter Filme, in denen eine Szene vorkommt, wo sagen wir mal ein Regisseur total aus Selbstsucht eine Szene reingeschnitten hat, in der ein Typ rumschauspielert oder einfach nur fünf Minuten lang eine Straße runter geht, und es ist einfach nur diese selbstgerechte Vorstellung… und es gibt ja Leute, die so was studieren und diskutieren und sagen: Die Szene ist überflüssig. James Taylor – das wäre ein perfektes Beispiel. Er hat den Song, der geht die ganze Zeit: „I’ve seen fire, I’ve seen rain but I don’t think I’ll ever see you again“ – aber am Schluss, in der letzten Zeile, da singt er plötzlich: „Ooh, you’re coming on down the line“, da improvisiert er, und es hat NICHTS zu tun mit dem Rest des Songs! Aber ich finde immer, dass es einen Grund geben soll, warum etwas auftaucht. Der Künstler muss es wenigstens rechtfertigen können.

july talk 4Hattest du diese Ideen also schon im Kopf, als du noch in Eamon McGraths Band warst, oder entwickelte sich das so, weil ihr zwei euch getroffen habt?

Peter: Weil wir zwei uns getroffen haben. Definitiv. Man hat Ideen, klar, so nach dem Motto: „Hey, das wäre ziemlich cool!“ Aber das ist ja alles nichts wirkliches, bis es in echt passiert. Diese Band ist jetzt auch völlig anders, als ich mir je vorgestellt habe, was ich mal machen würde.

Erinnert ihr euch an den Tag, an dem ihr euch kennen gelernt habt? Wusstet ihr sofort: „Das ist jemand, mit dem ich Kunst kreieren werde!“

Peter: Wir haben’s versucht!
Leah: Wir haben’s versucht.
Peter: Ich war einfach völlig weggeblasen, sogar eingeschüchtert von Leah. Ich fand, sie war echt interessant. Und ich mochte ihre Stimme. So richtig gerne! Sie klang sehr ehrlich. Sie klang nicht so, als ob sie singt, um Leute mit ihrer Stimme zu beeindrucken. Ich fand, sie sang so, weil sie auch so redete. Es gibt dieses Zitat: „Wenn du gehen kannst, kannst du auch tanzen.“ Wenn du reden kannst, kannst du auch singen. So singt Leah. Sie macht nicht (imitiert Stimm-Akrobatik) „Aaaaaaargh!“ wie Christina Aguilera, sondern sie singt einfach, wie ihr Hals nun mal klingt. Und das fand ich ehrlich und bewegend. Es war ein ziemlich guter Abend, und gleich von Anfang an, da wollte ich es wirklich probieren.
Leah: Ich war mir nicht so sicher. Ich hatte all die Jahre gelernt, für mich zu sein und die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Mit jemand anderem involviert zu sein, nur Teil von etwas zu sein, die Vorstellung fand ich eher unpassend. Aber dann hörte ich die Songs, und fand sie einfach perfekt.

Dann warst du davor als Solokünstlerin unterwegs?

Leah: Jein. So weit würde ich nicht gehen, das zu sagen. Ich habe das nicht ernsthaft betrieben. Aber ich war auf einer Schule für Kunst und Tanz. Ich machte Musik mit einer Freundin von mir. Der Unterschied war die Energie. Es war einfach das Gegenteil dessen, was ich jetzt mache, eine Rock’n’Roll-Band mit vier Typen, die aufgeladen ist mit Testosteron und Aggression. (Peter lacht). Das war viel ritualisierter und basierte auf Akustikgitarren.

Kriegst du jetzt was ab vom Testosteron? Wirst du auch rougher? Ich frage, weil ich mal eine Woche auf Tour mit einer Band war, die auch ein weibliches Mitglied hat – die Shout Out Louds aus Schweden. Das ist eine Band, die unglaublich höflich und zurückhaltend ist, und ich stellte damals die Theorie auf, es liegt am Mädchen in der Band. Ich sagte zur Band: In diesem Tourbus wird nicht gefurzt, weil ein Mädchen dabei ist.

Leah: Ich glaube… dass die Jungs vielleicht mal etwas mehr nachdenken, in bestimmten Situationen. Aber ich glaube nicht, dass sie sich meinetwegen anders verhalten. Wir sind nur Leute in einer Rock’n’Roll-Band. Und Leute in einer Rock’n’Roll-Band können nur bis zu einem Grad höflich sein, und nur zu einem Grad filtern, was sie sagen.
Peter: Höflichkeit und Bands… ich denke, wenn mal jemand Neues mit uns im Tourbus säße, dann wären wir bestimmt höflich, so circa die erste… Stunde?
Leah: Genau.
Peter: Aber nach dieser Stunde wäre es egal. Danach würden wir uns daneben benehmen wir immer. Wir sind jetzt seit zwei Jahren fast jeden Tag gemeinsam unterwegs, dass es keinen Unterschied mehr macht. Ich glaube, wenn Leah nicht dabei ist, sind wir sogar stiller. Du bringst uns mehr zum Reden.
Leah: Meinst du?
Peter: Ja, schon. Wenn nur wir vier unterwegs wären, wäre vermutlich jeder mehr auf sich selbst konzentriert.

Ihr tourt jetzt also seit fast zwei Jahren – und Peter, du setzt deine Stimme sehr intensiv ein. Die Frage lautet also: Strengt es deine Stimme nicht stark an? Verlierst du nicht nach einer Woche Tour die Stimme?

Peter: Bis jetzt hatte ich das Problem noch nicht. Ich habe aber auch Übungen gelernt, um die Stimme aufzuwärmen und solche Dinge. Manchmal, wenn ich echt extrem gesungen habe und der Club vielleicht ein kleiner verrauchter Schuppen war, kann es schon dauern, bis ich die Stimme zurück habe. Aber am Nachmittag war sie noch immer wieder da. Kein Problem also.

Meine nächste Frage hast du in unserem bisherigen Gespräch schon gewissermaßen beantwortet. Die Frage wäre gewesen, inwieweit diese intensive Figur, die du auf der Bühne darstellst, eine Kunstfigur ist, und in wie weit sie dir als reale Person entspricht. Aber dir beim Reden zuzusehen, beim Gestikulieren, das lässt mich glauben, dass die Bühnenfigur nah an dir dran ist.

Peter: Ja, in einem gewissen Rahmen, ja. Da kommen wir zurück auf das, was wir vorhin zum Thema Konfrontation gesagt haben. Im wahren Leben ist Konfrontation etwas, das Angst macht und das schwierig ist. Mit jemandem zu streiten, das bedeutet Stress und viele Konsequenzen. Aber auf der Bühne, da kann man das alles machen. Da darf man die Streit suchendste, gewalttätigste Person sein, dir selbst gegenüber und – in einem gewissen Rahmen – anderen gegenüber. Ich würde also sagen, das bin schon ich auf der Bühne, aber ich lasse all die Mauern und Sorgen fallen, die ich abseits der Bühne habe. Da kann ich einfach immer tun, was ich will und wann ich’s will und wie ich’s will. Wobei die Energie dabei wohl vor allem daher kommt, dass ich die Crowd mitreissen will, dass ich sie auffordern will, mitzumachen und sich einzubringen. (zu Leah) Wie ist das bei dir, das Verhältnis von deinem realen Du gegen dein Du auf der Bühne?
Leah: Hhmmm… Ich glaube, wie ich auf der Bühne bin, das überrascht viele Leute. Die Poster von uns und die Youtube-Videos haben ein Bild geschaffen, durch das die Leute offenbar bestimmte Vorstellungen von mir haben. Ich glaube, ich will auf der Bühne einfach nur so menschlich wie möglich sein. Und ich möchte dabei die Voreingenommenheit der Leute, wie sie denken, dass ich zu sein hätte, gerne zerstören.

July Talk CoverJetzt zum Album, das im September in Deutschland erscheint. Darauf soll es drei neue Songs geben?

Peter: Zehn Songs sollen auf dem Album sein, zwei davon brandneu für den Rest der Welt, und drei davon waren Bonustracks von der kanadischen Platte. Für uns geht’s also im Juli mal wieder ins Studio.

Es wird also das neue, verbesserte Debütalbum.

Peter: Ja, irgendwo frustrierend, dass wir noch mal bei Null anfangen, aber im Nachhinein, wenn wir an der zweiten Platte sitzen, werden wir uns freuen, dass wir den UK, die USA, Europa alle auf den gleichen Stand gebracht haben. Und dass wir von dort aus gemeinsam die zweite Platte in Angriff nehmen können. Uns hat es zwischenzeitlich schon ein bisschen frustriert, denn wenn dein Album fast zwei Jahre alt ist, willst du natürlich längst an der Neuen arbeiten. Man hat uns quasi gedrängt, das nicht zu tun. Also packt man mal hier ein paar neue Songs drauf, und dort ein paar andere. Naja, man muss wohl einfach nur geduldig sein, denke ich.

Euer erster Song hierzulande ist „Paper Girl“ – ein Song mit einem Text, den ich nicht ganz verstehe, ehrlich gesagt. „Money in your coffee, secrets in your tea“. Man denkt drüber nach. Bei „Money in your Coffee“ denke ich an Starbucks, weil man da acht Dollar für seinen Kaffee zahlt.

Peter: Hahaha, es geht nicht um Starbucks. Es ist einfach ein echt wütender Song. Es geht um diese Momente, in denen man in einer Situation einfach machtlos ist. Darum geht es. Es war so: Ich hatte einfach keine Kontrolle, nichts, woran ich mich halten konnte. Also sagt man einfach nur die gemeinsten Dinge, die einem einfallen. Über jemanden. Man tritt nach, und lacht auch darüber. Über die Vorstellung. Es gibt einen Song namens „Positively Fourth Street“ von Bob Dylan – der klingt so fröhlich, aber er sagt darin die verletzendsten, schlimmsten Sachen. Man weiss aber nicht, über wen er spricht. Ich fand einfach, das sei so eine famose Art, um mit Wut umzugehen. Einfach einen Song zu schreiben, in dem man all die Dinge sagen kann, die man gerne gesagt hätte, wenn man die Chance gekriegt hätte.

Ich verstehe, aber – Sorry, was ist jetzt das Gemeine an „Money in your Coffee“?

Peter: Money in your coffee und secrets in your tea – das bedeutet, Dinge zu verstecken. All das sinnlose Zeug dort zu verstauen, wo es einem passt. Du hast Geheimnisse, du bist untreu und versteckst es an den Orten, die du immer in Griffweite hast. Du hast die schlimmen Dinge immer ganz in deiner Nähe.

Schon immer schwierig, eigene Bilder in die Köpfe anderer Leute zu übertragen.

Peter: Ja, für mich ist das ein Bild, das ganz offensichtlich scheint. Es heisst einfach: Wenn du so drauf sein willst, wenn du solchen Scheiss machen willst – dann bleib weg von mir! Wenn du all diese Dinge machst, auf die ich keinen Bock mehr habe, mit denen ich durch bin – dann hau ab. Das war der Gedanke dahinter.

Okay, ich denke ich folge dir jetzt. Themawechsel, Ihr seid aus Toronto?

Peter: Leah ist aus Toronto.
Leah: Ich bin aus Toronto, Peter kommt aus Edmonton.
Ah – Edmonton, das ist mitten im Inneren Kanadas, richtig?
Peter: Etwas mehr westlich vom Zentrum, aber sonst ja.

Aber gegründet habt ihr euch in Toronto.

Leah: Ja, das stimmt.

Die Frage ist: Wie ist Toronto so für Bands? Ein guter Ort, um sich zu entwickeln?

Leah: Definitiv. Doch, in Toronto ist ordentlich was los. Es ist ja nicht so leicht, in Kanada zu touren, denn dafür, wie riesig das Land ist, gibt es nicht besonders viel Bevölkerung, die Wege sind extrem weit. Deswegen ballt sich alles in kleinen Zentren, in denen man sich schnell kennenlernt. Auf einmal kann man mit seiner Lieblingsband auf Tour gehen, und lernt da wieder wen kennen, und darüber wieder jemand anders. Dann spielt man immer wieder in den gleichen Städten, trifft wieder die Leute vom letzten Mal und schnell fühlt sich ganz Kanada an wie eine einzige Kleinstadt. Insofern hat uns Kanada auf jeden Fall beeinflusst, weil man immer in bestimmten Bars und Clubs landet, bestimmte Bands trifft.

Wenn es einen unsere Leser mal nach Toronto verschlägt, wo sollen sie hingehen?

Leah: Geht in die Bar „Communist’s Daughter“. Das ist der Ort, wo Peter und ich uns kennen gelernt haben.

Na, ich hoffe, die haben in ihrer Bar jetzt eine Plakette dazu angebracht?!

(Beide lachen)
Peter: Das ist mal ne Vorstellung!
Leah: Oder geh in die „The Dakota Tavern“, gleich gegenüber von Communist’s Daughter. Da hängen wir auch gerne rum. Oder in den „Silver Dollar“. Da haben wir ein paar unserer allerersten Shows gespielt.

Okay, zum Schluss frage ich immer gerne nach Anekdoten. Und die Frage ist: Was war die verrückteste Show, die ihr je gespielt habt?

Peter: Tall Tree? Das war ziemlich verrückt.
Leah: Tall Tree… Hm. Da will ich aber nicht drüber sprechen.
Peter: Willst du, dass ich’s erzähle? Okay?
Leah: Geht klar.
Peter: Es gibt also dieses Festival namens „Tall Tree“. Das liegt fernab der Zivilisation, zweieinhalb Stunden von jedem Handynetz entfernt. In der Wildnis, am äußersten Rand von Kanada. Es ist auch ein Drogenfestival. Die Leute da sind alle voll auf Acid, Pilzen und Ecstasy und was es sonst alles gibt. Wir kamen also an, und wir waren gleich die erste Band des kompletten Festivals. Unser Publikum, das werden nicht mehr als 15, 20 Leute gewesen sein. Eine Riesenbühne aber, ein Riesengelände. Und all diese Gäste, sie trugen Tierkostüme, und sie waren völlig high. Als wir fertig waren, mussten wir diesen Pfad entlang… und dort hatten all die Leute laute total verrückte Zelte aufgebaut – es sah aus wie das Paradies für einen Halluzinierenden, es sah aus, als läuft man durch Schlumpfhausen. Da gab es Baumhäuser und all die Dinge, die man sich auf einem Acid-Trip vorstellen würde. Die Nacht wurde sehr lang und länger, und wir nahmen Teil an der Party. Aber wir mussten auch am nächsten Tag für eine Show nach Seattle. Das war wohl eine der schwersten unserer Fahrten im Van – wir waren alle total durch und verkatert. Jedenfalls, das war verrückt damals. Weil dort einfach nur völlig durchgeknallte Leute unterwegs waren. Und eine Show vor Leuten in Tierkostümen zu spielen, das war natürlich auch entsprechend weird.

Okay, und damit haben wir Teil 1 des Interviews hinter uns. Jetzt kommt noch unser Fragebogen. Wollt ihr eben ein Päuschen machen?

Peter: Nee, kein Problem, mach’ gleich weiter!

Tja, ich mache aber doch ein Päuschen. Damals nicht, aber hier auf dem Blog werde ich euch noch ein wenig hinhalten und den Fragebogen erst demnächst folgen lassen.

Ein Kommentar zu “Interview: July Talk”

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